Sie haben am Wochenende noch nichts vor oder sind noch nicht restlos mit Freizeitaktivitäten ausgebucht? Sehr gut! Die Berliner Zeitung hat für ihre Leserinnen und Leser wie jede Woche Kulturtipps für das kommende Wochenende in Berlin gesammelt. Viel Spaß!

Sophie Rois fährt gegen die Wand

Theater: Das Deutsche Theater wartet an diesem Wochenende mit gleich zwei Star-Theaterabenden auf. Am Freitag kann man die scheidende, zur nächsten Spielzeit ins Ensemble der Volksbühne zurückkehrende Sophie Rois mit ihrem Soloabend „Sophie Rois fährt gegen die Wand“ erleben. Vor ihrer letzten Premiere, natürlich wieder in der Regie von René Pollesch am 1. Juli, stellt sie noch einmal den Roman „Die Wand“ von Marlen Haushofer vor, wobei es zu einem einprägsamen Auftritt auf einem gigantischen Stück Sahnetorte mit einer durchaus aufreizenden Erdbeere kommt. „Die Wand“ ist ein irres, heute viel zu wenig beachtetes Buch, das man zusammen mit Marian Engels „Bär“ lesen sollte, um die tiefe Spielfreude und den gedanklichen Reichtum des 70er-Jahre-Feminismus würdigen zu können.

Deutsches Theater/Arno Declair
Sophie Rois auf der Erdbeertorte.

Und am Sonnabend verabschiedet das Theater Jan Bosses „Don Quijote“-Inszenierung mit dem frischgebackenen Bundesverdienstpreisträger Ulrich Matthes in der Titelrolle und Wolfram Koch als dessen Knappe Sancho Panza. Wer das verpasst, kann immer noch auf „Endspiel“ hoffen, das in derselben Konstellation mit Bosse, Matthes und Koch mehr Erfolg hatte und weiter im Spielplan bleibt. Karten und Informationen unter Tel.: 28 44 12 25 oder www.deutschestheater.de Ulrich Seidler


Wüste im Grün

Kino: Dass die Eröffnung des Freiluftkinos Rehberge von einem Tornado begleitet werden könnte, ist natürlich suboptimal – spätestens bis Sonntagabend sollten die 1500 Plätze in Wedding aber wieder trocken sein. Dann läuft Denis Villeneueves Sci-Fi-Meisterwerk „Dune“, dessen hypnotisches Wüsten-Setting im grünen Volkspark eine ganz neue Wirkung entfalten könnte.

Warner Bros. Pictures
Wüste im Grün: „Dune“ im Freiluftkino Rehberge.

Im Freiluftkino Kreuzberg bleiben die Zuschauer zwar auf dieser Welt, reisen allerdings in die Vergangenheit. Torsten Körners „Die Unbeugsamen“ erzählt von Politikerinnen in der Bonner Republik. In den riesigen Archiven der Öffentlich-Rechtlichen hat der Regisseur vergessene Schätze gehoben, die die besonderen Herausforderungen für Frauen in allen Parteien in 70er- und 80er-Jahren wieder in Erinnerung rufen: Grölendes Gelächter, als es darum ging, Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe zu stellen, männliche Mutmaßungen über die aktuelle Unterwäsche der Rednerinnen, unfaire Behandlung durch die Medien sowie Konkurrenzkämpfe untereinander, weil die Frauen ahnten, dass man nicht zu viele von ihnen dulden würde. Man kann diesen Film auch als Warnung sehen: Nach der letzten Wahl ist der Frauenanteil im Bundestag seit 20 Jahren erstmals wieder geschrumpft, auf 31 Prozent. Claudia Reinhard

„Dune“ läuft am Sonntag um 21.15 Uhr im Freiluftkino Rehberge,
„Die Unbeugsamen“ am Sonntag um 21.30 Uhr im Freiluftkino Kreuzberg


Als Flüchtling in der Sonnenallee

Theater: Am Wochenende gibt es im Berliner Ensemble die Uraufführung von „Gott ist nicht schüchtern“ zu sehen. Das Stück beruht auf dem gleichnamigen Roman von Olga Grjasnowa, erschien 2017 und erzählt und die Geschichte dreier junger Menschen, die vor der Gewalt des Syrien-Krieges fliehen und letztlich als Flüchtlinge auf der Sonnenallee in Berlin landen.

