Hier müssen Sie am Wochenende hin: Die Kulturtipps der Redaktion

Lesungen, Kinotipps und Konzerte - am Wochenende vom 15. Januar ist in Berlin wieder viel geboten. Unsere Kulturtipps fürs Wochenende. 

Uroš Pajović / BLZ

Lesung aus der Biografie Else Urys, Schöpferin der Nesthäkchen-Reihe

Eine blonde Arzttochter aus Berlin war die Hauptfigur der Schriftstellerin Else Ury in ihren Nesthäkchen-Bänden. Ury wurde mit diesen Büchern eine der bekanntesten Jugendbuchautorinnen der 1920er-Jahre. Viele junge Mädchen identifizierten sich mit Urys Annemarie Braun. Genau wie die Protagonistin ihrer Buchreihe war auch Ury ein Bürgerkind aus Berlin. Als die Nazis an die Macht kamen, begann die Verfolgung.  Else Ury mag unpolitisch, ja politisch naiv gewesen sein, wie es ihr letzter Roman „Jugend voraus!“ nahelegt, doch sie war auch Jüdin. In einem sogenannten Judenhaus in Berlin pflegte sie ihre Mutter, bis diese starb. Und im Januar 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Bereits 1992 erschien Marianne Brentzels Biografie Else Urys. „Nesthäkchen kommt ins KZ“ heißt in der überarbeiteten Fassung „Mir kann doch nichts geschehen. Das Leben der Nesthäkchen-Autorin Elsy Ury“. Anlässlich des 40. Todestages Else Urys liest Marianne Bretzel am Sonnabend daraus. Susanne Lenz

Mir kann doch nichts geschehen. Das Leben der Nesthäkchen-Autorin Else Ury. Lesung, Buchhandlung Primobuch, Ecke Herderstr. 24/Gritznerstraße in Berlin-Steglitz, 14. Januar, 19 Uhr, der Eintritt ist frei, um Anmeldung wird gebeten. Tel.: 70 17 87 15 oder: primobuch.de


Der Neuköllner Widerstand ist groß und weit

Olga Benario, Tochter einer jüdischen Anwaltsfamilie, zieht 1925, mit 17 Jahren, von München nach Berlin-Neukölln, wohnt an der Inn- Ecke Donaustraße, fünf Minuten von der Neuköllner Oper. Ein Stolperstein gab Kathrin Herm und Dariya Maminova den Anstoß, sich mit der Biografie der Widerstandskämpferin zu beschäftigen. Hier, in Neukölln, wo Olga Benario den Kommunisten beitrat, wurde sie auch zum ersten Mal mit ihrem damaligen Lebensgefährten Otto Braun verhaftet und wegen Hochverrats angeklagt. Ihr Vater erwirkte damals ihre Freilassung, sie wiederum führte eine bewaffnete Aktion an, mit der sie Braun aus dem Kriminalgericht Moabit befreite.

Olga Benario-Prestes im Jahr 1928
Olga Benario-Prestes im Jahr 1928Bundesarchiv Bild/Wikipedia CC

Sie floh über die Tschechoslowakei in die Sowjetunion, wo sie in Waffenkunde, Reiten, Fliegen und Fallschirmspringen ausgebildet und mit dem brasilianischen KP-Führer Luiz Carlos Prestes bekannt gemacht wurde, als dessen Leibwächterin sie nach Brasilien ging. Sie beschützte ihn nicht nur, sondern heiratete ihn auch und wurde schwanger von ihm, bevor sie verhaftet und 1936 nach Deutschland ausgewiesen wurde. Ihre Tochter, die sie während der Haft austrug, gebar und 14 Monate pflegte, konnte gerettet werden. Olga Benario selbst wurde in der Tötungsanstalt Bernburg 1942 im Alter von 34 Jahren umgebracht. Es gibt schon Theaterstücke und Filme über Olga Benario. Jetzt ist ein musikalischer Abend mit dem Titel „Ich heb’ dir die Welt aus den Angeln“ hinzugekommen. Groß und weit ist die Welt, die in Neukölln zusammenkommt. Ulrich Seidler

