Gemeinsames Singen braucht oft Nähe
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BerlinEs ist zum Verzweifeln. „In geschlossenen Räumen darf nicht gemeinsam gesungen werden“, das ist die Ansage des Berliner Senats. Das heißt: Chöre dürfen nun immerhin im Freien singen, und das ist besser als nichts. Nach Ansicht der Evangelischen Kirche Berlin – Brandenburg – schlesische Oberlausitz (EKBO) durfte das bislang nur sein, wenn das im Rahmen einer Andacht geschah, also wurde nun vor Chorproben gemeinsam auf der Wiese gebetet, und mit göttlichem Beistand war die Sache erlaubt und scheinbar minder gefährlich.

Nur kann man im Freien nicht wirklich effektiv proben, schon gar nicht mit Abstand: Ohne schallabstrahlende Wände und Decke verliert sich akustisch zu viel. Deswegen sind die Chöre über die Formulierung der Infektionsschutzverordnung zutiefst unglücklich. „Unabhängig von der Größe des Raums und dem Einhalten von Hygiene- und Abstandsregeln wird damit in Berlin die Arbeit von Profi- wie Amateurchören unterbunden“, kommentiert der Deutsche Musikrat. Dessen Generalsekretär, Dr. Christian Höppner, fordert den Senat nicht nur auf, „diese Entscheidung zu revidieren“, sondern malt gleich den Teufel an die Wand: „Vom Singen ,befreite‘ Kindertagesstätten, Schulen, Musikschulen und Konzerthäuser würden das Ende gestaltender Politik bedeuten und wären die furchtbare Vision einer verstummten Nation.“

Das Restrisiko

Natürlich artikuliert man sich dort, wo man das Singen wieder erlaubt hat, nicht weniger grandios: „Singen und Chorgesang gehören fest zur kulturellen Seele Bayerns“, sagt etwa der bayerische Kunstminister Bernd Sibler. Aber vielleicht wurde der auch erst durch einen gemeinsamen Brief der Bayerischen Chorverbände auf diese Idee gebracht, die am 8. Juni dagegen protestierten, dass Laienmusikgruppen zwar das Proben erlaubt wurde, den Chören aber nicht.

Einige Tage vorher allerdings hatte der Deutsche Chorverband ein Positionspapier veröffentlicht, in dem verschiedene Hygienekonzepte dargestellt wurden – unter der Überschrift „Analoge Chorgesamtproben“ hieß es da allerdings in roter Schrift: „Bei Chorproben in geschlossenen Räumen besteht trotz Einhaltung der Abstandsregeln das Risiko einer Virusübertragung durch Aerosole. Ein Restrisiko ist nicht auszuschließen.“

Dieses Restrisiko mit den kulturellen und sozialen Einbußen zu verrechnen, die das Chorverbot mit sich bringt, ist schwierig: Die Nachrichten von Anfang März, als sich international einige Chöre – in Berlin die Domkantorei – zu Infektionsclustern entwickelten, in den Niederlanden und USA sogar Sänger starben, hat die Szene verunsichert, den Drang zum Singen aber nicht erstickt.

Doch der Berliner Senat macht den vielen Berliner Choramateuren – man schätzt ihre Zahl auf über 50.000 – die liebste Freizeitgestaltung auf unabsehbare Zeit unmöglich. Auf YouTube kursiert seit Wochen ein ironisches Lied des Berliner Chores „The Happy Disharmonists“ über das „gefährlichste Hobby der Welt“.

Auch den Opern- und Rundfunkchören, die teilweise schon vor vier Wochen wieder mit abgesegneten Hygienekonzepten – mit 20 Quadratmetern Platz für jeden Sänger und Proben in kleinen Gruppen – mit der Arbeit begonnen haben, ist bis auf weiteres die Berufsausübung verboten. Die Chorleiterausbildung an den Berliner Hochschulen, ob für hauptberufliche Chordirigenten oder Schulmusiker, muss ebenso ruhen. 