JR Berliner Ensemble
Szene aus „Gott ist nicht schüchtern“ mit Lothar Müller, Cynthia Micas und Marc Oliver Schulze (v. l.)

Der Ausgangspunkt der Handlung ist Damaskus im Jahr 2011 – ein Ort, wie man ihn sich nach den Zerstörungen des Syrien-Krieges kaum mehr vorstellen kann: Es gibt eine blühende Kulturlandschaft, lebhafte Einkaufsstraßen und ein pulsierendes Nachtleben. Daran, dass all das unter dem autokratischen Assad-Regime stattfindet, erinnern damals vor allem friedliche Proteste. Von hier aus „begleitet das Stück die Figuren in einen Albtraum, der bis heute Realität ist.“ Der traurige und nahegehende Roman über Amal, Hamoudi und Youssef wurde von Laura Linnenbaum inszeniert und steht am Sonnabend (20 Uhr) und Sonntag (19 Uhr) auf dem Spielplan. Friedrich Conradi


Putin-Kritiker spricht über seine Bücher

Literatur: Am Sonnabend ist ein russischer Schriftsteller im Literaturhaus zu Gast, der zwar zwei frisch auf Deutsch erschienene Bücher dabei hat, aber vermutlich wenig dazu gefragt wird. Denn Vladimir Sorokin ist ein kluger Beobachter der Politik in seinem Land, der in den Anfängen seines Schreibens Zensur erlebt hat und inzwischen wieder so schlechte Erfahrungen, dass er lieber in Berlin bleibt. Vor einem Monat veröffentlichte er einen Gastbeitrag im Spiegel („Putin zerstört die russische Kulturnation“), der sich mit den Auswirkungen des Angriffskrieges gegen die Ukraine beschäftigte.

Der Freundeskreis Schloss Wiepersdorf hat Sorokin nach Charlottenburg eingeladen, Wladimir Velminski vom Berliner Verlag Ciconia Ciconia, der gerade Sorokins Buch „Das Bankett“ herausgebracht hat, wird mit ihm sprechen. Salat aus Liebesbriefen, Tonbandcremesuppe sowie Perserteppichtorte kommen in dem Buch auf den Tisch, doch wie so oft hat das Essen in Sorokins Büchern eine allegorische Bedeutung. Oder es treibt Konflikte auf die Spitze, wie in der Geschichte „Der Fingernagel“, in der ein Abend unter Freunden außer Kontrolle gerät. Sie ist in dem Band „Die rote Pyramide“ enthalten, der kürzlich bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist. Das Leben und Leiden im postsowjetischen Russland, oft absurde Verstrickungen in Abhängigkeiten findet man in diesen Erzählungen. „Im Berliner Exil“ ist der Abend überschrieben. Beginn 19 Uhr im Literaturhaus, Fasanenstr. 23 und im Stream. Cornelia Geißler


Festival für „Soziales Fermentieren“

Kunst: Nach zwei Jahren der relativen Isolation widmet sich das Art Laboratory Berlin jetzt der Frage, welche Möglichkeiten sich im Sozialen wiederbeleben lassen. „Hackers, Makers, Thinkers“ will verdorrte soziale Beziehungen zum Klingen bringen. Dem Projekt, das Berliner Event-Orte und Künstler:innen aus Südamerika und Südostasien verbindet, geht es um Kunst, die auf Kooperation beruht. Dazu zählt etwa eine Gruppenausstellung, eine interdisziplinäre Konferenz sowie zahlreiche Künstlerworkshops und Performances. Es ist das, was die Macher:innen des Festivals „Soziales Fermentieren“ nennen.