Olga Benario. Fr., Sa. 20 Uhr, So. 18 Uhr (auch am darauffolgenden Wochenende) in der Neuköllner Oper, Karl-Marx-Str. 131, Karten und Informationen unter neukoellneroper.de


„Holy Spider“ mit Sara Fazilat im Wolf Kino

Im Jahr 2001 macht sich eine Journalistin (Zar Amir Ebrahimi) auf den Weg in die heilige Stadt Maschhad in Iran, um einer Mordserie an Prostituierten auf den Grund zu gehen. Indem er die Straßen von „Unsittlichem“ befreit, glaubt der sogenannte Spinnenmörder den Willen Gottes zu verrichten und nicht wenige Menschen feiern ihn dafür – darunter auch Polizisten. Sie legen der Journalistin Steine in den Weg, anstatt zu helfen, doch die Frau gibt nicht auf. Der Film des in Dänemark lebenden iranischen Regisseurs Ali Abbasi beruht auf wahren Begebenheiten und könnte angesichts der aktuellen Situation in Iran kaum relevanter sein. Die deutsche Schauspielerin Sara Fazilat („Tausend Zeilen“) gibt im Film eine Prostituierte. Nach der Vorführung im Wolf Kino bleibt sie zum Gespräch mit dem Publikum. Claudia Reinhard

Holy Spider. Anschließendes Gespräch mit Sara Fazilat, 14. Januar, 18 Uhr, Wolf Kino


Konzert: Martin Bruchmann im Maschinenhaus

„Wer wär ich heute, wenn ich damals nicht gegangen wär“ – so heißt die EP des Neuköllner Liedermachers und Schauspielers Martin Bruchmann, der, 1989 in Leipzig geboren, einst nach Berlin zog. Wer wär ich heute, wenn ich damals nicht gegangen wär? Eine Frage, die vermutlich viele mal umtreibt, die irgendwann in ihrem Leben nach Berlin (oder auch in eine andere Stadt) gegangen sind, um ein neues Kapitel ihres Lebens aufzuschlagen. Doch wenn man Bruchmanns Video zu seinem Song „Dreizehn“ sieht (das wiederum das erste von drei Kapiteln seines selbstproduzierten Kurzfilms zur EP bildet), spürt man, eindringlich verdichtet, dass die Gründe für einen Neustart beim lyrischen Ich hier besonders gravierend waren.

Martin Bruchmann, der in der Vergangenheit schon Shakespeare und Pornodarsteller gespielt hat und auch hier im Film mitwirkt und ein Stück weit seine eigene Coming-of-Age-Geschichte erzählt, trägt die sehr persönlichen Pop-Rock-Liedermacher-Stücke seiner EP nun erstmals alle live vor, beim Record-Release-Konzert im Maschinenhaus. Sicher eine tolle Chance, ihn leibhaftig und nicht „nur“ auf dem Bildschirm zu erleben, wo er (nach Rollen im „Tatort“ und „Unsere Mütter, unsere Väter“) bald in einer internationalen Produktion des Streamingservice Paramount+ zu sehen sein wird. Stefan Hochgesand

Maschinenhaus in der Kulturbrauerei, Knaackstraße 97, Freitag, 13. Januar, 20 Uhr, VVK 15 Euro


Liebermann zeichnet: Das Kupferstichkabinett in dessen einstigem Atelier

Es ist der Ort, an dem die meisten Zeichnungen entstanden: Max Liebermanns nach der Kriegszerstörung 1945 und 28 Mauerjahren wiederaufgebautes repräsentables Wohn-und Atelierhaus am Pariser Platz. Von dort hatten die Nazis Deutschlands berühmtesten Impressionisten (1847–1935), den geachteten Präsidenten der Preußischen Akademie der Künste, den aufgeklärten und religiös völlig toleranten Juden nach 1933 verjagt. Alt, krank, gedemütigt, als entartet stigmatisiert starb dieser einzigartige Künstler, der zu Berlin gehört wie das Brandenburger Tor.

