Riga - Eine Stunde warten sie schon auf dieser Brücke, über die ein eisiger Wind weht, und unten schiebt sich schon das Eis immer dichter zusammen. Bald wird die breite und träge Düna zugefroren sein, zum ersten Mal in diesem Winter, der bis vor einer Woche selbst in Riga noch keiner war. Und bald wird ihnen die Kälte fies in die Wollsocken fahren oder unter ihre Pelzmäntel kriechen. Also wippen sie jetzt lieber ein wenig, tippeln umher, schunkeln, singen ein paar Zeilen Folklore und nehmen noch einen Schluck Birkensaft aus der Thermoskanne, oder von diesem lettischen Kräuterschnaps, der zu Recht Balzams heißt.

Und dann endlich kommt das, worauf sie alle gewartet haben: das erste Buch, eine fast zweihundertjährige Bibel, in Plastikfolie gehüllt. Vorsichtig wird sie von Hand zu Hand weitergereicht, von Tausenden Händen, von Tausenden Menschen, die gekommen sind, um ihre vorher ausgewählten Lieblingsbücher von der alten in die neue Nationalbibliothek zu tragen. Dort sollen sie im so genannten Regal des Volkes aufgestellt werden.

Eine etwa zwei Kilometer lange Menschenbücherkette führt quer durch die Innenstadt, am Ende über die Düna ans andere Flussufer, wo die Nationalbibliothek wie die Spitze eines Eisbergs in den wolkenlosen Himmel piekt. Eine freiwillige Anstrengung ist das, ein Bild des Zusammenhalts entsteht, und genau so wollte Riga, die Kulturhauptstadt Europas, zur Eröffnungsfeier vor einer Woche wahrgenommen werden. So wie damals, als sich Lettland – und mit ihm das gesamte Baltikum – nach jahrzehntelanger Fremdherrschaft in seinem Streben nach Unabhängigkeit friedlich an den Händen packte.

Das Etikett als Wachstumsfaktor

Kulturhauptstadt Europas, das ist ein Etikett, das sich viele Städte seit 1985 gern anheften, weil sich in einem Kulturhauptstadtjahr Prestigeprojekte wie ein neues Museum oder eben eine Nationalbibliothek leichter realisieren lassen und weil Tourismusmanager den Stadtparlamenten hohe Besucherzahlen versprechen. Meistens geht die Rechnung auf. Manchmal wird ein sterbender Industriestandort wiederbelebt wie in Glasgow (1990) oder Essen (2010), also dort, wo die Kunst als Teil der Stadtentwicklung verstanden wurde und eine breite Öffentlichkeit erreichte. Manchmal ändert sich wenig.

Die Etikettierung ist auch der Versuch, den Europäern zu zeigen, dass ihr Kontinent mehr ist als nur ein gemeinsamer Markt. Wobei eine Regierung letztlich doch nur dann in Kunst und Kultur investiert, wenn sie sich Wachstum verspricht. Oder wie es die lettische Kulturministerin formulierte: „Wir glauben an das wirtschaftliche Potenzial unserer Events.“ Ähnlich klang es auch im schwedischen Umeå, in der zweiten Kulturhauptstadt Europas, die man vielleicht besser kennen würde, wenn Stieg Larsson, der berühmteste Sohn der Stadt, nicht so früh gestorben wäre.

Als Riga vor sechs Jahren den Zuschlag von der Europäischen Union bekam, da boomte Lettland, vom baltischen Tigerstaat war die Rede. Und die Billigfluglinien sorgten dafür, dass die vom Jugendstil geprägte Altstadt von englischen und deutschen Touristen okkupiert wurde. Manche wollten nach der billigen Anreise auch noch billigen Alkohol und billigen Sex. Viele Rigenser meiden immer noch ihre Altstadt.

Und gerade, als sie hofften, ihr Image mit einem aufwendig kuratierten Kulturprogramm ändern zu können, erreichte die Wirtschaftskrise das Baltikum. Banken kollabierten, Unternehmen gingen Pleite, der auf Kredit gebaute Aufschwung war jäh zu Ende. Kultur? Es gab Wichtigeres zu tun.

Plötzlich standen gut gehende Geschäfte leer, waren zu verkaufen, zu vermieten, aber keiner wollte. Viele hatten ihren Job verloren und den Glauben daran, dass der Kapitalismus seine schönen Versprechen halten würde. Der Kulturetat wurde um die Hälfte gekürzt. Ein Museum für zeitgenössische Kunst, das war klar, konnte nicht mehr gebaut werden. Aus der Not heraus entstand dann die Idee für ein Kunstfestival mit dem Namen Survival Kit. Die schlichte Frage, die dahinter steckte: Wie überlebt man? Die vielleicht beste Antwort darauf gab ein Künstlerkollektiv, das eine Suppenküche einrichtete. Etwa in dieser Zeit entstand auch das Motto für die Kulturhauptstadt: Force Majeure – höhere Gewalt.

