Erinnerung an das frühere Leben der Dene – an die unwiederbringlich verlorene Einheit von Mensch und Natur.
Foto: Edition Moderne/Joe Sacco

BerlinEine Geschichte, dicht wie Schneegestöber. Joe Saccos Comic-Reportage „Wir gehören dem Land” führt uns in den hohen Norden Kanadas. Zu den Dene, so heißt das indigene Volk, das seit ewigen Zeiten im Mackenzie River Valley lebt, einer entlegenen Gegend an der Grenze zu Alaska. Der Titel des Comics deutet es bereits an, Saccos Bildergeschichte erforscht nicht nur das Leben dieser First Nation, sondern macht sich das Schicksal einer bedrohten Minderheit zu eigen. Die Dene verteilen sich in einer Vielzahl von Stämmen, auch Bands genannt, über die Nordwest-Territorien. Sie erheben keinen Anspruch auf ihr Land, sie bilden eine naturmystische Einheit mit ihm.

So besagt es jedenfalls die Tradition, und damit ist der diese Reportage durchziehende Konflikt vorgezeichnet. Die Dene habe eine brutale Geschichte der Verdrängung und Vertreibung hinter sich, heute droht das Volk vollends zu verschwinden, aufgerieben zwischen dem technischen und wirtschaftlichem Fortschritt auf der einen und dem Wunsch nach einer Rückkehr zu dem ursprünglichen, naturnahen Leben auf der anderen Seite. Ein starker Wunsch, bot der Wald den Indianern doch einmal reichlich Nahrung, Karibus, Bisons, Hirsche und Elche; entlang der Flüsse wurde rege Fischfang betrieben und durch den Handel mit den Europäern die Pelztierjagd im 18. Jahrhundert zur Basis ihrer Wirtschaft.

Edition Moderne.
Das Buch

Joe Sacco: Wir gehören dem Land. Aus dem Englischen von Christoph Schuler. Edition Moderne, Zürich 2020. 256 Seiten 25 Euro.

Das ist lange her und lebt als fixe Idee von einer ursprünglichen Einheit in den Erzählungen der Dene fort. Den Einklang mit der Natur beschwört auch der indigene Paul Andrew, ein alter Mann. Sacco hat ihn auf seiner Recherchereise in den Norden getroffen, nun zeichnet er dessen Kindheitserinnerung auf. Im Frühjahr bauten die Dene Kanus aus Holz und Elchleder, in denen die ganze Familie reisen konnte. Im Sommer trafen sich die Familien am Fluss, tauschten Neuigkeiten aus, halfen einander, feierten. Im Winter dann spannten sie die Hunde vor die Schlitten und gingen in den Bergen jagen. Es war eine entbehrungsreiche Zeit voller Hunger und Kälte. Es war eine glückliche Zeit.

Ein Kreislauf der Natur: Die unwiederbringliche Entzweiung dieser Einheit bildet auch den Ort, von dem aus Sacco erzählt. Der Erfinder der Comic-Reportage verfährt nach dem bewährten Prinzip. Wie schon in seinen epochalen Werken „Bosnien“ (1992), „Palästina“ (1993), „Sarajevo“ (2003) und „Gaza“ (2009) zieht es den Künstler zu den Hotspots dieser Welt; vor Ort macht er sich kundig, spricht mit allen und schlägt sich dann auf die Seite der Unterdrückten, der Verlorenen, der Opfer. Nie aber ist diese Parteinahme unkritisch. Sacco macht sie außerdem als solche kenntlich, stets thematisiert es sich in seinen Bildergeschichten selbst und wird so in seiner Erzählerposition sichtbar.

Die aufwendigen Recherchen erschließen dem Comic eine ganz eigene ästhetische Dimension. Das Format der Bildergeschichte lebt vom Szenischen, also den Begegnungen mit Menschen und ihren Leben, zugleich verbindet sie Sacco mit dem Dokumentarischen, mehr oder minder sperrigen Sachverhalten. Der quasi-journalistische Mix seiner Comic-Reportage zeigt sich in dicht arrangierten, informationssatten Seitentableaus. In den streng schwarz-weiß gehaltenen, ineinander übergehenden Panels wird penibel schraffiert, es herrscht Detailfülle, die allerdings durch große, expressive Porträts, durch Menschengesichter in eine ausufernde, aber erzählerisch Ordnung gebracht wird.

