Bisher war die Debatte um den geplanten 200-Millionen-Neubau für das Berliner Museum der Kunst des 20. Jahrhunderts erstaunlich verhalten.   Nach dem Willen von Kulturstaatsministerin Monika Grütters, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und vor allem der Privatsammler, die ihrer Nationalgalerie wohl gesonnen sind, soll der Neubau mitten auf dem Kulturforum entstehen. Und zwar ohne  Städtebauwettbewerb. Eigentlich ist schon das Stoff genug für eine breite Debatte.

In den meisten Rezensionen ist der Entwurf von Herzog & de Meuron für den Neubau durchgefallen. Die Stiftung Zukunft Berlin, die Henselmann-Stiftung und die Akademie der Künste fordern eine Debatte, es gibt eine Note der Architektenkammer sowie die fast einhellige, aber streng inoffizielle Opposition in den Abteilungen der Staatlichen Museen, die den Neubau für die Nationalgalerie als künftige Belastung ihrer Interessen sehen.

Und jetzt eben die Internetpetition auf www.change.org/forumskultur_kulturforum, die die rührige Gründerin der Architekturgalerie Aedes Kristin Feireiss mit ihrem Partner Hans-Jürgen Commerell und einigen Freunden gestartet hat. Feireiss und ihr Team kämpfen seit mehr als drei Jahrzehnten nicht nur für Qualität in der Architektur, sondern auch für den öffentlichen Streit um Städtebau und Baukultur sowie gegen jede Form von Hinterstuben-Entscheidung und bürokratisch durchgesetzte Machtallüren.

Sie fordern  nicht etwa den Abbruch des Verfahrens oder eine Nicht-Beauftragung von Herzog & de Meuron. Stattdessen soll   ein Stangenmodell ihres Entwurfs errichtet werden. In der Schweiz ist das als „Baugespann“ seit Jahrzehnten bei Bauprojekten Vorschrift, in Deutschland bei umstrittenen Bauten immer wieder gebräuchlich: Holzmasten oder Gerüste an den Ecken der zu bebauenden Fläche  markieren in voller Größe die Abmessungen und Höhe des Baus, der entstehen soll. Wenn man es richtig macht, werden sogar Durchgänge und Fassadengliederungen markiert. 

Freie Sicht auf die Baumasse

Nicht mehr kleinformatige Modelle oder abstrakte Pläne, auf Eindruck gezeichnete Perspektiven oder Fotocollagen, sondern die Baumasse selbst kann so betrachtet und debattiert werden. Damit wird auch so manche Durchsetzungsstrategie durchschaubar: So fiel schon bei der Vorstellung der Siegerarbeit im Wettbewerb für das neue Museum der Kunst des 20. Jahrhunderts auf dem Berliner Kulturforum auf, dass Herzog & de Meuron nicht eine einzige Perspektivzeichnung ihres Projektes von der Terrasse der Nationalgalerie, von der Seite der Philharmonie oder von derjenigen der Matthäuskirche aus zeigten. Sie hätte klar gemacht, dass etwa von der Neuen Nationalgalerie aus nur noch ein riesiger Ziegelgiebel zu sehen sein wird und die zierliche Kirche von dem Neubau schlichtweg verdeckt würde.

Auf der Unterschriftenliste befinden sich bereits jetzt viele Namen  aus der Szene der Denkmalpflege, von Architektur- und Städtebaulehrstühlen, aus der Akademie der Künste, dem Bund Deutscher Architekten und der Scharoun-Gesellschaft. Die Kritik  am „Scheunen“-Entwurf von Herzog & de Meuron  ist oft überscharf und hart.

Doch klar wird vor allem mehr Rücksichtnahme auf die benachbarten Bauten gefordert, auf die tempelgleiche Neuen Nationalgalerie Mies van der Rohes, die zierliche Matthäi-Kirche Stülers, die wipflige Philharmonie und das Gebirge der Neue Staatsbibliothek Scharouns.  Genau deswegen hatten die Staatlichen Museen lange für ein anderes Grundstück an der Sigismundstraße plädiert, das erlaubt hätte, alle bestehenden Museumsbauten zusammenzubinden. Doch die Sammler wünschten den repräsentativen Standort, die Stiftungs-Spitze und die Kulturstaatsministerin fügten sich – obwohl inzwischen nachgewiesen wurde, dass ein Neubau an der Sigismundstraße sogar die gleichen Platzangebote für die Nationalgalerie machen könnte.

Zwei große Erfolge

Möglich wird das Projekt in der Mitte des Kulturforums auch nur, weil ein Grundstückstausch stattfand: Ein Hamburger Kaufmann, der in den 90er-Jahren vorausschauend eine an sich wertlose, kleine Fläche mitten auf dem Kulturforum erworben hatte, wurde nun für dessen Abgabe mit einer ungleich größeren,  an der Ecke Tiergartenstraße und Stauffenbergstraße gelegenen Fläche abgefunden, auf der ein Hotelneubau entstehen könnte. Wie viel der Wertverlust für die öffentliche Hand betrug, ist  trotz wiederholter Nachfrage nicht zu ermitteln gewesen.

Unverkennbar schließt das Petitions-Projekt an zwei der größten Erfolge öffentlicher Stadtplanungsdebatten  in Berlin an: 1986 wurden auf dem Kulturforum schon einmal große Baugerüste errichtet – die auch jetzt zu empfehlen sind, das Schweizer Stangen-Gestackel ist nur mit viel Vorstellungsvermögen in gebaute Architektur umzudenken.

Ein Mittel der Demokratisierung

Diese Baugerüste illustrierten das Kulturforums-Projekt Hans Holleins, das  der Senat damals als Lösung aller Probleme empfahl. Mit den Gerüsten aber wurde deutlich: Nicht das Wie ist beim Bauen auf dem Kulturforum das Problem, sondern das Was und Warum. Holleins Projekt, obwohl es einer der großartigsten postmodernen Inszenierungen überhaupt hätte werden können, verschwand in den Schubladen. Mehr Erfolg hatte das andere, allerdings zudem noch mit bemalten Plastikplanen verkleidete Gerüstmodell: Dasjenige, das Wilhelm von Boddien 1993 auf dem Berliner Schlossplatz errichten ließ. Es zeigte der Öffentlichkeit, die die Wirkung des Berliner Schlosses längst vergessen hatte, was für ein machtvoller Bau dieses gewesen ist, wie stark sich die Berliner Stadtplangestalt bis heute darauf bezieht. Wenn sich die Preußen-Stiftung heute auf den Einzug in das Humboldtforum freuen kann, dann  auch wegen dieser Demokratisierungsaktion.

Ein Gerüstmodell kann nicht die Probleme lösen. Aber es kann die Debatte in Schwung bringen. Genau deswegen wird dies Mittel in Deutschland übrigens so selten eingesetzt: Es stellt nämlich die Machtfrage. Lasst uns Gerüste bauen.