Die Kultur wird daran nicht gleich sterben, und die Nation verstummt eher wegen zu vieler Kabel in den Ohren. Da aber die Frage des Singens in Deutschland unterschiedlich gehandhabt wird, kommt es zu absurden Situationen: Berliner Chöre oder Vokalensembles mit Einladungen zu Konzerten in Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen oder Thüringen – Bundesländer, in denen das Singen unter Auflagen wieder erlaubt ist – dürfen sich in Berlin nicht auf diese Aufführungen vorbereiten! Der Rias-Kammerchor möchte am 6. September in Köthen singen – und hat nun aus Protest mit den Kollegen vom Rundfunkchor ein Video produziert, in dem die Chöre schweigen, Motto: „Zum Singen bestellt, zum Schweigen gezwungen“. Ein mir bekanntes Ensemble mit durchaus namhaften Mitgliedern muss nun unter dem Siegel der Verschwiegenheit einen versteckten Ort suchen, um für einen karrierefördernden Festivalauftritt zu proben.

Warum dürfen Solisten singen?

In Berlin fordern Chorverband und Musikrat nun mehr Wissenschaft – was nach hinten losgehen kann: Wenn man dort nun doch herausfindet, dass die beim Singen verstärkt herausgeschleuderten Tröpfchen als durch den Raum schwebende Aerosole ein hohes Infektionsrisiko darstellen? Bislang liegen alle möglichen Ergebnisse von „nicht so schlimm“ (Bundeswehruniversität München) bis „gefährlich“ (Charité) vor. Ob nun wirklich das Singen gefährlich ist oder eher das chorische Miteinander mit Umarmung, temperamentvollen Gesprächen, das Hin- und Herreichen von Bleistiften zum Notenbezeichnen, das Bier danach oder alles zusammen – daran kann man noch lange forschen. Oder man probiert es einfach mal aus.

An eine prinzipiell chorfeindliche Einstellung des Berliner Kultursenators Klaus Lederer, wie es die apokalyptischen Hinweise auf die „verstummte Nation“ vielleicht unterstellen, will man nicht glauben. Aber man versteht die Maßnahmen nicht. Warum dürfen Solisten bei gleichem Abstand auf einer Opernbühne singen, aber professionelle Chorsänger nicht? Warum verbietet die Verordnung bei den Profichören Praktiken, die bislang offenbar gut funktionierten und von den Laienchören übernommen werden könnten?

Und natürlich stellt sich ganz am Ende die Frage, was das alles für das Kulturleben zu bedeuten hat, wann man wieder mit Chorkonzerten und großen Opern rechen kann. Am 5. Juni bereits hielt es die Arbeitsstelle Musik der EKBO nach einem Gespräch mit dem Berliner Senat „zum jetzigen Zeitpunkt, wo in vielen Bereichen Lockerungen greifen, für unverhältnismäßig, dass in Gottesdiensten in Innenräumen weder Gemeindegesang noch das Spielen von Blasinstrumenten möglich sein soll.“ Das verhängte Totalverbot des Singens wirkt nun umso unverhältnismäßiger. Beinahe glaubt man, es handele sich um einen Schreibfehler, den man nicht zugeben will und an dem daher starrsinnig festgehalten wird. Wir waren doch schon weiter!

In allen Lebensbereichen werden Einschränkungen gelockert, weil man ausprobieren muss, was denn eigentlich an Leben mit dem Virus möglich ist. Die seit März erlassenen Eindämmungsverordnungen waren so erfolgreich, dass die Kapazitätsgrenzen der Krankenhäuser nicht ansatzweise erreicht wurden.

Angesichts der zahlreich vorliegenden, bis zur offenstehenden Eingangstür und Lüftungsdauer durchdachten und teilweise ausprobierten Hygienekonzepte für Chorproben wäre es geradezu fahrlässig und nicht im Sinne des Erkenntnisgewinns, wenn man sie nicht auf ihre Wirksamkeit hin testen würde. Risikokandidaten sollte man dabei zutrauen, selbst zu entscheiden, ob sie sich einer Gefahr aussetzen wollen oder nicht. Und selbstverständlich muss man die Entwicklung genau beobachten und gegebenenfalls nachsteuern – aber das geht nur, wenn sich überhaupt mal wieder etwas entwickeln darf.