Da hilft nur mehrfaches Lesen – man wird immer wieder etwas Neues entdecken. Sacco will es seinen Lesern nicht einfach machen. Seine Kunst ist erwachsen, keine Wahrheit zum herabgesetzten Preis. Und der Comic ist kein kurzweiliges Vergnügen. Und vor allem nichts für schwache Nerven. Denn im Weiteren zeichnet Sacco ein Bild der Verwüstung. Ölkonzerne zerstören die Umwelt, sie pressen dem Land der Dene durch Fracking das Öl und Gas ab. Allein für die Erkundung der Böden werden Jahrhunderte alte Wälder und Moore von Schneisen durchzogen, Pipelines und Straßen zerschneiden die Natur. Schneemobile, Hubschrauber, Tanklastwagen – Lärm überall, kein Platz für Leben.

Technischer Fortschritt, wirtschaftliche Notwendigkeit: Für den Abbau der Rohstoffe wird das Land der Dene zerstört.
Foto: Edition Moderne/Joe Sacco

Eine Katastrophe. Wie konnte sie geschehen? Sacco trifft den indigenen Stephen Kakfwi, geboren in dem 500-Seelennest Fort Good Hope und drei Jahre lang Premierminister der Nordwest-Territorien. Er erzählt von einem Friedens- und Handelsabkommens mit den weißen Siedlern aus dem Jahre 1921: „Ich las es und war überrascht, dass die Dene all ihre Rechte abgetreten und ihr Land für 5 Dollar im Jahr und ein paar Patronen und Fischernetze im Jahr abgegeben hatten. Ich weiß noch, dass ich dachte, das ist das Verrückteste, was ich jemals gelesen habe.“ Die Dene glaubten nicht an Schrift oder Vertrag, nur die mündliche Überlieferung und Abmachung habe Verbindlichkeit.

Doch Stephen Kakfwi ist auch der Zeuge für noch ein ganz anderes, das dunkelste Kapitel in Saccos Buch: Er wuchs in jenen berüchtigten Internaten auf, in denen die kanadischen Regierung ganz offiziell die kulturellen Wurzeln ihrer indigenen Bevölkerung kappen wollte. Ein kultureller Genozid: Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1996 zwang Kanada die Kinder der Ureinwohner in einer Art staatlichem Kidnapping in christlich geführte Umerziehungsanstalten und verbot ihnen die eigene Sprache, damit sie vollintegrierte Musterkanadier würden. Als Botschafter der weißen Suprematie sollten sie dann in ihre Familien zurückkehren und das Bekehrungswerk vollenden.

Die Lösung der kanadischen Indianerfrage scheiterte. In die Familien kehrten zumeist schwer traumatisierte Menschen zurück. Sie gaben die in den Internaten erlebte Gewalt, auch den sexuellen Missbrauch an die folgenden Generationen weiter – ein bis heute dauerndes Erbe. Sie hatten ihre Fähigkeit verloren, mit der Natur zu leben und in ihr zu überleben und gelten deswegen nicht mehr als vollwertige Stammesmitglieder, zugleich wurden sie aber auch nie als vollwertige Kanadier anerkannt. So folgte eine verlorene Generation nach der anderen. Ein gigantisches Zerstörungswerk im staatlichen Auftrag. Unter anderem mit der Folge einer hohen Suizidrate und massiv verbreitetem Alkoholismus.

Alkoholismus, verheerte Natur: Joe Sacco (im Panel zweite Reihe ganz links zu sehen) ist der Chronist eines gigantischen Zerstörungswerks.
Foto: Edition Moderne/Joe Sacco

Geschundene Natur, geschundene Menschen. Sacco vergisst nicht zu erwähnen, dass in Kanada die Verbrechen an der indigenen Bevölkerung in Kommissionen aufgearbeitet wurde. Auch, dass es Entschädigungen für die Dene gab. Aber mit den psychischen und kulturellen Folgen der Misshandlung wurden die Menschen allein gelassen. Und so bleiben von Saccos Reportage vor allem die großen Porträts in Erinnerung: Menschengesichter, in denen die Gewalt ihre Spuren hinterlassen hat. Und so wird noch einmal deutlich, wie wichtig die Erzählung von der ursprünglichen Einheit mit der Natur ist: Sie dient den Dene nicht nur als Trost, sondern als Refugium ihrer Würde.