Das Kulturforum, über das im Zuge der Museumsneubau-Pläne der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wieder debattiert wird, ist eine Krux der Berliner Stadtplanung. Es ist unwirtlich, zugig. Keiner, der dort nicht direkt etwas zu tun hat oder eine der Kulturinstitutionen rundum besucht, geht freiwillig hierher. Flanieren auf dem Kulturforum – ein Witz.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass diese seit Beginn der 1960er Jahre aufgrund eines städtebaulichen Entwurfs von Hans Scharoun entstandene Anlage das Resultat einst oft hochidealistisch aufgeladener Planungen ist. Eine davon ist das freie Fließen des Autoverkehrs. Es stand einmal für eine von Zwängen befreite Gesellschaft. Die wunderbaren amerikanischen Parkways wurden so geboren. Doch ihr Pathos ist längst vergangen.

Geblieben sind jede städtische Verdichtung zerschlagende Parkplätze und die überbreite Potsdamer Straße. Irgendwann soll hier eine Straßenbahn fahren. Hoffen wir seit Jahrzehnten. Aber nicht einmal eine gemeinsame Bushaltestelle für die Linien 200 und 148 vor der Neuen Staatsbibliothek ist durchzusetzen. Sie könnte ja Autos ausbremsen. Ausgerechnet die Bibliothek, der Ort mit dem höchsten Gebrauch am Kulturforum, ist also für diejenigen, die aus dem Westen oder Südosten kommen, nur mit langen Fußwegen zu erreichen.

Viele verlaufen sich

Aber viel laufen muss man am Kulturforum eh, und viele, die sich nicht auskennen, verlaufen sich auch. Fehlen doch bis heute alle Hinweise, wo sich denn die Philharmonie, die Staatsbibliothek, die Gemäldegalerie, die Nationalgalerie etc. pp. befinden. Die Anrainer, vor allem die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, gehen offenbar davon aus, dass man das schon weiß. Und sie markiert unkorrekt den Eingang zu ihren Museen mit dem ziellosen Plakat: „Kulturforum“.

Dabei ist das einst eine große Utopie gewesen, damals, in den frühen 1960er-Jahren. „Kultur“ sollte an einem Ort konzentriert werden, als den Alltag überhöhende „Stadtkrone“ aus Kunst, Musik, Büchern, Architektur und Natur. Dafür sind teilweise weltberühmte Bauten geschaffen worden. Die Neue Nationalgalerie Ludwig Mies van der Rohes gilt als Höhepunkt der Klassischen Moderne. Die Philharmonie Hans Scharouns hat Architekturgeschichte geschrieben, die Neue Staatsbibliothek ist bis heute musterhaft als offene Lesearchitektur, selbst das klobige Kunstgewerbemuseum ist doch immerhin Denkmal einer Bildungsreform, die heute fast utopisch erscheint.

Doch alle diese Bauten stehen viel zu weit auseinander, um irgendeine Beziehung zueinander aufnehmen zu können. Und trotzdem scheiterten alle Vorschläge, die schon in den 1980ern kamen, das Projekt Kulturforum zu den Akten zu legen, die Straßen zurück zu bauen, die freien Flächen dicht mit Wohnungen zu füllen oder als wirklichen Park an den Tiergarten anzuschließen.

Das Kulturforum ist nämlich – so wie das Tempelhofer Feld oder das Marx-Engels-Forum – immer auch eine Hoffnung geblieben, dass Utopie möglich sein müsse: Wenn man sich nur genug anstrenge, gehe es.

Der Glaube an die utopische Kraft

Selbst der hier zum ersten Mal präsentierte Entwurf des Berliner Architekten Andreas Reidemeister für ein luftig schwebendes Dach, das die zentrale Freifläche überspannen soll, ist noch von diesem Glauben an die utopische Kraft des Kulturforums geprägt. Dabei ist Reidemeister, der einst bei Hans Scharoun arbeitete und etwa in der West-Berliner Internationalen Bauausstellung von 1987 reüssierte, alles andere als ein Utopiker: „Man muss sich von dem Pathos lösen, einfacher werden.“ Berlin müsse sich „frei machen“, von dem Gedanken, allen Gebäuden an diesem Platz gleichermaßen dienen. Ihr Mythos „verstelle“ die Gedanken.

Reidemeister also schlägt im Zentrum der bisherigen Freifläche einen Ort vor, an dem man tanzen kann, Musik stattfindet, abgeschirmt, wenn es denn sein muss, gegen den tosenden Verkehr durch aufschiebbare Glastafeln, ein Ort, an dem Touristen Informationen und Reisebusse finden, an dem man sich trifft. Das alles soll unter diesem durchaus gewaltigen Glasdach stattfinden. Das funktionale Vorbild des 2005 nach Plänen des Berliner Architekten Jürgen Mayer H. errichteten Metropol Parasol in Sevilla ist deutlich erkennbar.

