Moritz van Dülmen trennt sich ungern von Dingen. So haben sich in den zehn Jahren seit Gründung der von ihm geleiteten Kulturprojekte Berlin GmbH nicht nur beeindruckende Berge von Papier in seinem Büro im Podewil in Mitte angesammelt. Neben dem Schreibtisch steht ein Mauerelement aus Styropor, bemalt von Udo Lindenberg für das 20-jährige Mauerfalljubiläum 2009 – das erste von zahlreichen Großereignissen, welche van Dülmen seither im Auftrag des Senats massentauglich inszeniert hat.

Herr van Dülmen, kaum einer erinnert sich noch, dass die Kulturprojekte einst aus der Finanznot des Senats entstanden sind, der 2006 die landeseigene Kulturveranstaltungs GmbH und den Museumspädagogischen Dienst fusionierte.

Letztendlich war das eine gute Entscheidung, denn wir sind unabhängiger, flexibler, können schneller reagieren als die Verwaltung.

Was genau machen eigentlich die Kulturprojekte Berlin?

Da fängt es schon an: Es gibt nicht nur einen Kern. Wir sehen uns als Vernetzer, die mit verschiedenen Partnern Projekte realisieren. Es gibt etwa Anlässe, wo man sagt: „Da muss die Stadt etwas machen.“ Und wir als gemeinnütziger Partner, der aufgestellt ist wie eine Full-Service-Agentur, setzen das um. Die Gemeinnützigkeit ist wichtig, weil wir damit das Vertrauen von Partnern gewinnen, die sich für die Stadt einbringen möchten, ohne dass jemand Profit daraus zieht.

Wer sind diese Partner?

Das kommt darauf an: Für die Lange Nacht der Museen sind es zum Beispiel die unterschiedlichen Bezirks-, Landes- oder Bundesmuseen und private Häuser, die wir moderierend zusammenbringen. Wir sind aber auch Dienstleister, bringen für die Museen das „Museumsjournal“ heraus, betreiben für die Berliner Bühnen den Internetauftritt „Bühnenportal“ oder bauen für den Senat eine Art städtisches Kulturbüro auf, ein Beratungszentrum für Kulturförderung und Kreativwirtschaft, wo sich Kreative über Fördermöglichkeiten informieren.

Von sich reden machen Sie überwiegend mit zeithistorischen Projekten.

Durch die großen Jubiläen – 20 Jahre Mauerfall 2009, 25 Jahre Mauerfall 2014, dann Mauerbau, Stadtjubiläum, 125 Jahre Kudamm – hat man natürlich eine große Öffentlichkeit, die man mit ergänzenden neuartigen, idealerweise auch lustigen Partizipationsideen zu begeistern sucht. In der Summe aber sind es ganz viele, manchmal auch eher unscheinbare Projekte.

Lustige Partizipationsideen – das trifft genau eine häufig geäußerte Kritik, dass Sie Zeitgeschichte zum Event verflachen.

Ich sehe Event nicht negativ. Wir wollen keine Barrieren aufbauen, sondern eine große Zielgruppe erreichen. Nehmen Sie etwa die Dominosteine, aus denen wir einen Teil der Mauer nachgebaut haben zum Mauerfalljubiläum: Tausende junge Menschen haben daran teilgenommen, Steine gestaltet, in ihren Schulklassen diskutiert, mit ihren Eltern geredet. Das ist eine populäre Herangehensweise, ja. Wenn Sie aber sehen, wie viele Menschen sich dadurch mit dem Thema beschäftigt haben, und die nachher bei strömendem Regen auf der Straße ihren Stein haben fallen sehen – da schafft man eine unglaubliche Emotion. Wir setzen den Leuten nicht einfach ein Agenturprodukt vor, sondern laden sie ein mitzumachen.

Der Vorwurf der Banalisierung stört Sie also nicht?

Nö.

Das glaube ich nicht.

Wir wurden schon oft am Anfang eines Projektes erst nicht ernst genommen, und es hieß: „Ihr seid doch so Stadtmarketing-Heinis!“ – am Ende fanden es doch alle ganz toll. Unsere Arbeit ist alles andere als flach und oberflächlich. Es ist eine andere Art der Vermittlung, kurz, prägnant, trifft die Sache aber im Kern.

Solche sozialen Events wie auch die Lange Nacht der Museen zeigen ein erstaunlich gut gelauntes Berlin. Hat sich die Stadt so sehr gewandelt oder ist das einfach das Ergebnis guten Marketings?

Es hat sich schon etwas verändert. In diesem Prozess dürfen wir mitmischen. Das könnte man negativ sehen als Eventisierung bestimmter Ereignisse, wie das Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ zum Jahrestag der Machtergreifung 1933. Viele waren damals unsicher: Kann ein so schweres Gedenkthema ungeschützt auf die Straße gebracht werden? Wir haben festgestellt, so etwas wird extrem dankbar angenommen. Das hat uns ermutigt, Geschichte als Geschichten auf der Straße zu erzählen.

Sie scheinen keine Herausforderung zu fürchten – nicht einmal die Gestaltung des Berlin-Auftritts in dem derzeit ehrgeizigsten Kulturprojekt des Bundes, dem Humboldt-Forum.

Wir sind ja nicht mit einer fertigen Idee angetreten. Wir nähern uns dem Thema, man greift zum Telefon spricht mit Beteiligten wie Hermann Parzinger von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, mit Andreas Scholl von der Museumsinsel, oder mit Kollegen im Ausland, um ein Gefühl für das Projekt zu bekommen. Temporäre Ausstellungen würde ich uns immer zutrauen, aber hier geht es darum, ein dauerhaftes Angebot zu schaffen, das keine Konkurrenz zum Stadtmuseum bildet.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem neuen Leiter des Stadtmuseums und Chefkurator für den Berlin-Auftritt im Humboldt-Forum, dem Niederländer Paul Spies?

Paul Spies ist jemand, der Energie mitbringt. Es ist außerdem eine kluge Situation, jemand zu haben, der das Stadtmuseum neu konzipiert und gleichzeitig die Impulse für das Humboldt-Forum gibt. Was das Organisatorische angeht, werden wir ihm den Rücken frei halten, später die Ausstellung kommunizieren, verkaufen, in die Welt tragen, damit es 2019 in allen Reiseführern der Welt steht. Wir haben Erfahrung im Lancieren solcher Projekte, damit sie auch die nötige Aufmerksamkeit erhalten. In diesem Sinne ist das eine gute Kombi.

Das Gespräch führte Kerstin Krupp.