Das  Interview mit  Henry Hübchen ist  einerseits höchst vergnüglich und andererseits kompliziert. Beides hat mit seinem Beruf zu tun. Er ist  Schauspieler, einer der besten, die es in Deutschland gibt. Nicht nur auf der Bühne, wie  er es bei Frank Castorf  an der Berliner Volksbühne über ein Jahrzehnt   lang beweisen konnte, oder vor der Kamera, er ist es auch im Gespräch.

Er erzählt, berlinert dabei wie ein Bademeister, er macht  Sprüche, parodiert Kollegen, bremst aber auch mal das Tempo, um  länger über eine Antwort nachzudenken. Anlass des Gesprächs  ist  sein neuer Film „Kundschafter des Friedens“, in dem er einen reaktivierten Ost-Agenten spielt. 

Zum Schluss  sagt er: „So, dann schickense mir  das Ganze  bitte  recht bald, ich korrigiere sowieso alles noch mal.“ Das war kein Witz, wie sich herausstellen soll.  Als Schauspieler weiß Hübchen um die Wirkung jedes einzelnen Wortes.  Und die kontrolliert  er gern bis zuletzt.

Herr Hübchen, ich möchte  mit Ihnen  über den neuen Film sprechen und auch  ein wenig über das Leben an sich, wenn  es Ihnen recht ist, kurz vor Ihrem siebzigsten Geburtstag.

Siebzigster Geburtstag, mein Gott, geht das schon los.

Sie sind wohl nicht so der Feiertyp?

Na ja, es geht so, ich muss in Stimmung sein. Das macht mir …, ja, was macht es eigentlich?  Du siehst schon den Horizont, und hinter dem geht’s dann höchstwahrscheinlich nicht mehr weiter.  Da kann Udo Lindenberg singen, was er will. Der fünfzigste Geburtstag war ein Datum, an dem ich mich das erste Mal verkrümelt habe. Fünfzig war eine Zahl, die ich nicht hören und nicht lesen wollte. Wenn Sie mir jetzt statt der Siebzig die Fünfzig anbieten würden, wunderbar. Jawohl, ich feiere erst mal meine Fünfzig nach oder mein gefühltes Alter – die Achtundvierzig.

Bei Ihnen  ist in den zwanzig Jahren zwischen fünfzig und siebzig viel passiert. Sie haben sich vom Theater verabschiedet,  sind in Film und Fernsehen   präsent, roter Teppich hier, Hauptrolle da. Gibt’s Grund zur Klage?

Vom Theater habe ich mich überhaupt nicht verabschiedet, ich spiele nur nicht. Und der rote Teppich ist nicht meine Lieblingsdisziplin.   Grund zur Klage gibt es immer. Das lasse ich jetzt aber, weil Sie mir da nicht helfen können. Aber Sie haben recht, es ist eine Menge passiert und muss ja auch. Mit fünfzig war ich gerade in so einer wunderbaren produktiven Zeit mit der Volksbühne, wo wir wirklich mit den Inszenierungen Furore gemacht haben.

Wir sind um die Welt gefahren, und Fernsehen habe ich nebenbei gemacht. Die Rollenangebote verändern sich, nicht am Theater, da können Sie noch mit achtzig den Romeo spielen. Aber beim Film, in dem so getan wird, als würde alles echt sein, obwohl man auf einer Kiste steht, der geklebte Bart juckt und der Sender des Mikrofons in den Kniekehlen baumelt, da spielt man eben das, was man ist, der alte Vater oder der Opa.

Zu den Seitensprunggeschichten reicht’s auch nicht mehr richtig. Die Leute, die die Welt verändern, sind eben nicht sechzig, sondern um die dreißig. Wie alt war Fidel Castro, als er mit der Granma in Kuba gelandet ist, oder Robespierre und Danton, die großen Revolutionäre unserer Geschichte …

Also setzt Ihnen das Alter doch etwas  zu.

