Er trägt jetzt Schlips! Aber nur manchmal, zum Beispiel, wenn er wie an diesem Tag abends noch in die Staatsoper muss. Steht ihm gut. „Leider kann ich die Dinger nicht selber binden“, sagt Tim Renner, als wir ihn zum Gespräch in seinen neuen Amtsräumen in der Kulturverwaltung in der Brunnenstraße besuchen: „Das macht meine Frau morgens für mich.“

Und sonst? Läuft’s? Macht’s noch Spaß? Oder reut es Sie, dass Sie sich auf das Amt eingelassen haben?

Bereut habe ich es nie, und die schlimmsten Panikanfälle sind überstanden.

Wann waren die am schlimmsten?

Kurz vor Antritt, als ich den Terminkalender für die ersten Wochen sah und mir klar wurde: Viel Zeit zum Nachdenken ist da nicht.

Weil Sie so viele neue Leute kennenlernen mussten. Eine endlose Kette von Mittagessen…

So kennt man das aus der Wirtschaft. Aber nein, diese Verwaltungsbeamten essen beim Kennenlernen nichts. Höchstens mal einen Keks.

Wie hat denn der Verwaltungsapparat auf Sie reagiert?

Zwischen Neugier und Abwarten. Das ist ja anders als bei einer Firma, in die du als neuer Geschäftsführer kommst. Die Leute im Apparat wissen, dass sie noch da sein werden, wenn du längst wieder weg bist. Insofern gehen die das Ganze entspannter an.

Allzu entspannte Mitarbeiter sind aber auch nicht von Vorteil, wenn man neue Ideen umsetzen will.

Ja, aber da hat die Kulturverwaltung den Vorteil, dass die Kollegen sich wirklich für ihr Thema interessieren – sie wollen der Kultur den angemessenen Stellenwert in der Gesellschaft verschaffen. Und sie erkennen, glaube ich, in meiner Person auch eine Chance, das in Feldern zu tun, die bisher nicht so intensiv bearbeitet wurden.

Man kommt also als Neuer ins Amt, hat eine Vision… und dann?

Ich habe erst einmal einen Workshop gemacht. Mit den Referatsleitern, dem Sprecher, der persönlichen Referentin, dem Büroleiter. Mit denen hab ich mich anderthalb Tage in Weißensee weggeschlossen, um nachzudenken: Wie sehen wir Berlin im Jahr 2030? Was macht die Kultur dann? Daraus ist ein Visionsgerüst entstanden, das man in vier Punkte gliedern kann. Jetzt komm ich ins Monologisieren, stoppen Sie mich…

Nee, ist super. Machen Sie weiter.

Also, die vier Punkte: 1. Orte; 2. E und U; 3. Transparenz und 4. der Berlin-USP…

…Berlin-USP?

Unique Selling Proposition! Alleinstellungsmerkmal! Ja, die Verwaltung quält mich mit lauter komischen Begriffen wie „Aufwuchs“ und „Dienstvollzug“, und ich quäle sie mit Wirtschaftsworten zurück. Also 4.: der Berlin-USP, nämlich Freiheit und Diversität.

Fangen wir mit Punkt 1 an. Orte.

Wir waren uns schnell einig darüber, dass die Schlacht um die Kultur in der Stadt über die Orte geschlagen wird. Die größte Gefahr, die sich beim Blick in das Jahr 2030 zeigte, war, dass die Kultur aus der Stadt völlig verschwunden sein könnte. Dass das, was sie eigentlich belebt, Aufschwung und Zuwanderung Berlins bedingt, an die Ränder gedrängt wird.

Wie wollen Sie das verhindern?

Indem wir uns genauer anschauen: Welche Liegenschaften vergibt die Stadt, und wie können wir uns da besser einmischen?

Direkten Einfluss haben Sie nicht.

Nein, da kann ich nur meine Stimme erheben und mahnen, zum Beispiel in Interviews wie diesem. Im Interesse der Stadt brauchen wir kulturelle Mitsprache im Portfolioausschuss. Wir müssen sogar bis in die einzelnen Bebauungspläne hinein gehen und dafür sorgen, dass in bestehenden Kiezen und bei Neuansiedlungen garantierte Plätze für Kultur festgeschrieben werden. Wir müssen deutlich machen, dass die Menschen nicht wegen eines sicheren Arbeitsplatzes bei Daimler oder Bosch, sondern wegen des Kulturversprechens nach Berlin strömen, Wohngebiete also durch kulturelle Orte aufgewertet werden.