Die britische Sängerin und Tänzerin FKA Twigs.
Foto: MediaPunch/imago

LondonSchaut nur, was sie mit FKA twigs auf dem Cover ihres neuen Albums angestellt haben. Seltsam zerbeult und formlos das Gesicht, der Hals breit, die Schultern aufgepumpt, schaut sie ikonenhaft nach oben aus dem Bild. Vor allem jedoch wirkt sie zerschrammt, die Augen zerlaufen, ein Augapfel buntes CGI-Geschmier, an Wange und Nacken blättert die Haut ab wie von einer Plastik- oder Wachsfigur.

Der Anblick verstört zweifellos jene Leute, die sie von ihren bisherigen Arbeiten als filigranes, ja ätherisches Wesen kennen, zierlich, feingliedrig, so zart wie die Stimme, die sich bis in die hellsten Höhen aufschwingen kann. Noch verwirrender wirkt er, wenn man sie wie ich im Frühjahr in der Ballettaufführung gesehen hat, mit der sie nach längerer Konzertpause dieses zweite Album angekündigt hat.

Sie hieß „Magdalene“, wie jetzt auch das Album, ein gewissermaßen redseliger Titel angesichts des Debüts „LP1“ vor fünf Jahren. Die Performance war ein straff choreographiertes Tanzspiel, die Kostüme des jungen Modedesigners Ed Marler so anachronistisch wie die Bewegungen zwischen Breakdancephyisis und klassischer Schwerelosigkeit.

Es empfiehlt sich, „Magdalene“ laut zu hören

Vom Album selbst gab es damals nur ein paar Titel, die etwas kompakter klangen als der furiose R&B-Futurismus, mit dem sie ihre Karriere begann. Ein trügerischer Eindruck.

Es empfiehlt sich auf jeden Fall, „Magdalene“ laut zu hören. Die Nuancen in den digitalen und digitalisierten Sounds öffnen die Architektur der vom Hall aufgerissenen Räume ganz wunderbar; aber sie hat ihre Klangwelt auch überraschend analog erweitert und zeigt sich melodisch zugänglicher als bisher.

Das Cover von "Magdalene".
Foto: Beggars Group/dpa

Die ersten EPs und das Albumdebüt wirkten wie Meldungen aus fernen Welten, voll wundersamen, unerhörte Sounds aus Materialien, die bei uns am Boden bis in den schwebenden und verfremdeten Aliensopran vollkommen unbekannt schienen. Erdschwer gab sie sich allein in den Texten: „I can fuck you better“, sang sie, oder „Water Me“, während der Sex sich im Cyberspace verflüssigte.

Auf „Magdalene“ scheint es, als habe sich der Alien im irdischen Körper eingelebt, und dabei neben Begehren und Lust auch Gefühle in Bodennähe erfahren. „Ich bin ein gefallener Alien singt sie in „Fallen Alien“, und wechselt die Temperatur der Stimme zwischen zorniger Entschlossenheit und verzweifelten Spitzen, während um sie her ein wild gepitchter Chor zischt und Klavier und die Percussion giften und bollern.

Künstlerisches Selbstverständnis erschüttert

Der Sturz hat einen biographischen Hintergrund: Als Künstlerin wurde Tahliah Barnett, so der bürgerliche Name, in eher avantgardistischen Szenen gefeiert; durch die Beziehung mit dem Teen-Idol Robert Pattinson fand sie sich plötzlich in eine hysterische Celebrity-Welt geschubst, mit Paparazziheeren, enttäuschten Teenagern und rassistischen Anfeindungen im Netz.

Durch eine Unterleibsoperation im letzten Jahr wurde ihr künstlerisches Selbstverständnis zusätzlich erschüttert. Als gelernte Tänzerin - auch beide Eltern tanzten professionell - hatte sie ihre ersten Popauftritte in Musikvideos und die physische Performance gehört zu den wesentlichen Bausteinen ihrer Musik. „Ich hatte keine Ahnung, wie allumfassend sich ein gebrochenes Herz anfühlt“, gab sie vorab den Hörern als Statement mit auf den Weg. „Ich hätte nie gedacht, dass mein Körper versagt und mir die Möglichkeit des physischen Ausdrucks verweigert, den ich liebe, der mir Trost bringt.“

TahliahBarnett zielt ins Überindividuelle

Doch so sehr der Hintergrund offenbar die oft zerrissene und widersprüchliche Musik prägt - es geht Barnett nicht darum, ihre Wunden zu zeigen. Sie zielt ins Überindividuelle. Sie empfinde es als enorm „stressig, als Woman of Color ständig die nubische Königin geben zu müssen: Ich bin stark und unabhängig - aber auch sehr verletzbar und sensibel“, sagte sie in einem Interview, um sich hier mit letzter Zerbrechlichkeit an der Liebe abzuarbeiten, mit orgasmischen Seufzern in digitalen Atmosphären zu verschwinden oder, in „Daybed“, wortreich zu masturbieren und ihre Titelheldin aus der einseitigen Beziehung mit dem berühmten Mann zu befreien: „I can lift you higher/ I do it like Mary Magdalene/ I’m what you desire/ come just a little bit closer till we collide“, singt sie.

Vom Traptitel zur Klavier-mit-etwas-Noise-Ballade

Dazu hört man einen schleppend pochenden Downbeat, die Stimme solo schwebend, im Hall aufgelöst oder zum Chor vervielfältigt, das Arrangement verbindet in ominösen Verwischungen harfische Saiten, knöchernes Rasseln, dumpfes Dröhnen und Keyboardschwaden.

Die Musik des Albums, wesentlich von ihr selbst mit dem Elektromusiker Nicolas Jaar produziert, spielt auf unerwartete Weise mit allerlei Popformaten, vom Traptitel mit Rapstar Future zur abschließenden Klavier-mit-etwas-Noise-Ballade. Aber die Arrangements mit ihren mutigen, oft atemberaubenden stofflichen Fallhöhen und Einbrüchen, der entschlossenen Mischung vertrauter und andersweltlicher Sounds entfernen „Magdalene“ mit Macht von jeder Konvention.

Auf der Rückseite des Covers sieht man die Ganzkörperversion des Porträts: Als massige Athletin, die modernisierte Version des Faustkämpfers von Quirinal, liegt sie da, erschöpft, zerschrammt, fremd. Aber voll seltsam menschlicher Würde.