Nein, überhaupt nicht. Es gibt nur zu wenig gute Rollen in meiner Altersklasse. Aber mit dem Alter kommt die Weisheit, zumindest die Erfahrung. Und die ist auch nicht zu verachten.

Ihr Intendant Frank Castorf hat mal gesagt: „Jemand wie Henry wird sicherlich auch bei meiner letzten Arbeit hier dabei sein.“ Haben Sie schon was von der Volksbühne gehört?

Ich höre immer wieder mal was von der Volksbühne. Aber Franks letzte Arbeit findet erst in zwanzig oder dreißig Jahren statt, und da bin ich natürlich dabei. Im Moment finde ich, dass die Volksbühne gut aufgestellt ist und meine Unterstützung nicht wirklich braucht.

Außerdem sind die Stücke immer länger geworden und der Darsteller Hübchen immer älter. Das ist eine gegenläufige Entwicklung. Ein Mal auf der Bananenschale ausrutschen reicht nicht, erst ab dem zehnten Mal wird’s komisch. Es sind sehr gute junge Spieler da. Ich habe wunderbare Aufführungen gesehen.

Sie   waren   über ein Jahrzehnt praktisch  der Führungsspieler an der Volksbühne. Wie sieht   heute Ihr Verhältnis zu diesem Theater  aus?

Ich fühle mich immer geehrt, wenn ich als Protagonist einer wirklich sehr produktiven Zeit an dem Haus genannt werde. Diese Castorf-Zeit war ja nicht linear, es ging hoch und runter, wie ein Aktienkurs, aber da war immer Bewegung. Und dann hat diese Volksbühne viel mit meinem Leben zu tun. Benno Besson hat mich 1974 an dieses Haus engagiert. Auch eine stürmische Zeit. Eigentlich müssten die mir ’ne Ehrenrente geben.

Machen sie aber nicht.

Nee.

Und ein Ehrenangebot zum Ende der Castorf-Ära?

Da müsste ich ja arbeiten, ’ne Büste würde reichen.

Wie sehen Sie denn das Haus heute?

Wenn Sie da dreißig Jahre an einem Ort  beschäftigt sind, natürlich nicht wie ein Siemens-Arbeiter, der jeden Tag in sein Siemens-Werk geht, aber schon sehr beständig, dann prägt das. Nicht das Haus, aber die Leute da drin prägen. Früher waren es Regisseure wie Matthias Langhoff, Manfred Karge oder Fritz Marquardt oder der Dramatiker Heiner Müller. Später dann Castorf, dessen Aktienkurs gerade ein Allzeithoch hat. Also der beste Zeitpunkt zu  verkaufen, was ja auch   geschieht.

Eine Art Liebesbeziehung?

Schauspieler und Regisseur gehen immer eine intime Beziehung ein. Und die mit Frank ist eine besondere. Wir haben ein ähnliches Denken, einen ähnlichen Humor und verstehen uns ohne Worte. Dafür bin ich dankbar, weil ich weiß, dass so etwas zwischen Spieler und Spielleiter sehr selten passiert.

Wenn so eine Beziehung zu Ende geht, tut das weh.

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Aber sie wissen doch, alte Liebe rostet nicht.

Sie waren es, der Schluss gemacht hat. Haben Sie es mal bereut?

Nee, gar nicht. Da geht es mir wie Reinhold Messner, der war auf allen Achttausendern, warum soll er da wieder hochklettern?  Ich habe Theater sehr ausgemessen, von hinten nach vorne, von oben nach unten. Da sind für mich keine Weißfelder mehr. Beim Film allerdings. Wie geht das? Wie macht man das? Wie kann man drehen? Das hat mich interessiert. Und dann wollte ich auch frei sein, frei von dieser Stadttheatermühle.

Am Theater waren Sie das, was man eine Rampensau nennt. Sie hatten die tausend Leute in der Volksbühne spielend in der Hand. Die haben Sie gefeiert wie einen Rockstar. Fehlt Ihnen das alles  heute nicht?

