Widad Nabi, in Kobane geboren, lebt und schreibt heute in Berlin.
Foto: Heike Steinweg

BerlinDer Name steht für ein Programm: „Weiter Schreiben“. Man kann die Initiatorinnen nur dazu beglückwünschen, diese doppeldeutige Wendung gefunden zu haben, die so klar und eingängig zugleich ist. „Weiter Schreiben“ ist ein Projekt mehrerer Frauen aus dem Literaturbereich, das nach Berlin geflohene Autorinnen und Autoren darin unterstützt, auch am neuen Ort literarisch zu arbeiten.

Es unterstützt sie also, ihr Leben fortzusetzen, denn „Schreiben ist nicht nur eine Kunst, es ist auch eine Lebensform, eine Art, die Welt wahrzunehmen, sie sich begreiflich zu machen und sich dadurch in Beziehung zu setzen mit ihr“ – so heißt es in der Selbstbeschreibung. Viele Menschen helfen Geflüchteten mit Sprachkursen oder Unterstützung bei Behördengängen, dieses Projekt hilft ihnen, ihr Selbstverständnis in der Gesellschaft neu zu erringen.

Die Schriftstellerin Annika Reich hat die Projektleitung und schart Lektorinnen und (Bild-)Redakteurinnen um sich, um die Webseite, die gedruckte Zeitschrift und die Zusammenarbeit mit Literaturhäusern sowie Förderinstitutionen am Laufen zu halten.

Aus Patenschaften wurden Freundschaften

Entstanden ist ein Netz kollegialer Projekte zwischen den Literaturen verschiedener Sprachen, begleitet von Musikerinnen und Fotografen. 2017 erst begonnen, ist es inzwischen eine Erfolgsgeschichte. Aus Patenschaften wurden Freundschaften. Mehrere Bücher sind auf den Weg gebracht. In dieser Woche kann man an zwei Abenden Ergebnisse live hören.

Am Mittwoch treten die im sächsischen Großenhain geborene und inzwischen in Berlin lebende Lyrikerin und Performerin Ulrike Almut Sandig und der in Damaskus geborene und jetzt in Berlin lebende Lyriker, Liedtexter und Journalist Fady Jomar zusammen im Literarischen Colloquium auf. Sandig gehört zu den Lyrikerinnen hierzulande, die seit Jahren ausgezeichnet mit Stipendien bedacht werden. Björn Hayer lobte in der Berliner Zeitung ihr „wohltuendes Pathos“ in ironiegesättigter Zeit.

Als Mitherausgeberin des „Jahrbuchs der Lyrik 2017“ hat sie sich als kundige Leserin der Texte von Kollegen bewiesen. Fady Jomar, wie sie 1979 geboren, sucht wie sie auch die Zusammenarbeit mit Musikern, er hat eine Oper und zahlreiche Songtexte verfasst, sie betreibt mit einem ukrainischen Musiker ein Bandprojekt. Ulrike Almut Sandig hat Fady Jomars Gedichte ins Deutsche übertragen.

Es wird weiter geschrieben

Moderiert von Lara Sielmann, werden beide darüber sprechen, was die Fassungen eint und was sie trennt. Am nächsten Tag sind Widad Nabi und Galal Alahmadi im Literaturforum im Brechthaus zu Gast. Widad Nabi sind Leser der Berliner Zeitung vor reichlich zwei Jahren schon begegnet, als sie im Tandem mit der Berliner Autorin Annett Gröschner die Stadt entdeckte. Galal Alahmadi ist ein in Saudi-Arabien geborener Jemenit, der heute in Düren in Nordrhein-Westfalen lebt.

Er hat für Zeitungen und Magazine gearbeitet und vier Gedichtbände auf Arabisch veröffentlicht. Das Torschreiber-Stipendium 2019 der Allianz-Kulturstiftung und der Stiftung Brandenburger Tor ermöglicht ihm einen zweimonatigen Aufenthalt im Literarischen Colloquium Berlin. Die Potsdamer Schriftstellerin Antje Rávik Strubel wird die beiden Autoren mit unterschiedlicher Exilerfahrung miteinander ins Gespräch bringen. Beispiele aller bei „Weiter Schreiben“ vernetzten Autoren gibt es auf der Webseite weiterschreiben.jetzt.   

Sind Ostdeutsche auch Migranten?

Im vergangenen Jahr, als das Jubiläum der friedlichen Revolution gefeiert wurde, war ein Satz der Soziologin Naika Foroutan heftig in der Diskussion. Ostdeutsche seien auch Migranten im vereinten Deutschland, behauptete sie und bezog sich weniger auf das Erlebnis, sich mit anderen gesellschaftlichen Verhältnissen arrangieren zu müssen als auf die Erfahrung einer Stigmatisierung, wie sie auch Muslime erleben.

Eine Dichterin und zwei Dichter ostdeutscher Herkunft – Kerstin Preiwuß, Durs Grünbein und Uwe Kolbe – lesen Texte, die auf gesellschaftliche Themen Bezug nehmen und sprechen mit der Literaturkritikerin Barbara Wahlster.

Der Osten ist seit den Erfolgen der Rechtspopulisten für den Westen soziologisch interessant geworden. Immerhin ist keine Übersetzung notwendig, um die Texte der in Lübz, Dresden und Ost-Berlin geborenen Dichter zu verstehen.

Fady Jomar und Ulrike Almut Sandig 15.1., 19.30 Uhr, Literarisches Colloquium Berlin, Am Sandwerder 5
Widad Nabi und Galal Alahmadi im Gespräch mit Antje Rávik Strubel 16.1., 20 Uhr, Literaturforum im Brechthaus, Chausseestr. 125
Kerstin Preiwuß, Durs Grünbein und Uwe Kolbe im Gespräch 16.1., Haus der Poesie, Knaackstraße 97