Aber wo der Parasol mit einer Riesenholzkonstruktion in den Stadtkörper eingreifen durfte, gibt es in Berlin Geschrei angesichts solcher Ideen: Scharouns Kulturforum-Ideal – das vor eineinhalb Jahrzehnten vom Abgeordnetenhaus sogar in Gesetzesform gegossen wurde – würde geschändet, die „Sichtbeziehungen“ zwischen den Bauten von Mies und Scharoun gestört, die Ästhetik der Bauten tangiert, die weite Fläche verbaut. Sicher kommt auch bald das Argument des Mikroklimas zum Einsatz. Und das der Denkmalpflege: Diese Fläche sei ein Denkmal der gescheiterten Utopien. Aber trägt eine solche Mahnung bei zum Leben? Macht sie uns klüger?

Es ist kein Zufall, dass eine solche alltagsferne Insel konfliktbefreiter Schönheitsanbetung in angelsächsischen Ländern mit ihrer tief verankerten Breitenbildungstradition praktisch nicht zu finden ist. Eine der wenigen Ausnahmen ist Albertopolis in London, dieses Viertel der Museen, aber eben auch der Forschung in Laboren und Bibliotheken. Doch auch dieses ist eng vernetzt mit der Stadt.

"Brecht das Experiment ab"

Scharoun selbst habe niemals, so Reidemeister, ein Kulturforum in diesen gigantischen Dimensionen geplant. In seinem Wettbewerbsentwurf war dieser Begriff reserviert für einen Platz vor der Matthäikirche. Aber auch der sei schon viel zu luftig geplant gewesen, meint Reidemeister. „Alle Bauten hier sind nach innen gekehrt, beziehen sich nur auf sich selbst.“ Tatsächlich, die Eingänge der Philharmonie sind vom Kulturforum abgewandt; die Neue Staatsbibliothek verschanzt sich hinter hohen Wällen; die Neue Nationalgalerie versteckt ihre Zugangstreppe mit einer hohen Mauer. Kein Tor führt auch in ihren feinen Innenhof. Und dann die in jeder Beziehung abscheuliche Rampe zu den Museen, geneigt wie ein Gletscher und schnell genau so glatt. Wer beweisen will, dass „die Moderne“ unfähig zur Bildung öffentlicher Räume sei, findet hier reichlich Material. Der gewesene Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann hat dies Potential in einem furiosen Buch (DOM Publishers 2012) mit der Forderung verbunden: Brecht das Experiment ab.

Aber das eigentliche Problem des Kulturforums ist nicht seine offene Ästhetik, sondern seine Kulturfeindlichkeit. Kultur nämlich entsteht aus der Reibung unterschiedlicher Interessen, Traditionen und Ideen. Und genau die gibt es hier nicht, wo jeder Zweck und jedes Interesse sein Plätzchen, sein Revier hat. In den 1980ern etwa ging daran der so witzig-kreative Hans Hollein bankrott, der eine postmoderne Platzanlage erfand. Ihre netten Hallen und Türme und Becken verfielen dem Hohn der Scharoun-Gemeinde – die bis heute im Abgeordnetenhaus eine feste Bank hat. Aber Hollein bot eben auch nur eine andere Dekoration für das kulturelle Problem, keine Alternative. Genauso wenig wie vor einem viertel Jahr der Münchner Architekt Stephan Braunfels, der ein neubarockes Autorondell mit Brunnen, einige Türmchen und ein Haus mit Terrassen an der Stelle von Scharouns Gebäude vorschlug.

Der Glaube an die bürgerlich bestimmte Hochkultur ist eine starke Festung. Aus ihr heraus wird bisher jede noch so sinnvolle Reform des Kulturforums abgewehrt. Als die Staatlichen Museen 2012 endlich den seit 1999 gehegten Plan durchsetzen wollten, das Haus der Gemäldegalerie nun für die Sammlungen der Kunst des 20. Jahrhunderts zu nutzen, für die Alten Meister aber neben dem Bode-Museum auf der Museumsinsel einen Neubau zu errichten, erhob sich ein Proteststurm. Die Neue Gemäldegalerie Himer & Sattlers wurde hochgelobt als einzig den Alten Meistern angemessene Museumsarchitektur. Vergessen ist der Museumsstreit der 1990er, die harte Kritik an den alle Gemälde wider alle (Kunst-)Geschichte systematisch vereinheitlichenden Ausstellungsbedingungen in dem Haus. Hauptsache, die Gemälde bleiben am Kulturforum.

Dass die Staatlichen Museen zudem unfähig waren, ein nur halbwegs stimmiges Umzugskonzept vorzulegen, befeuerte die Debatte. Am Ende stand jener ökonomisch, museumshistorisch und bildungspolitisch kurzsichtige Vorschlag, der am Montagabend auf Einladung der Akademie der Künste debattiert werden soll: Einen weiteren Neubau für die Nationalgalerie am Kulturforum zu errichten. Und zwar auf einem der wenigen Grundstücke, die sich anbieten für Wohnungsbau. Das Desaster der Monofunktionalität dieses Ortes soll also verstärkt werden, statt es endlich aufzubrechen. Dass die Debatte nicht am Kulturforum stattfindet, sondern am Pariser Platz, ist charakteristisch.

Podiumsgespräch „Kulturforum Berlin“, Akademie der Künste, Montag 3.2.2014, 19 Uhr, Pariser Platz