Ich habe nicht wegen des Applauses gespielt. Das war nie ein Antrieb von mir. Ich habe ein Vergnügen daran gehabt, Szenen so auszuführen, dass es mir selber gefällt. Glücklicherweise hat es dann meistens  auch   anderen gefallen. Natürlich geht es auch darum, geliebt zu werden.

Interessiert Sie Theater eigentlich auch als Zuschauer?

Ich bin kein großer Theatergänger, bin ich nie gewesen. Als Student war ich natürlich viel im Theater. Esche, Schall, Thate und der wunderbare Jürgen Holtz waren meine Helden. Ich könnte das ganze Deutsche Theater und Berliner Ensemble dieser Zeit aufzählen.

Diese Spezies von Schauspielern stirbt aus. Es ist wie bei Darwin, der Schauspieler passt sich seiner Umwelt an. Vielleicht ist es eine bedrohte Art, und die Selbstdarsteller übernehmen immer mehr die Unterhaltung des Publikums. Auch das Theater, diese alte Kunst, ist bedroht. Dabei ist es was Besonderes, in ein Haus zu kommen, und dort passiert etwas nur in diesem Moment.

Auch der Zirkus zählt dazu. Leute, die mit ihren Körpern, ihren Stimmen, ihren Salti, ihren Zaubertricks mich exklusiv unterhalten. Schon das begeistert mich. Weg zu sein von der Wohlstandscouch und dem zweidimensionalen Fernseher, wo ich mich aus langer Weile so durchzappe.    

Und wenn in der nächsten Spielzeit an der Volksbühne womöglich andere Leute andere Sachen live vorführen? Wie sehen Sie der Zukunft mit Chris Dercon entgegen?

Ich lasse mich überraschen… Natürlich ist die Volksbühne was Besonderes in dieser Stadt und in diesem Land gewesen.

Sie sprechen in der Vergangenheit…

Weil die Volksbühne eine große Vergangenheit hat. Mit Arbeitergroschen erbaut und immer wieder mit außergewöhnlichem Personal bestückt. Denken Sie an Max Reinhardt, Erwin Piscator, dann in den Siebzigerjahren mit Benno Besson als Intendant. Es kommt immer drauf an, wer sich in diesem Steinhaus äußert.

Dazu zählen nun schon fünfundzwanzig Jahre Castorf, Marthaler etc. Aber nichts ist für ewig.  Allerdings setze ich mich gerne für eine Ewigkeit ein: für das laufende Rad, das Räuberlogo, die Skulptur von Bert Neumann auf der Freifläche vor der Volksbühne. Ich erkläre es jetzt schon mal hier zum Denkmal.

In  Ihrem neuen Film „Kundschafter des Friedens“ spielen Sie einen alten Ost-Agenten, der gemeinsam mit früheren Genossen aus dem Ruhestand geholt wird, um den jungen Leuten vom Bundesnachrichtendienst aus der Patsche zu helfen. Wie sieht denn Ihr Ruhestand aus? Mit knapp siebzig und einem Film pro Jahr.

Die Frage könnte von meiner Frau sein – was machst du die ganze Zeit?

Und was antworten Sie darauf?

Ich sage ihr, wenn du es willst, werde ich das ab jetzt dokumentieren, eine Art Fahrtenbuch führen. Mir fällt immer zu wenig ein, obwohl ich den ganzen Tag beschäftigt bin. Ruhestand heißt für mich, dass ich mich auch vor Sachen drücken kann. Dieses Vor-mir-Herschieben mache ich gerne, das ist das Gute und der Fluch am Ruhestand. Deshalb arbeite ich unter anderem, damit ich besser strukturiert bin.

Sie sind faul.

Nein. Ich bin ein Drückeberger. Ich drücke mich um Sachen herum, die mir keinen Spaß machen. Vielleicht bin ich auch faul – oder eher ein Müßiggänger, also ich gehe jetzt gerne müßig. Im Sommer schipper ich auch ganz gerne mit einem Segelboot herum.

Wo liegt Ihr Revier?

