Der Konflikt um den „Schwabinger Kunstschatz“ des Cornelius Gurlitt hat dieser Tage einmal mehr die Öffentlichkeit beschäftigt. Ohne großes Aufsehen geht hingegen in dieser Woche die endgültige Lösung eines anderen, Jahrzehnte andauernden Streits um enteignete Kunst über die Bühne. Am Sonntag läuft die „2014er Regelung“ über das Kulturgut deutscher Adelsfamilien aus, die nach Kriegsende 1945 im Rahmen der Bodenreform enteignet worden sind.

Vom 1. Dezember an müssen Möbel, Bücher, Schmuck, Gemälde und andere Kunstwerke, die in Museen, Bibliotheken, Schlössern und Herrensitzen ausgestellt sind, an ihre ursprünglichen Besitzer gegeben werden – sofern in den letzten 20 Jahren keine einvernehmliche Lösung zwischen Neu- und Altbesitzern gefunden werden konnte.

Schlaflose Nächte

Auf Burg Kriebstein in Sachsen sieht man dem Datum gelassen entgegen. Schon vor Jahren hat man sich hier mit den rechtmäßigen Eigentümern der im Schloss ausgestellten Kunstgüter einigen können. Bis dahin hatte man aber einige schlaflose Nächte durchgegrübelt, wie die Schlossverwalterin Gabriele Wippert zugibt. „Nach der Wiedervereinigung waren auf 90 Prozent unseres Schlossinventars Rückgabeansprüche angemeldet worden“, erzählt die 61-Jährige. „Das war schon ein Schock. Irgendwann ist unsere Burg leer geräumt, haben wir gedacht, und was passiert dann? Warum sollen Besucher dann noch hierher kommen?“

Die mittelalterliche Burg Kriebstein erhebt sich kühn auf einem steilen Felsen über dem Flüsschen Zschopau. Sie gilt als Sachsens schönste Ritterburg und war mehrfach Drehort internationaler Filmproduktionen. Julie Delpy spielte hier „Die Gräfin“, zuletzt war Kriebstein in „Grand Budapest Hotel“ als Festungsgefängnis zu sehen. Die wahren Schätze aber befinden sich im Inneren der in den letzten Jahren mit Millionenaufwand sanierten Burg. Wertvolle Möbel, Waffen, Gobelins und Gemälde sind hier zu besichtigen. Das meiste davon stammt aus dem Besitz der Familie von Arnim, dem letzten Eigentümer von Kriebstein, und der Adelsfamilie des Grafen von Lehndorff, der nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 als Mitverschwörer hingerichtet wurde. Der Familienbesitz der Lehndorffs war vor Kriegsende aus deren Schloss im ostpreußischen Steinort in die Burg geschafft worden, die den Nazis als Auslagerungsort für gefährdetes Kunstgut diente. Auch nach 1945 gelangten Kunstgegenstände aus weiteren, meist zerstörten ostdeutschen Schlössern und Herrenhäusern nach Kriebstein, weil die DDR dort ein Museum plante.

Das erklärt, warum die sächsische Burg ganz besonders von der „2014er Regelung“ betroffen war. Deren Grundlage ist das „Gesetz über die Entschädigung nach dem Gesetz zur Regelung offener Vermögensfragen und über staatliche Ausgleichsleistungen für Enteignungen auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage“ (EALG), das Bundestag und Bundesrat 1994 beschlossen hatten. Das EALG sollte die Verluste mindern, die Adel und Bürgertum durch die Bodenreform entstanden waren. Denn nach 1945 waren in der sowjetisch besetzten Zone unter dem Slogan „Junkerland in Bauernhand“ nicht nur privater Landbesitz ab 100 Hektar enteignet worden; auch die Ausstattung der herrschaftlichen Häuser und der darin verbliebene Kunstbesitz wurden verstaatlicht. Die DDR-Volkskammer hatte wenige Tage vor dem Beitritt zur Bundesrepublik im September 1990 die Unumkehrbarkeit der Bodenreform in einem Vermögensgesetz festgeschrieben, das im Einigungsvertrag in Bundesrecht übernommen wurde.

Erst 1994, nicht zuletzt auf massiven Druck der Bodenreform-Opfer, weichte Bonn das DDR-Vermögensgesetz durch das EALG auf. Das neue Gesetz ermöglichte nun die Restitution des 1945 enteigneten mobilen Eigentums, allerdings mit einer von ostdeutschen Abgeordneten ertrotzten Sonderregelung: Demnach sollte öffentlich ausgestelltes Kulturgut noch zwanzig Jahre in den Museen und Schlössern verbleiben dürfen, bis es zum 1. Dezember 2014 an die ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden muss.

20-jährige Übergangsfrist

Die 20-jährige Übergangsfrist haben die meisten Kunstsammlungen und Kommunen für einvernehmliche Lösungen mit den rechtmäßigen Besitzern der Kunstgegenstände genutzt. „Bis auf wenige Ausnahmen sind die Restitutionsfragen, die sich aus dem EALG ergeben, geklärt worden“, sagt Isabel Pfeiffer-Poensgen, die Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder. Die Stiftung hat viele Rückgabeverhandlungen beratend begleitet und einzelne Ankäufe von Kunstobjekten mit insgesamt vier Millionen Euro unterstützt. Zuletzt konnte mit ihrer Hilfe die Stiftung Dome und Schlösser Sachsen-Anhalt im vergangenen Sommer das Gemälde „August Neidhardt von Gneisenau im Kreis seiner Offiziere“ von Franz Krüger für das Kunstmuseum Moritzburg in Halle erwerben. Das Bild hätte sonst am kommenden Montag an die Familie von Gneisenau, zurückgegeben werden müssen.