Die italienische Performerin Chiara Bersani in „Gentile Unicorn“. 
Foto: Chiara Bersani

BerlinMan hätte in letzter Zeit denken können, ein Festival wie das No Limits, das alle zwei Jahre Theater von und mit Behinderten nach Berlin holt, sei eigentlich gar nicht mehr nötig. Inklusion allerorten und jede größere Bühne dieser Stadt hat mittlerweile mindestens eine inklusive Produktion im Repertoire, sei es ein hoch getunter Klassiker wie die „Antigone“ im Deutschen Theater, sei es eine gruselige Freakshow wie das „Dekameron“ im Berliner Ensemble.

Tatsächlich folgt all das zweifellos dem besten Willen, doch verrät schon der Begriff Inklusion, „Einschließung“, dass es sich dabei keineswegs um eine offene Begegnung auf Augenhöhe handelt, um eine ernst gemeinte Verschiebung der Wahrnehmungen vor allem auch der Nichtbehinderten in einen Bereich jenseits ihrer herrschenden Normen. Stattdessen ist es selten mehr als ein nur etwas freundlicher gestalteter Hinweis von Menschen ohne an Menschen mit Behinderungen, dem herrschenden Normenkanon doch bitte beizutreten.

Behinderte Künstler wollen selbstbestimmt arbeiten

Gut bleibt, was erfolgreich ist, und Kunst kommt hier zuerst von Können. Radikale Andersheit Dann aber begann in der vergangenen Woche zum neunten Mal seit 2005 wieder das No-Limits-Festival, und schon nach drei Veranstaltungstagen schaut man plötzlich wieder ganz anders auf die Möglichkeiten eines solchen theatralen Crossovers. Denn gleich mehrere der dort auftretenden Künstler aus zehn Ländern entwickeln so radikal andere Sinnlichkeiten und schaffen so verdrehte Denk- und Erlebniswelten, dass ihnen in einem paternalistischen Theaterbetrieb dafür gewiss kein Platz eingeräumt würde.

In einer Zeit, in der behinderte Künstler immer mutiger werden und selbstbestimmt arbeiten wollen, bleibt das No-Limits-Festival, das dieses Jahr von dem Wiener Choreografen, Performer und Philosophen Michael Turinsky mit kuratiert wurde, wichtig wie je. Die italienische Performerin Chiara Bersani ist eine solche Künstlerin, der mit ihrem intensiven Kriech-Solo „Gentile Unicorn“ so etwas Besonders gelungen ist. Chiara ist 98 cm groß, wobei die kleinen Beine den kompakten Körper nicht tragen können, weshalb ihre starken Arme sie über den Boden des HAU2 ziehen.

Schnell springen einem diverse Tierbilder in den Kopf, aber Chiara bewegt sich so konzentriert langsam gegen alle Schnellschüsse an und schaut so offen und klar, dann auch verletzt, scheu, lasziv und immer befremdlich jedem ins Gesicht, dass man schnell aufhört, sie zu taxieren, und stattdessen nur noch ihrer Choreografie der Blicke folgt.

Das Festival

Das No-Limits-Festival für Disability & Performing Arts findet seit 2005 statt. Veranstalterin ist die Lebenshilfe Kunst und Kultur mit: HAU, Theater Thikwa, Ballhaus Ost, Sophiensäle und Nordberliner Werkgemeinschaft.

Mitkurator Michael Turinsky ist ein behinderter Choreograf, Performer und Körper-Philosoph, der in Wien lebt und arbeitet. Für „Ravemachine“ (mit Doris Uhlich) erhielt er 2017 den Nestroy-Spezialpreis.

Das Programm findet bis 16. November in den beteiligten Häusern statt. U. a. sind noch Jo Bannon, Monster Truck, Claire Cunningham und Tiziana Pagliaro & Theater Hora zu sehen. www.no-limits-festival.-de

Radikale Wahrnehmungsverschiebung 

Bald kontrollieren ihre Augen die Szenerie und Bersani im weißen Hemdchen dehnt ihren nackten Fuß, winkelt keck das Bein an und wirft den Oberkörper zurück: ein fabelhaftes, auch erotisch spielendes Kugelwesen. Ein Einhorn? Vielleicht. Eher rutscht sie an den Zuschauern entlang wie ein Tiger am Gitter eines Käfigs.

Was in dieser ungeheuer dichten, auch provokativen Stunde entsteht, ist genau das, was Michael Turinsky die radikale „Neuaufteilung des Sinnlichen“ nennt. Es ist die langsame Verführung und Überlagerung konventioneller Vorstellungen von Einhorn-Schönheit, Wohlklang, Erotik in die Kugelrumpf-Schönheit Bersanis.

Eine ähnlich radikale Wahrnehmungsverschiebung, in der das, was man „Figur“ nennt, als Deformation erst ganz zu sich selbst kommt, vollzieht der Brasilianer Marcos Abranches in seiner beeindruckenden choreografischen Farbmanscherei namens „Corpo Sobre Tela“.

Langsam befreit sich der dünne, spasmatische Tänzer darin von Hemd und Krawatte und entdeckt die Kraft der Farben. Immer energischer wälzt er sich im bunten Brei, bis die Grenzen zwischen ihm und der feindlichen Umwelt verwischen und er als zerflossene Francis-Bacon-Figur dasitzt.

20.000 Luftballons ließen Perfomerin schweben 

Und plötzlich bedeuten seine Spasmen nicht mehr Kontrollverlust, sondern Befreiung. Den Gipfel der Ambiguität dieser viel gesuchten Befreiung aber erklomm sicher einen Tag später die gehbehinderte Londoner Performerin Noemi Lakmaier mit ihrem Langzeit-Spektakel „Cherophobia“.

Der leer geräumte Saal des HAU1 war gerade groß genug für ihre spektakuläre Versuchsanordnung, in der 20.000 Luftballons die Performerin selbst zehn Stunden lang in der Luft schweben ließen. Ein Solitär unter den Performances, gewiss, auch weil es um das höchst seltene psycho-soziale Phänomen geht, Angst vor Freude oder Glück zu haben. Was ist hier Glück?

Der Moment des freien Schwebens? Die ungeheure Fleißarbeit eines Heers von Arbeitern, die zur Vorbereitung eine ganze Nacht lang Ballons aufgeblasen haben? Die luftige, bunte Pracht selbst oder die abertausend Seile, die die Performerin wie in einen Kokon einspannen und unter der sogar in sich noch fixierten Ballonsäule festzurrten? Das Glück ist doch ein Paradox. Angst auch.