Berlin - Herr Lederer, Sie sind am Freitag vor die Belegschaft der Volksbühne getreten und haben ihr den Rücktritt von Chris Dercon verkündet. Wie hat man die Nachricht aufgenommen?

Die Belegschaft wer erst einmal überrascht, hat aber, so glaube ich, die Nachricht begrüßt, dass Klaus Dörr die Leitung des Hauses kommissarisch übernimmt. Er soll jetzt eine Arbeitsatmosphäre schaffen, den Übergang organisieren und uns die dafür nötige Luft und Zeit verschaffen. Und ich habe in der Belegschaft eine hohe Motivation gespürt, dafür zu sorgen, dass der Spielbetrieb weitergehen kann, damit man perspektivisch eine Lösung findet, den Repertoire- und Ensemblebetrieb zurück in die Volksbühne zu holen.

Warum tritt Dercon gerade jetzt und nicht früher oder später zurück?

Wir haben seit November 2017 Indizien dafür gehabt, dass die Situation in Bezug auf Auslastung und Spielbetrieb nicht ganz einfach ist. Und natürlich haben wir die Pflicht, da sehr genau hinzugucken, wie sich was entwickelt. Chris Dercon hat, noch bevor die Märzzahlen kamen, um einen Termin gebeten, bei dem er eingeräumt hat, dass es strukturelle, kurzfristig nicht lösbare Probleme gibt. Das war am Montag.

Bekommt er eine Abfindung?

Wir haben uns einvernehmlich getrennt, alles weitere ist im Augenblick nachrangig.

Sehen Sie eine eigene Verantwortung für die Situation, wie sie jetzt ist?

Meine Skepsis gegenüber der künstlerischen Konzeption von Chris Dercon war ja bekannt. Ich hatte mit ihm zu Beginn meiner Amtszeit abgesprochen, dass wir uns einig darüber sind, dass wir uns nicht einig sind. Und ich habe gesagt, dass ich mich natürlich an Verträge halte und dass er, wie jeder andere auch, die Chance haben muss, sein Konzept umzusetzen. Ich bin im Übrigen nicht bereit, alle Probleme, denen die Volksbühne jetzt ausgesetzt ist, an einer Person festzumachen und Chris Dercon die alleinige Verantwortung für das alles zuzuschieben. Ich habe mich bewusst nicht mehr öffentlich zur Volksbühne geäußert, und es war mir auch wichtig, anonyme Angriffe und Invektiven unter der Gürtellinie gegen Chris Dercon strikt zurückzuweisen und mich vor ihn zu stellen.

Haben Sie Ihre Aussage, dass Sie die Personalie Dercon noch einmal überprüfen wollen, bereut?

Damals war ich noch nicht einmal Kultursenator. Zu dem Zeitpunkt habe ich tatsächlich geglaubt, dass ein Konzept, von dem ich nicht überzeugt bin, noch einmal auf den Prüfstand gesetzt werden kann. Hinterher ist man klüger. Als mir klar war, dass der Vertrag nicht aufgelöst werden kann, habe ich getan, was meine Pflicht ist: Die Bedingungen geschaffen, unter denen dieser Vertrag erfüllt werden kann.

Wie geht es jetzt weiter? Werden Sie eine Findungskommission einsetzen?

Wie wir zu einer neuen Intendanz kommen, kann ich heute noch nicht sagen, aber eins ist sicher: Wir werden uns intensiv in vielen Gesprächen beraten und keine Entscheidungen aus der kalten Küche oder von oben herab treffen, sondern wir werden uns die Zeit nehmen, die wir brauchen, um die Volksbühne als Ensemble- und Repertoiretheater zurück ans Netz zu bringen.

Wie ist die finanzielle Situation?

Die Verträge, die existieren, werden wir erfüllen. Das bisher Geplante soll stattfinden. Parallel will Klaus Dörr sich bemühen, den Spielplan zu erweitern und neue Produktionen ans Haus zu holen. Dass die Volksbühne kurz vor der Insolvenz stünde, ist Quatsch. Allerdings wäre eine solche Situation über kurz oder lang eingetreten, wenn wir jetzt nicht gehandelt hätten.

Sie haben sich eingangs zum Ensemble- und Repertoirebetrieb der Volksbühne bekannt. Wie eng fassen Sie diesen Begriff?

Auch das ist eine der Fragen, über die zu verständigen wir uns mit der Einsetzung von Klaus Dörr Zeit verschafft haben. Repertoire bedeutet für mich, dass eigenproduzierte Stücke regelmäßig gezeigt werden. Und Ensemble bedeutet für mich, dass es Schauspielerinnen und Schauspieler gibt, die einem solchen Theater ein Gesicht und ein Gepräge verleihen. Dass darüber hinaus Theater auch mehr kann, dass etwa spartenübergreifend gearbeitet wird, das war an früheren Zeiten an der Volksbühne und ist an anderen Theater so.

Wie viel Zeit wollen Sie sich für die Findung eines Intendanten nehmen?

Heute haben wir die Belegschaft der Volksbühne und die Öffentlichkeit informiert, und in den nächsten Wochen werden wir sicher konkreter werden können, und sagen, auf welcher Zeitschiene wir zu welchen Entscheidung kommen. Da bitte ich um Verständnis, dass wir uns diese Zeit jetzt nehmen. Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit.