Berlin - Man wartete viele Monate. Aber der große, intellektuell spannende, historisch reflektierte und doch pragmatisch durchsetzbare Wurf, der die Probleme der Berliner Staatlichen Museen auf Dauer löst, fehlt weiter.

Am Mittwoch stellten der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, und seine Kollegen die lange angekündigte „Machbarkeitsstudie“ für die Museumsplanung der Stiftung vor. In Auftrag gegeben wurde sie im September 2012 als Antwort auf die heftige internationale Kritik an einer Umzugsplanung für die Alten Meister. Bearbeitet wurde das 800-Seiten-Papier vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR).

Seit 1999 will die Preußen-Stiftung die Gemäldegalerie und die Skulpturensammlung im Bode-Museum sowie in einem Neubau neben der Museumsinsel wieder zusammenführen. Solches Nebeneinander der Sammlungen alter Kunst ist international der Normalfall. Auch in Berlin sind die Werke erst seit Eröffnung der Neuen Gemäldegalerie am Kulturforum 1998 und der Skulpturensammlung im Bode-Museum 2006 getrennt. Ein Zustand, der wohl mittelfristig auch so bleiben wird.

Die Suche nach der Vergleichbarkeit

Denn die Preußen-Stiftung hat nun entschieden, die Gemäldegalerie am Kulturforum zu belassen und dort einen zusätzlichen Neubau für die Sammlung des 20. Jahrhunderts der Nationalgalerie zu errichten. Ein Neubau neben der Museumsinsel wird hingegen auf unabsehbare Zeit aufgeschoben. Für diesen hatte die BBR Kosten von 296 Millionen Euro berechnet. Der Neubau am Kulturforum kostet laut BBR-Machbarkeitsstudie hingegen 179 Millionen, nach einer Kürzung des Bauprogramms sogar nur 130 Millionen Euro.

Das klingt plausibel. Doch wurden dabei zwei Projekte mit unterschiedlichen Voraussetzungen verglichen. Das Neubauprojekt an der Museumsinsel sollte fast 18.400 Quadratmeter Nutzfläche anbieten, für Büros mehrerer Museumsabteilungen, Labore, Restaurierungswerkstätten, Depots und zwei Tiefgeschosse. Das Projekt für die Nationalgalerie am Kulturforum befasst sich ausschließlich mit deren Ansprüchen, umfasst knapp 14.000 Quadratmeter und ein Untergeschoss.

An der Museumsinsel hätte man für das Geld also weit mehr als nur eine Erweiterung des Bode-Museums erhalten. Doch ist die Stiftung nicht bereit, angesichts ihrer vielen teuren Baustellen mit diesem Argument um die Finanzierung zu kämpfen. Auch zeigt sich in der Entscheidung die Niederlage Bernd Lindemanns, Chef der Gemälde- und Skulpturensammlungen. Sein Traum, deren Trennung zu beheben, ist zunächst begraben. Bei der Vorstellung der Studie blickte er düster. Umso mehr strahlte Nationalgaleriedirektor Udo Kittelmann. Sein Argument, die Sammlungen des 20. Jahrhunderts benötigten zuvorderst Platz, war offenbar stärker als alle Bedenken.

Dabei muss auch die Finanzierung des Neubaus am Kulturforum durch den Bundestag erst errungen werden. Nicht einmal das Land Berlin ist bisher informiert. Dabei gehört Berlin das für den Erweiterungsbau ins Auge gefasste Grundstück an der Sigismundstraße zur Hälfte. Und wie steht es mit dem Denkmalschutz? Parzinger und die BBR gehen davon aus, dass man auf dem Grundstück so hoch wie das fünfgeschossige Wohnhaus daneben bauen darf. Doch die Neue Nationalgalerie Mies van der Rohes verlangt Abstand. Auch die direkte Verbindung zwischen ihr und dem Neubau ist wegen ihres edlen Skulpturenhofs kompliziert.

Zwar können gute Architekten solche Konfrontationen lösen. Der Erweiterungsbau des Bostoner Isabella Stuart Gardener Museums von Renzo Piano oder das Kulturzentrum in Nimes, das Norman Foster neben einem antiken Tempel baute, wären Beispiele. Aber solche Projekte kosten Geld. In Berlin sind solche Architekturen kaum durchsetzbar gegen Schinkel- und Säulen-Traditionalisten. An ihnen scheiterte 1993 David Chipperfields grandioser Entwurf eines gläsernen „Schneewittchensargs“ vor dem Neuen Museum.

Das Kulturforum bleibt weiter eine Wüste

Vor allem aber löst dieser Neubau nur die Probleme der Nationalgalerie. Alle anderen drängenden Probleme blieben ungelöst. Das Kulturforum bleibt weiter Wüste; es gibt weiter kein Gesamtkonzept für Museumsinsel, Humboldt-Forum und Kulturforum. Nicht einmal geprüft wurde etwa die Umplanung des Pergamonmuseums-Projekts, dem derzeit die voll funktionsfähige Gemälde- und Skulpturengalerie von 1930 geopfert wird. Die Betriebskosten sind weiter dramatisch unterfinanziert und würden durch den Neubau weiter belastet.

Und die Wiedervereinigung von Gemälde- und Skulpturensammlung ist nach Angaben von Generaldirektor Michael Eissenhauer ja nur aufgeschoben. Doch wenn sie dereinst einmal an der Museumsinsel angegangen werden soll, wird sich die Frage stellen: Und was machen wir nun mit der Neuen Gemäldegalerie am Kulturforum? Die Nationalgalerie hat ja dann ihren Erweiterungsbau bekommen.

Durchgesetzt hat sich also wieder einmal die Wachstumsideologie, die die Baupolitik der Preußen-Stiftung seit den 1990er-Jahren prägt. Aber vielleicht ermannt sich ja der Stiftungsrat im Dezember und weist diese neuesten Planungen der Preußen-Stiftung als viel zu kurzen Wurf zurück.