„Wir waren naiv damals“, sagt Kaspers Lielgavis. „Wir haben ein Spiel gespielt, dessen Regeln wir nicht gut kannten.“ Dann schaufelt er einen Esslöffel Honig in seine Teetasse. Die Krise hat auch sein Leben verändert. Seine Kunst. Sein Business.

Kaspers Lielgavis, Grafikdesigner und Fotograf, ein schlaksiger Mann Ende dreißig, der lange nachdenkt, und dann selten mehr als ein Wort pro Sekunde spricht, legt ein paar Holzscheite in den selbstgebauten Ofen: ein Öltonne, dazu ein langes Abzugsrohr, das in die fünf Meter hohe Decke seines Ateliers mündet, das auch gleichzeitig seine Wohnung ist. Es ist ein Ort, den man nur findet, wenn man sich abseits der ausgetrampelten Kulturpfade in Riga bewegt. Und an dem man die Stadt besser versteht.

Vor neun Jahren ist Kaspers Lielgavis auf der Suche nach leerstehenden Räumen für seine Kunst und seine kleine Firma gewesen, die darauf spezialisiert war, Dekorationen für kommerzielle Großevents zu designen. Kaspers Lielgavis fand nichts in der Innenstadt, denn dort boomten zu dieser Zeit auch die Mietpreise. Was er fand, war eine heruntergekommene Etage auf dem Gelände der Valsts elektrotehniska fabrika, eines alten elektrotechnischen Betriebes mit undichten Fenstern und aufgerissenen Fußböden. Hier hat die deutsche Firma Minox einst ihre Fotoapparate hergestellt, nach dem Zweiten Weltkrieg bauten die Sowjets Radios und Telefone.

„Ich habe mein ganzes Geld in die Instandsetzung investiert“, sagt Lielgavis. Die Miete bezahlte er drei Jahre im Voraus, er fühlte sich hier sicher, weil die Stadt so weit draußen noch keine Bebauungspläne hatte. Das alles erinnere ihn ein wenig an New York in den Achtzigern, sagte ein Künstlerfreund. Das gefiel Kaspers Lielgavis. seine erste Ausstellung hieß „Art Days in Little New York“.

Lange hatte er das Gefühl, das Richtige getan zu haben, selbst dann noch, als ein ausländischer Investor das gesamte Gelände kaufte, um darauf eine Mischung aus Wohnen, Shoppen und Arbeiten zu errichten. Der Investor sagte, er habe keine Eile, wolle abwarten, wie sich Riga, wie sich der Immobilienmarkt entwickle, außerdem gefalle ihm das Projekt.

Also baute Kaspers Lielgavis die Fabriketage weiter aus. Seine Firma war da bereits von den ersten Krisensymptomen befallen, die Aufträge blieben aus, und sie sollte sich auch nicht wieder erholen. Er mietete trotzdem weitere Räume an und richtete gemeinsam mit anderen Künstlern Ateliers ein, eine Theaterbühne, ein Tonstudio, eine Dachterrasse, einen Konzertsaal, in dem sie ihre Öfen mit fast zehn Meter langen Abzugsrohren ausstatten mussten.

Sie nannten es Totaldobze art centre, alles gut, soll das in etwa heißen, und es wurde sogar besser. Es wurde einer der angesagten Treffpunkte für die alternative Kunstszene. Und für eine neue urbane Elite, die sich in den angrenzenden Bars, Galerien und Modegeschäften niederließ. Es entstand eines der ersten Kreativquartiere in Riga, mit dem die Stadt gerne für sich warb und das sie finanziell unterstütze, ein wenig zumindest. Dann ging Ende vergangenen Jahres allmählich das Geld aus. Und das hatte Einfluss auf das Kulturhauptstadtprogramm.

In Riga werden über das Jahr verteilt zwar etwa dreihundert Kulturevents stattfinden. Richard Wagners „Rienzi“ wird in der Nationaloper aufgeführt, eine Ausstellung widmet sich dem Ersten Weltkrieg aus osteuropäischer Sicht und im Sommer werden die World Choir Games ausgetragen, ein internationaler Chorwettbewerb. Die Vielfalt ist nicht das Problem.