Max Liebermann war ein passionierter Holland-Reisender: „Judengasse in Amsterdam“, 1905, schwarze Kreide auf Papier. 
Max Liebermann war ein passionierter Holland-Reisender: „Judengasse in Amsterdam“, 1905, schwarze Kreide auf Papier. SMB/Kupferstichkabinett/ Dietmar Katz

Liebermanns 175. Geburtstag im letzten Jahr war Anlass, seine Zeichnungen aus der Sammlung des Kupferstichkabinetts zu zeigen – ebenda, wo er einst am Tisch saß und die Linien zog, die vehementen Kringel aufs Papier setzte und Architekturen und Straßenleben in den Bildraum spannte, Licht- und Schatteneffekte ausprobierte. Die meisten Blätter hatte die Nationalgalerie noch zu Lebzeiten des Malers gesammelt. Heute zählen sie zu den Kostbarkeiten des Kupferstichkabinetts und erzählen auf ihre Weise vom Weg des Künstlers. Liebermann stand seinerzeit im teils freundschaftlichen, aber auch konfliktbeladenen Austausch mit den wechselnden Direktoren der Nationalgalerie. Kaiser Wilhelm hatte seine Bilder als „Rinnsteinkunst“ beschimpft, was einige der abhängigen Herren Museologen verunsicherte. 

Besucher des Liebermann-Hauses, heute Sitz der Stiftung Brandenburger Tor, erleben Liebermanns virtuose Zeichenkunst, die nie ein Nebenprodukt seiner berühmten Malerei war, sondern eine ganz eigenständige, herbe, lebhafte, oft auch humorvolle Bildsprache pflegt. Etwas Besonderes ist sein ganz selten gezeigtes allererstes Skizzenbuch der 1860er-Jahre, ebenso freie Vorstudien zu Gemälden, holländischen Landschaften, wo der passionierte Holland-Reisende seine Naturstudien betrieb, sowie Porträts prominenter Zeitgenossen. Lieblingsmotive waren einfache Leute. Und nicht zuletzt seine markanten Zeichnungen der Selbstbefragung als Pendants zu den gemalten Selbstbildnissen. Ingeborg Ruthe

Liebermann-Haus, Stiftung Brandenburger Tor, am Pariser Platz 7, bis 5. März, Mo., Mi.–So. 11–18 Uhr


Explosives Vogueing im Kühlhaus Berlin

Vogueing begann bekanntlich als Nachahmung von Models in Modezeitschriften und Laufstegen, in den Hinterhöfen der New Yorker Ballroom-Szene im Harlem der 1970er-Jahre. Als exaltierte und extrem physische Tanzform ist Vogueing seitdem zu einer queeren, Schwarzen und auch lateinamerikanischen Tradition geworden – teils Wettbewerb, teils Ausdruck persönlicher Selbstverwirklichung. In den frühen 90er-Jahren wurde Vogueing durch Jennie Livingstons Dokumentarfilm „Paris Is Burning“ und Madonnas Musikvideo „Vogue“ weltbekannt. Der Film zeigte Vogueing als zentrales Element eines queeren Untergrunds, der in den 1980er-Jahren aufblühte – und dessen Wurzeln Jahrzehnte zurückreichen. 

Mit einer zweiteiligen Veranstaltung blickt das Kollektiv MOVE.UNLTD jetzt auf den Puls der Berliner Vogueing-Szene. Am Samstag, den 14. Januar, wird das Kühlhaus Berlin zum sprichwörtlichen Ballroom. Im ersten Teil des Tages wird ein Solostück von Cosmos präsentiert werden. Der zweite Teil soll Vertreter:innen der europäische Ballroom-Community vereinen. Während die Performances eher experimentell sind, soll im zweiten Teil die explosive Energie des Vogueing deutlich werden. Hanno Hauenstein

Kühlhaus Berlin, Luckenwalder Str. 3. Tanzperformance von 14–16 Uhr; Vogueing Ball ab 17 Uhr. Tickets für beide Veranstaltungen kosten 23 Euro.


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