Um das Kinn des erwachsenen Mannes wachsen im Normalfall Haare. Im Schnitt werden sie jeden Monat 12 Millimeter länger. Praktisch ist das nicht. Lässt man sie wachsen, beginnen sie über die Oberlippe zu wuchern und sind beim Essen und Trinken im Weg. Sie kriechen die Wangen hoch, hängen als zottiger Latz vor der Brust und machen beim Sprechen komische Bewegungen. In der Ausstellung „Bart – Zwischen Natur und Rasur“ kann man solch einen prächtigen Wildwuchsbart an dem Bildhauer August Rodin betrachten. Angeblich zum Zeichen seiner geistigen Unabhängigkeit ließ er ihn wachsen und wachsen.

Mit der Zeichenhaftigkeit des Bartes ist es allerdings so eine Sache. Zweifellos ist der Bart ein Zeichen. Aber keinen zu tragen, ist eben auch eins. Es ist jedenfalls ein größerer Aufwand, den Bart jeden Morgen aufs Neue zu verhindern, als ihn sprießen zu lassen. Man bringt mit der Rasur deshalb mindestens so viel zum Ausdruck, wie der Bärtige durch bloßes Wachsenlassen. Aber vielleicht weniger als der, der sein Barthaar zwirbelt, wachst, trimmt, färbt und nächtens sogar sorgsam bindet.

Mit der Zähmung des Wildwuchses unterstreicht der Mann seine Distanz zum Tier. Wie wichtig sie ihm ist, geht aus den umständlichen Rasierwerkzeugen aus der Frühgeschichte hervor, die die Ausstellung zeigt, aber auch aus der Lektüre einer babylonischen Steintafel, die die Rasur als Akt der Zivilisierung begrüßt.

Alexander der Große wollte keinen Bart tragen

Auf die Idee zu der Ausstellung, die junge Wissenschaftler in der Preußenstiftung in Zusammenarbeit mit allen Sammlungen erarbeitet haben, kamen die Macher durch die aktuelle Hochkonjunktur des Bartes. Sie wollten wissen: Was sagt uns dessen Beliebtheit? Und hilft zur Beantwortung dieser Frage der Blick zurück in die Kulturgeschichte der Gesichtsbehaarung? Die Antwort lautet: Nicht wirklich. Der Bart ist zwar immer ein Signal. Aber fast immer ein widersprüchliches.

So gilt er einerseits als Zeichen von Wildheit, andererseits als Ausweis von Weisheit. Für die Wildheit steht er in der ikonografischen Tradition des versoffenen, triebhaften Hirtengottes Pan, der durch einen hübschen Picasso und eine Renaissanceskulptur vertreten ist. Für die Weisheit steht er, seit die Griechen der Antike ihre Philosophenbildnisse mit Bärten ausgestattet haben. Ein voller Bart schafft Respekt. Dem Marxismus stand der Bart von Karl Marx immer gut zu Gesicht, nicht nur auf dem in einer Vitrine gezeigten 100-Mark-Schein der DDR. Der Vollbart schuf historische Tiefe.

Der Aufbruch ins Neue dagegen gelingt besser ohne Bart. Jedenfalls war Alexander der Große davon überzeugt, seinem Image als Weltreichsgründer komme die tägliche Rasur entgegen. Auch die Künstler der Moderne hoben sich von ihren akademischen Kollegen, die vollbärtig im Plüsch der Tradition lümmelten, durch glatt rasierte Gesichter ab. Sogar Helmut Kohl schaffte es im Wahlkampf 1994, sich mit der Parole „Politik ohne Bart“ einen modernen Touch zu verleihen, was allerdings gegen den bärtig verhuschten Rudolf Scharping kein großes Kunststück war.

Der Bart ist kein Männer-Privileg

Besser als Scharping steht der Bart jedenfalls einer stattlichen Frau namens Mariam. Vor einigen Jahren beschloss sie, mit dem quälenden Gezupfe des ungewöhnlich starken Wuchses um ihr Kinn aufzuhören. Seitdem trägt sie zu ihrer lockigen Haarpracht einen stolzen Bart. In einem Blog gibt sie Auskunft über Bart und Selbstbewusstsein. Mit einer Bildersammlung bärtiger Frauen – und mit sich selbst als beeindruckendstem Exponat – zieht sie zu Festivals.

Auch in der Ausstellung ist sie mit einer Koje vertreten. Dabei erinnert Mariam an die einstigen Jahrmarktsattraktionen vollbärtiger Frauen. Ihr gegenüber steht Conchita Wurst auf einer Mondsichel, in aller Schlankheit geschnitzt aus stabverleimter Zirbelkiefer. Ihr Bart ist jedenfalls echter als der der Pharaonin Hatschepsut, die mit ihrem künstlichen Zeremonialbart in Sandstein zu sehen ist.

Spätestens an dieser Stelle ist es mit der Gewissheit vorbei, der Bart stünde, wenn schon sonst für nichts, so wenigstens für Männlichkeit. Die Ausstellung zeigt: So penetrant die Kinnhaare wachsen, so hartnäckig entzieht sich der Bart der Deutung seiner Zeichenhaftigkeit, die er doch andererseits heftig provoziert. Um eine komplette Kulturgeschichte des Bartes zu liefern, ist sie mit ihren 160 Quadratmetern aber schlicht zu klein. Der Bart des Propheten fehlt genauso wie die kindliche Vorstellung des bärtigen Gottes im Himmel und der Bart als Zeichen der Ebenbildlichkeit Gottes.

Es fehlt die Bartfrage in der Spaltung von Ost- und Westkirche im 11. Jahrhundert (Pope bärtig, Priester rasiert), und es fehlt der Bart in der Ikonographie der Hippies.Das macht nichts: Die Barthaare wuchsen und wachsen die ganze Menschheitsgeschichte hindurch so dringlich, dass die ästhetischen Strategien zur Bewältigung dieser Überproduktion gar nicht anders können, als sich im ewigen Auf und Ab der Moden zu erschöpfen. Ohne den Bart kulturell immer wieder aufs Neue hochzustilisieren, käme der Mann nicht klar. Das Ding wäre sonst einfach zu komisch.