Ein Mann auf der Spitze eines Sprungbretts: Angstgeweitete Augen, Schweißperlen auf der Stirn, die Hände klammern sich ans Geländer. Bis er sich ein Herz nimmt und den Sprung in die Tiefe wagt. „Nur Mut! Der nächste Schritt lohnt sich“, raunt ein aufmunternder Sprecher aus dem Off, „Glaub an dich“. Natürlich wäre es schön, wenn es nur einer Mutprobe bedürfte, um wieder Lesen und Schreiben zu lernen. Das suggeriert der jüngste Spot von Deutschlands unbekanntester Kampagne. Doch der Analphabetismus, dem sie zu Leibe rücken will, ist vor allem ein soziales Problem.

Man kann sich die Zahl gar nicht oft genug auf der Zunge zergehen lassen: In Deutschland sind rund 7,5 Millionen Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren nicht mehr in der Lage, Texte richtig zu verstehen und richtig zu schreiben. Sie haben es nämlich verlernt. Der Anteil dieser sogenannten „funktionalen“ oder „sekundären“ Analphabeten entspricht 14,5 Prozent der Deutsch sprechenden Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Allein in Berlin leben 350.000 davon, fast viermal mehr Menschen, als 2016 als Flüchtlinge nach Bayern kamen. Entwicklungsland Deutschland: Zu dieser Zahl kommen schätzungsweise noch die rund zwei Millionen totale oder „primäre“ Analphabeten – Menschen, die weder schreiben noch lesen können und beides auch nie gelernt haben. 

„Als Bildungsnation, die wir ja eigentlich sein wollen, dürfen wir das nicht akzeptieren“, befand Bundeskanzlerin Angela Merkel im März kurz vor der Leipziger Buchmesse. Als sie eine Woche später ihre Regierungserklärung abgab, hatte sie eines der gravierendsten Kulturprobleme ihres Landes schon wieder vergessen. Vom „Ausbau des Breitbands“ über neue „Stromtrassen“ bis zu den berüchtigten „Ankerzentren“ listete Merkel ehrgeizige Ziele auf. Die intellektuelle Infrastruktur war ihr keine Erwähnung wert. Stattdessen beschwor sie Daten als „Rohstoff der Zukunft“. Fragt sich nur, wer sie in diesem fernen Elysium ohne die Schlüsseltechnologie „Lesekompetenz“ noch zu entziffern vermag – außer den Programmierern, mit deren exklusiver Expertise der verstorbene FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher den „Technologischen Totalitarismus“ heraufdämmern sah. 

Hilflos in der Welt der Computerbildschirme und Digitaldisplays – das ist die eine Kehrseite des grassierenden „Illetrismus“. Die andere ist die Kultur des Als-ob, der (Selbst)-Ausgrenzung und ein Leben mit Lügen. Wer kennt nicht die Geschichten von dem Nachbarn, dessen Frau die Kontoauszüge oder die Speisekarte lesen muss; der sich für zu spät eingereichte Unterlagen mit der Ausrede entschuldigt, er habe „die Lesebrille vergessen“ und bei dem jede fällig werdende Unterschrift Panikattacken auslöst. 

Zahl der Bibliotheken geht zurück

Nicht, dass gar nichts gegen das Problem getan würde. Bei der vom Bundesbildungsministerium vor zwei Jahren ausgerufenen „AlphaDekade“ werden zwar mit rund 180 Millionen Euro bis zum Jahr 2025 Alphabetisierungsprojekte gefördert. Das Problem der Kampagne ist bloß, dass niemand sie kennt. Genauso verpufft der „bundesweite Vorlesetag“ der Stiftung Lesen, der Wochenzeitung Die Zeit und der Deutsche Bahn Stiftung, der seit 2004 jedes Jahr am dritten Freitag im November stattfindet. Angeblich nehmen jährlich knapp zwei Millionen Menschen daran teil. Solche Jubel-Bilanzen, das UN-„Jahrzehnt der Alphabetisierung“ von 2003–2012, genauso wie die Erfolgsmeldungen über steigende Besucherzahlen der Buchmessen in Frankfurt und Leipzig, können über den Bedeutungsverlust der vielleicht wichtigsten Kulturtechnik nur hinwegtäuschen. 

Dabei hätte man es wissen können. Schon zu Beginn der 90er-Jahre warnten Studien der Bertelsmann-Stiftung, dass sich die „Lesekultur“ in Deutschland „sensibel und fragil“ präsentiere. Doch die fehlende Lesekultur in der Familie, die damit gemeint war, konnte auch das „Bürgernetzwerk Bildung“ kaum ausgleichen, deren „Lesepaten“ jedes Jahr in Schulen und Kitas ausschwärmen.

Vielleicht hat diese erodierende Lesekultur, aber auch der vor kurzem beklagte Schwund von sechs Millionen Buchkäufern etwas mit dem beklagenswerten Zustand der öffentlichen Bibliotheken zu tun? Heruntergekommene Gebäude, veralteter Bestand, oft genug von Ehrenamtlichen gerade noch so am Leben erhalten. Von 2007 bis 2016 sank die Zahl der Bibliotheken in Deutschland von rund 11200 auf 9800. Allein in Berlin hat in den vergangenen 20 Jahren mehr als jede zweite Bibliothek geschlossen. 217 Häuser zählte das Statistische Landesamt 1997, bis 2016 ging ihre Zahl auf 80 zurück.

„Lesen erschließt einem vieles im Leben“

Ohne übertriebenen Kulturpessimismus lässt sich sagen: Hier bricht sich eine kulturelle Kernschmelze Bahn. Die in Berlin auch der jüngst beschlossene Neubau der Zentralbibliothek nicht aufhalten wird – wenn das schleichende Ausdünnen nicht gestoppt wird.

„Bildung ist der Schlüssel“ ruft die Politik immer kurz vor Wahlkämpfen. Doch warum zieht niemand Konsequenzen? Was ist eine „deutsche Schande“? Die angebliche „Verengung der Erinnerungskultur“ oder Millionen Menschen mit deutschem Hintergrund, die auch gebräuchliche Wörter nur fehlerhaft schreiben und einfache Texte kaum verstehen? Vielleicht sollte sich Deutschland wieder zurück auf das Gleis zur Literalität setzen, bevor es Migranten droht, sie sollten „erst einmal Deutsch lernen“. 

Natürlich kann man, wie Hans Magnus Enzensberger schon 1985, den sekundären Analphabeten für den folgerichtigen Typus einer neuen Phase der Industrialisierung halten. Andererseits werden sogar in der privaten Zeppelin University in Friedrichshafen Max Weber und Niklas Luhmann im sperrigen Original statt in „leichter Sprache“ gelesen. Insofern ließe sich auf dem Primat dessen, was früher „Volksbildung“ hieß, getrost beharren. Wenn Lesen die „Grundlage zum Verstehen der Welt“ (Kulturstaatsministerin Monika Grütters) ist, muss, frei nach Hilmar Hoffmann, die Devise gelten: Lesen für alle! Eine Regierungserklärung zu dem „unbekannten Massenphänomen“ (Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres) Analphabetismus ist genauso überfällig wie eine Enquete-Kommission des Bundestages zur Lage und Zukunft der Bibliotheken. Warum? Angela Merkel weiß es: „Lesen erschließt einem vieles im Leben, die Grammatik und die Fantasie“.