Berlin -  Frei und geheim sind die Wahlen hier. Wer das noch anders erlebt hat, weiß es besonders zu schätzen. Die Online-Fragemaschine Wahl-O-Mat stiftet jedoch auch offene Familienunterhaltungen und Gespräche im Freundeskreis an, laute Überlegungen darüber, wer zu einem passen könnte. Um mal aus dem Näh-, ach was, Handykästchen zu plaudern: Ich habe laut Wahl-O-Mat eine starke Affinität zur Tierschutzpartei. Meinen Hund wird’s freuen. Aber ob ich ihr am 26. September meine Stimme geben sollte?

Das internetbasierte Programm Wahl-O-Mat mit seinen 38 Fragen ist als Entscheidungshilfe gedacht, nicht als Verpflichtung. Es konfrontiert den Nutzer mit Themen, die in den kommenden vier Jahren, ob im Bund, in Berlin oder in den Bezirken, eine Rolle spielen werden. Die Antworten werden vom Algorithmus ins Verhältnis zu den entsprechenden Parteiaussagen gesetzt. Es ist möglich, deren Bedeutung doppelt zu gewichten. Als Wähler findet man also seine Gedanken zu Klima- oder Asylpolitik, zu Bildung oder Mietenkontrolle den Wahlprogrammen zugeordnet. Tierfreundlich bin ich, doch als kulturinteressierte Person finde ich mich da kaum wieder. Nur die speziell Berliner Fragen nach Lärmschutzmaßnahmen für Clubs, freiem Eintritt in die Museen und Rückgabe von Exponaten, die im Kolonialismus geraubt wurden, gehen in diese Richtung.

Dem Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, ist das auch aufgefallen, er nennt den Wahl-O-Mat „kulturlos“. Nun liegt die Vermutung nahe, dass die Parteien keine Aussagen dazu machen. Das stimmt aber nicht. In den Programmen ist von Förderung angesichts der Pandemiefolgen die Rede, von Leit- oder Erinnerungskultur, von den Kreativen als Wirtschaftsfaktor und von der Vielfalt bei der Besetzung von Intendanzen. In der Corona-Krise wurde Kultur oft als Lebensmittel bezeichnet. Diesen Slogan haben die Entwickler bei der Bundeszentrale für politische Bildung offenbar schon wieder vergessen.