Wustrow. Da oben im Norden, am Saaler Bodden. Oder nach Dänemark rüber, mit ’nem 14-Meter-Kielboot. Das ist doch schöner, als auf einer dunklen Probebühne zu stehen.

Wie alt ist Ihr Vater geworden?

Nur sechsundsiebzig, leider. Da habe ich noch sechs Jahre.

Macht es Ihnen Angst, dieser Zahl näherzukommen?

Sie machen mich wahnsinnig mit Ihren Zahlen. Wenn Sie nicht ständig mit irgendwelchen Zahlen kommen würden, wäre das hier ein ganz nettes Interview. Nein, ich habe keine Angst. Ich verdränge und tue so, als würde ich ewig leben. Bis der Nächste stirbt, der in irgendeiner Form mein Leben begleitet hat oder einer wie Sie mir mit Zahlen kommt. Dann nehme ich mir vor: Jetzt regst du dich überhaupt nicht mehr auf, ihr könnt mich alle mal.

Wie lange hält das an?

Das kommt darauf an. Je nachdem, wer mir begegnet. Ziemlich schnell vergesse ich das dann auch, verdränge wieder, und der Kreislauf geht von Neuem los. Ja, was soll man machen? Jedenfalls etwas, das Spaß macht.

In Ihrer Kundschafter-Komödie spielen Sie neben Michael Gwisdek, Thomas Thieme und Winfried Glatzeder genau genommen einen Stasi-Rentner.

Na ja, sagen wir mal so: einen Rentner, der von Sozialhilfe lebt und als   Agent bei der Hauptverwaltung Aufklärung gearbeitet hat. Das ist der Auslandsgeheimdienst der DDR gewesen, der natürlich dem Ministerium für Staatssicherheit unterstellt war. Die haben sich eben Kundschafter genannt.

Nach der Idee des MfS kämpften die Kundschafter aus Überzeugung und für den Frieden. Spione klingt ein bisschen nach Halbwelt, sie lassen sich für Geld kaufen, also Söldner. Privat unter sich war sicherlich der Begriff Agent beliebt. James Bond war doch kein Kundschafter, sondern ein cooler Agent.

Der Film spielt auf die DDR-Fernsehserie „Das unsichtbare Visier“ aus den Siebzigerjahren an, in der Armin Mueller-Stahl so einen Kundschafter gespielt hat, damals aber ernst gemeint. Im Osten war das ein Riesenerfolg. Wie fanden Sie diese Serie?

Das hat mich gar nicht tangiert, ich habe zu der Zeit mit dem Theater angefangen und war mehr an Fellini interessiert. Ansonsten habe ich Westfernsehen gesehen und mal den einen oder anderen Defa-Film.

Vorzugsweise die, in denen Sie selbst mitgespielt haben?

Nee, nee, nee, „Spur der Steine“ habe ich gesehen oder auch die Filme von Egon Günther. Aber das war’s dann  schon. Also „Heißer Sommer“, was jetzt angeblich Kult ist, fand ich fürchterlich, das war die Zeit, wo ich mir die Rolling Stones angehört habe oder Bob Dylan und nicht Frank Schöbel.

Im Vorspann zu dem neuen Film, der im Siebzigerjahre-Design gehalten ist, sind Sie in einigen Szenen als junger Mann zu sehen, mit kinnlangen dunklen Haaren, Zigarette in der Hand, sehr lässig. Wie nahe sind Sie sich, wenn Sie das heute so sehen?

Da gucke ich so hin, ja, das bist du, aber … Fremd ist ein falsches Wort. Es ist mir fern.

Die Aufnahme stammt ungefähr aus jener Zeit, als Sie beim Regisseur Frank Beyer in „Jakob der Lügner“ gespielt haben, der 1975 den Silbernen Bären bei der Berlinale gewonnen hat und als einziger  Defa-Film überhaupt für den Oscar nominiert war.  Wie   war das denn so, als Oscar-Kandidat in der DDR? Der Preis ging   ja dann an Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“.