„Das ist alles Mainstream. Sie machen, was die Leute mögen. Die alternative Szene ist benachteiligt, aber das ist überall so“, sagt Kaspers Lielgavis, setzt frisches Wasser auf und muss auf einmal über seinen nächsten Gedanken lachen. „Aber naja, vielleicht werden wir irgendwann auch Mainstream.“

Das wenige Geld, das die Stadt ihm geben wollte, hat er abgelehnt und damit auch darauf verzichtet, ins offizielle Programm aufgenommen zu werden. Warum? „Ich will mich nicht für ein Jahr abhängig machen und danach nicht wissen, was kommt.“

Ende November stürzte in einer Rigaer Vorstadt das Dach eines Supermarkts ein, Dutzende Menschen starben. Das größte Unglück des Landes seit der Unabhängigkeit löste eine Regierungskrise aus, der Ministerpräsident trat zurück. Bis heute ist ungeklärt, ob laxe Bauvorschriften oder Fahrlässigkeit zum Dacheinsturz geführt haben.

„Aber fest steht“, sagt Kaspers Lielgavis, „seitdem hat die Stadtverwaltung Angst, das Unglück könnte sich irgendwo wiederholen.“ In der neuen Nationalbibliothek etwa stehen zwar schon ein paar Tausend Bücher, aber die offizielle Eröffnung soll erst im Sommer folgen. Irgendwas sei mit dem Brandschutz nicht in Ordnung, heißt es.

Auch andere Gebäude werden zurzeit nicht freigegeben. Die Bewegung Free Riga, die den Leerstand in der Stadt anprangert und eine Debatte über die Zwischennutzung angestoßen hat, ist zum Stillstand gekommen. Und bestehende Projekte wie das Totaldobze werden schärferen Kontrollen unterzogen. Deshalb musste das Haus jetzt erst mal schließen. „Wir müssen uns was einfallen lassen“, sagt Kaspers Lielgavis. Aber vielleicht, sagt er, habe die Krise doch etwas Gutes gehabt. „Wir wissen jetzt, dass wir selbst für uns verantwortlich sind. Vorher glaubten viele, das Geld würde schon kommen – von irgendwo.“

Die Frau fürs Große

Als das Geld nicht mehr kam, änderte Zane Onckule einfach ihre Pläne. Sie ist die Frau, die im vergangenen Jahr den lettischen Pavillon bei der Biennale in Venedig kuratiert hat. Spätestens seitdem ist sie nicht mehr darauf angewiesen, sich mit dem Etikett einer Kulturhauptstadtschaffenden zu schmücken. Wenn Kaspers Lielgavis für die lokale Kunst steht, steht sie für den großen internationalen Anspruch.

Zane Onckule ist eine schlanke Frau Mitte dreißig, sie hat Kunstgeschichte studiert und sich auf Kunstvermarktung spezialisiert. Sie sitzt an einem Schreibtisch in einem renovierten Speichergebäude an der Düna und hat eigentlich Kaffee oder Tee versprochen. Doch dann vergisst sie ihr Angebot wieder, als dieser graue Kasten hinter ihr anfängt zu piepen und sie sich jetzt wundert, dass es heutzutage tatsächlich noch Menschen gibt, die Faxgeräte benutzen. Dann sagt sie: „Wir sind keine Anschublokomotive, wir suchen lieber ein fertiges Umfeld, das für uns passt.“ Einen schicken Speicher, keine baufällige Fabrik.

Eines Morgens im zweiten Krisenjahr kam also dieser Anruf von der Stadtverwaltung, und man teilte ihr mit, dass erst mal nur noch acht Prozent der vereinbarten Summe zu Verfügung stünden. Acht! Zane Onckule war sofort klar, das neue Museum für zeitgenössische Kunst würde nicht mehr gebaut werden. Also würde sie auch nicht wie zugesichert die neue Leiterin werden. Sie beschloss, ein eigenes Zentrum für zeitgenössische Kunst zu gründen und nannte es „kim?“. Drei Buchstaben, eine Frage: Was ist Kunst?

Viele sagen, man brauche in Zukunft eher solche Menschen wie Zane Onckule, um Riga ins Bewusstsein der internationalen Kunstszene zu hieven. Das weiß sie wahrscheinlich auch. Und so sagt sie, dass es für Riga zwar wichtig sei, Kulturhauptstadt Europas zu sein, aber das Programm sei ihr zu beliebig, zu breit, nicht experimentell genug, es ziehe keine internationalen Künstler an. Zane Onckule ist die Frau, die es trotzdem geschafft hat. Im kim? wird es im Sommer sechs öffentliche Diskussionsrunden geben: Was kann Kunst heute?

Früher war sie oft im Totaldobze. Sie erinnert sich gern an die Zeit, als junge Kreative nach Riga kamen und die Stadt schnell davon überzeugten, dass sie mehr konnten als nur Partys feiern. Eine Kreativwirtschaft hatte es ja vorher nicht gegeben. Doch jetzt sagt sie: „Das Totaldobze stirbt.“ Es gebe heute eben neue Orte. Dann muss sie los. Und morgen sei sie übrigens in New York. Im großen New York.