Modell der geplanten Einheitswippe: Wäre es nicht angebracht, bei solchen Projekten mal innezuhalten?
Simulation: Mila & Partner

BerlinKulturpolitik ist, wenn man es trotzdem macht. Getreu diesem Motto haben am Dienstag die Bauarbeiten zur Errichtung des umstrittenen Freiheits- und Einheitsdenkmals an der Berliner Schlossbaustelle begonnen. Für viele ist die Nachricht ein lästiger Wiedergänger. In endlosen Neuauflagen wurde bereits über Sinn und Unsinn, die ästhetische Umsetzung und auch über die gestiegenen Kosten des Denkmals gestritten, sodass man die öffentliche Erregung über den tatsächlich erfolgten Baubeginn diesmal gern auslassen möchte.

Politisch ist die Sache eindeutig. Der Bundestag hat die Errichtung des Denkmals, das an die geglückte Revolution von 1989 als eines der wenigen positiven Geschichtszeichen in der deutschen Historie erinnern soll, mehrfach beschlossen, und im Haushaltsausschuss wurde später auch die auf insgesamt über 17 Millionen Euro angewachsene Kostenplanung bewilligt. Dennoch ist man geneigt, selbst den leidenschaftlichen Gegnern der goldfarbenen Einheitswippe zuzurufen, es nun auch einmal gut sein zu lassen.

Die Corona-Epidemie aber lässt vieles in einem anderen Licht erscheinen. Und so ist die Nachricht vom Baubeginn von einem seltsamen Unbehagen begleitet, als handele es sich nicht um den Vollzug eines staatlichen Auftrags, sondern um eine geheimnisvolle Nacht-und-Nebel-Aktion, die im Schatten der öffentlichen Aufmerksamkeit schnell durchgezogen werden soll. Wenig jedenfalls scheint derzeit widersinniger als die Vorstellung einer feierlichen Eröffnung, bei der die geladenen Gäste unter Einhaltung der gebotenen Abstandsregeln darum bemüht sind, das symbolisch-interaktive Bauwerk in Schwingungen zu versetzen und so die demokratische Meinungsbildung zu veranschaulichen.

Wäre es angesichts eines flächendeckenden wirtschaftlichen Fiaskos, das nicht nur im Kulturbereich droht – aber dort vermutlich ganz besonders –, nicht angebracht, gerade bei großen Bauvorhaben innezuhalten? Das Ausmaß der Verheerungen, die die Corona-Epidemie hinterlässt, ist derzeit weder angemessen zu beschreiben noch zu beziffern. Die Inszenierung von Spatenstichen wirkt in dieser Situation jedoch wie der stoische Liedvortrag des Titanic-Orchesters, kurz nachdem der Ozeanriese den Eisberg gerammt hat.

Eine besonnene Kulturpolitik ist unter den Vorzeichen eines dramatischen Kulturwandels gewiss nicht leicht. Verträge sind einzuhalten, und die Bereitstellung konkreter Hilfsprogramme für gefährdete Künstler und Kulturveranstalter sind wichtiger als symbolpolitische Manöver. Klar ist aber deshalb auch, dass die Repräsentation staatlicher Kultur nicht ungeprüft fortgesetzt werden kann. In Frankfurt am Main wird derzeit debattiert, ob das Vorhaben des bereits beschlossenen Abrisses des Frankfurter Schauspiels und ein mit mehr als einer Milliarde Euro veranschlagter Neubau auf Eis gelegt werden muss. Die kommunale Politik steht unter erhöhtem Handlungsdruck, und überträgt man den Gedanken nur versuchsweise auf Berlin, dann stellt sich anhand mehrerer Großprojekte die Frage, wie diese im Zeichen einer auf absehbare Zeit nur noch reduziert und gedämpft möglichen Begegnungs- und Kommunikationskultur realisiert werden können.

Das Museum der Moderne am Kulturforum etwa, dessen Fertigstellung für 2025 geplant ist, sollte ein schon durch die Lichtarchitektur implizierter Ort gesellschaftlicher Durchlässigkeit werden, an dem die Kunst zum Kommen und Gehen einlädt. Wird es nun nicht zu einem Ort forcierter Kontrolle werden müssen? Das Humboldt-Forum, dessen Eröffnung noch für dieses Jahr geplant ist, wird unter den gebotenen Schutzmaßnahmen die Idee einer frei zugänglichen Agora ebenso wenig ausspielen können.

Es geht bei den geplanten Repräsentationsbauten um sehr viel Steuergeld, gleich mehrfach musste für die genannten Objekte der Kostenrahmen nach oben angepasst werden. Man hat sich angewöhnt, das als obligatorischen Bestandteil dynamischer Bauplanung aufzufassen. In einer Zeit, in der private und weniger gut ausgestattete Kultureinrichtungen schließen werden, steht auch eine staatliche Kulturpolitik zur Disposition, die sich zuletzt in Grandezza und Selbstrepräsentation übte.