Ich war ganz jung damals. Die eigentlichen Akteure sind der Tscheche Vlastimil Brodský in der Hauptrolle und Erwin Geschonneck gewesen. Wichtig war natürlich  Frank Beyer und ganz wichtig der Autor Jurek Becker. Dass der Film für den Oscar nominiert war, wurde an mich damals gar nicht groß herangetragen. Jetzt, da alle anderen tot sind, wird mein Beitrag immer größer, der wächst praktisch mit der Sterberate um mich herum.

Ihre Erfahrungen mit Film und Fernsehen reichen aber noch weiter zurück.

Meinen ersten Fernsehauftritt hatte ich in einem Kinderfernsehspiel. Dazu haben sie mich in der Schule ausgesucht. Das wurde noch live gesendet. Und dann habe ich ein Jahr lang eine Pioniersendung moderiert, „Atze Icke“ hieß die. Da wurde aus dem Pionierleben berichtet, also wo ist ein Eierlauf oder Sackhüpfen, wo die eine oder andere Ausstellung. Das war immer sehr aufregend, ich musste Texte lernen, da gab es ja richtige Drehbücher.

Wie alt waren Sie da?

Zehn, zwölf.

Der Beginn Ihrer Karriere…

Nein, im Gegenteil. In der Zeit habe ich Schauspieler verachtet. Also die paar, die ich in der Kindersendung erlebt habe. Für mich waren sie devot, überpünktlich zur Probe und haben nur gemacht, was der Regisseur sagte. 

Ich bin noch in einem Indianerfilm der Defa  aufgetreten, 1965, kurz nach dem Abitur, „Die Söhne der großen Bärin“. Das war auch so ein Zufall. Man brauchte zwei Indianerjungs. Sie haben mir eine Perücke verpasst, und ich sah aus wie der Sohn von Winnetou. Es war ein Ferienjob. Aber auch da wollte ich nicht Schauspieler werden.

Die  Pioniersendungen sind  nicht mehr aufzufinden, es gibt aber eine schöne Aufnahme aus der Musiksendung „Notenbank“ von 1970, das war die Ost-Variante vom „Beatclub“. Sie treten dort    in der Rolle des Leadsängers auf.

Das war  sehr  viel später, ich war schon am Theater Magdeburg. Musik hat bei mir immer eine Rolle gespielt, Schulband, Gitarre und so. Freunde von mir, die  Continentels, hatten ein Angebot, in der „Notenbank“ aufzutreten. Da konntest du aber nicht irgendwas nachspielen, sondern musstest  eigene Titel vortragen. Einen eigenen Titel hatten sie, den hatte ich komponiert. Da haben sie gesagt, dann kannst du ihn auch gleich singen.

Der Song geht so: „Als ich sie heut’ geseh’n, hab’ ich mich gefragt, ob es so weitergeht mit mir?  Da hab ich Schluss gesagt, die Zeit verging mit ihr.“    Wie kann man   das denn singen? Klingt ein bisschen sperrig.

Der Redakteur dort hat das mit großem Engagement gemacht, gegen Widerstände im Fernsehfunk, da ging es um lange Haare oder Bärte oder sonst was, das den Kulturgenossen nicht gepasst hat. Er hat auch selbst Texte geschrieben und noch ein Lied übrig, mit den Klosterbrüdern. Das wollte keiner. Und icke wie ein Trottel habe dieses Liedchen dann auch noch geträllert.

Wäre Musik für Sie auch eine Option gewesen?

Man kann alles machen mit einem Halbtalent, klar. Wenn wir damals vom Radio oder Tonband die Akkorde abgehört haben, bin ich mit meinem musikalischen Empfinden und Gehör meistens nicht   weit gekommen. Und mein Gitarrenspiel war auch nicht meisterlich.

Spielen Sie noch Gitarre?

Aus Spaß zu Hause zur Entspannung. Aber nicht regelmäßig, manchmal mit Milan Peschel, wie es sich ergibt. Aber allein ist auch schön.

Haben Sie viele Freunde?

Nö.

Das kam schnell.