Art Laboratory Berlin
„KHIPU DIALOGUES“ von Constanza Pina Pardo

Das Projekt „Entangled Beauty. A Perfect Marriage“ der indonesischen Künstlerin Irene Agrivina verbindet etwa landwirtschaftliche Praktiken, Kunst und Biologie. Mit ihrer Installation, die eine Biobatterie beinhaltet, kombiniert die Künstlerin Wasserpflanzen mit Cyanobakterien. Die Installation „Codex Virtualis“ des mexikanischen Kunstkollektivs Interspecifics ist eine ästhetische Reise durch ein Ökosystem aus neuronalen Netzen und Algorithmen und schafft einen künstlerischen Rahmen für die Erkundung spekulativer Lebensformen. Die taiwanesische Künstlerin Pei-Ying Lin interessiert sich für Viren – insbesondere für solche, die für das menschliche Überleben entscheidend sind. Ihr Projekt „Virophilia“, das ebenfalls an diesem Wochenende zu sehen ist, ist sowohl Kunstbuch, als auch als Installation.

„Hackers, Makers, Thinkers“: an verschiedenen Orten, Eröffnung am Freitag, 20 Uhr im Art Laboratory Berlin, Prinzenallee 34. Mehr Informationen unter:
www.artlaboratory-berlin.org/de/

Ikonen der Vorkriegs-Moderne

Kunst: Was der deutsche Bildhauer Ernst Barlach (1870–1938), Weggefährte von Käthe Kollwitz und einer der von den Nazis bestgehassten Künstler, hinterließ, zählt zu den Ikonen der Vorkriegs-Moderne. Er hinterließ der europäischen Kunstgeschichte ein Oeuvre, dessen metallener Teil seinerzeit komplett in der traditionsreichen Berliner Bildgießerei Noack gegossen wurde. Da gibt es diese einst aus einem Holzblock geschlagene, dann Ende der 1920er-Jahre in Bronze gegossene Gestalt: den „Singenden Mann“ – als Extrakt des Menschseins.

Die Plastik steht im Mittelpunkt einer Schau bei Noack. Sie belegt, wie einzigartig Barlachs Kunst war. Er holte mit dem Schnitzeisen Figuren des Alltags zuerst durch unmittelbare Anschauung aus dem Holz. Danach machte er bei Noack die Gipsformen für den Guss. In beiden Fällen gelang das Ergebnis universell als dauer-aktuelles Existenzzeichen des Homo sapiens, verortet in der Ungewissheit des Geworfen-Seins zwischen Himmel und Erde.

Bildgießerei Noack/Roman März
Blick in die Barlach-Ausstellung der Werkstattgalerie Noack, vorn der „Singende Mann“, Bronze, Zink, 1928.

Die Ausstellung bei Noack widmet sich Barlachs seltenen Abgüssen zu Lebzeiten, darunter auch so berühmte Plastiken wie „Das Wiedersehen“ (das biblische Gleichnis vom verlorenen Sohn) und das Gipsmodell des „Schwebenden Engels“ aus dem Güstrower Dom, mit dem Gesicht der Kollwitz. Denkwürdig, dass diese Werke fast 20 Jahre nach einer Reise nach Südrussland und in die Ukraine entstanden sind 1906, da war Barlach auch in Kiew, Charkow, im Donezk-Gebiet. Zu diesem Zeitpunkt sah er, selber des gefälligen Jugendstils überdrüssig, die deutsche Bildhauerei an einem Tiefpunkt, vornehmlich die verlogene Salonplastik. Er suchte nach einem eigenen Stil, der authentischer, existenzieller Ausdruck für die Lage einfacher, armer Leute sein sollte. Das half ihm, später jene Inspiration zu finden, die seiner Auffassung von Ästhetik, Expression und Wahrhaftigkeit entsprach. Ingeborg Ruthe

Werkstattgalerie Noack: Am Spreebord 9a, bis 3. Juli, Mo.–Fr. 10–17/Sa. 12–18 Uhr