Berlin - Das Land Berlin überlegt gerade, wie es mehr als 360 Millionen Euro in der Kultur verteilen könnte. Das ist die Summe für ein Jahr und am Montag diskutiert der Kulturausschuss darüber. Wie viel brauchen die Opern und Theater, wie viel die Museen und Bibliotheken, wie werden die freien Tänzer und Compagnien beteiligt? Das klingt kompliziert, wie eine mathematisch-tabellarische Herkulesarbeit, ist aber ganz einfach: Es wird verteilt wie immer. Natürlich bleibt trotzdem Gelegenheit, sich Tage und Nächte mit Parlamentariern darüber zu streiten, ob einzelne Posten vielleicht doch verändert werden könnten. Meistens nicht. Auch tragen Intendanten, Künstler und Geschäftsführer ihre Geld- oder Mehr-Geld-Forderungen weiter mit so viel Energie und Hoffnung vor, dass man sich bei Ablehnung um deren Gesundheit sorgen muss. Aber das ist unnötig. Verteilt wird, was da ist, und Schluss.

In diesem Haushalt gibt es sogar mehr Geld als im vorigen, es gab auch andere Zeiten. Dann wurde gekürzt und gestrichen, vornehmlich dort, wo der geringste Widerstand zu erwarten war, bei den Klein-Empfängern. 2012/13 nun fließen sechs der zusätzlichen acht Millionen Euro wieder genau dorthin, wo ohnehin das meiste ist: zu den Groß-Empfängern. Deren Angestellten stehen nämlich höhere Tarifgehälter zu.

Der Vorschlag: Geld für Bildung

Mitten in diese fein säuberlich geordneten Haushaltsberatungen platzte letzte Woche das Buch von vier Kulturbetriebsarbeitern ("Der Kulturinfarkt"), die verlangen, dass diese millionenschweren betonierten, institutionellen Strukturen deutschlandweit endlich aufgebohrt werden. Die Hälfte reicht, schrieben die vier vorab auch groß im Spiegel. Der Rest solle gefälligst umverteilt werden in eine ausreichende statt ärmliche Finanzierung der verbleibenden Häuser, in kulturelle Bildung, Laienkunst und in die Kulturindustrie. Schließlich machten auch Schulen und Kirchen zu, wenn es an Besuchern fehle, und die Schließung eines Theaters sei nicht der Untergang des Abendlandes. Na, diese Herren sollten das Abendland nun kennenlernen. Es spricht plötzlich ungeachtet seiner föderalen und politischen Rivalitäten mit einer Stimme: Die Teufel, pfui!, sie mögen schweigen.

Die Kulturinstitutionen protestieren laut, schmücken die Katastrophe aus, prophezeien Massenentlassungen. Kulturstaatsminister Bernd Neumann weist die Ideen als Kahlschlag-Vision zurück, Kulturpolitiker aus den Ländern sprechen von "unreflektierter Verantwortungslosigkeit", "gefährlichen Gedankenspielen", "schädlichen Diskussionen", loben zugleich mit viel Selbstgefälligkeit das deutsche Fördersystem: Dafür sei Deutschland der Neid der ganzen Welt sicher. Gern wird noch geringschätzig angefügt, dass die Autoren allgemein unbekannt seien, als sei Berühmtheit die Voraussetzung für die Erlaubnis zur Kritik. Der Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz erwidert im Spiegel, wer so spreche, versündige sich am Kulturstaat und sei ein schlechter Patriot.