Ich weiß es nicht genau. Da müssen wir erst mal Freunde definieren. Ich bin immer etwas zurückhaltend mit dem Wort Freund. Die Frage ist, wer von den Bekannten, die ich habe, wirklich bereit wäre, mich in der Not aufzunehmen, und nicht nur zwei Stunden lang.

Waren Sie schon einmal in der Situation, jemandem Ihre Freundschaft zu beweisen?

Nein, in diesem Sinne nicht. Also ich sag jetzt mal, ich habe einige Freundschaften und bin befreundet. Aber niemand muss sich opfern.

Ich habe mal die Filme gezählt, die in Ihrer Biografie aufgelistet sind und bin auf 120 gekommen.  Eine Auswahl, war dort zu lesen.

Sie mit Ihren Zahlen. Siebzig Jahre eben.

Und was ist für Sie von bleibendem Wert?

Haben Sie das Gefühl, ich stünde kurz vor der Grube und sollte über bleibende Werte nachdenken? Ich weiß das nicht. Ich habe noch nicht so intensiv zurückgeblickt. Schauspieler ist ein merkwürdiger Beruf, der ist ja nicht so selbstbestimmt wie zum Beispiel ein Maler.

Du kannst diesen Beruf nur in einer Gemeinschaft mit anderen ausüben, und beim Film steigst du mal kurzzeitig dazu wie ein Anhalter und wirst an der nächsten Kreuzung wieder rausgeschmissen. Es gibt Arbeiten, die sind ganz schön. Andere sind nicht so schön.

Am Theater wird man anfangs einfach nur so besetzt. Die Vertragslage ist klar, du bist angestellt und weisungsgebunden. Das bist du auch beim Film. Es dauert auch eine Weile, dir diesen Beruf zu erobern.

Was möchtest du eigentlich. Was interessiert dich wirklich und kannst du dir deine Visionen leisten, denn du lebst von dem Beruf. Vielleicht hätte ich Mitte zwanzig lieber… Ja, ich weiß nicht, was ich hätte, ich wollte einfach spielen. Dabei ist dann „Jakob der Lügner“ auf mich gefallen, eine Ghetto-Geschichte.

Ein Film, der in jedem Porträt über Sie genannt wird…

Nach hinten raus bleiben bei mir erst einmal nur solche Sachen hängen, die Erfolg hatten. Natürlich „Jakob der Lügner“, aber auch „Whisky mit Wodka“ oder „Sonnenallee“ auf eine bestimmte Weise. „Sonnenallee“ war  bei der Arbeit sehr schön. Ich konnte viel improvisieren, habe da eigene Texte reingebastelt. „Alles auf Zucker“, gut, aber du kannst sie an einer Hand abzählen.

Das ist nicht viel bei über hundert Filmen.

Irgendwann werde ich mal  in Ruhe zurückblicken. Mal sehen, was ich da noch so entdecke. In den Filmen gibt es immer etwas, was mir gefällt, und es gibt die Erinnerung an die Arbeit, die ja Lebenszeit ist. Wie viel haben Sie denn geschrieben, und was würden Sie davon einrahmen und an die Wand hängen? Sehen Sie.

Ich mache Filme aus unterschiedlichen Gründen. „Das wirkliche Blau“ nach Anna Seghers zum Beispiel, eine Geschichte aus Mexiko. Wurde in Bulgarien und Rumänien gedreht, am Strand und in den Bergen. Für mich als jungen DDR-Spieler war das toll. Eine Literaturverfilmung – noch ein Grund. Aber den Film können Sie sich heute  nicht mehr angucken.  Hübchen als Mexikaner.

In „Kundschafter des Friedens“ tritt Jürgen Prochnow als Ihr Gegenspieler auf. Der Film „Das Boot“ hat ihm und anderen den Weg nach Hollywood geebnet. Vom Alter her gehören Sie auch zu dieser Generation Boot. Bedauern Sie es, dass Sie in der DDR nie die Chance zu einer internationalen Karriere bekamen?

Nee, überhaupt nicht. Das Wort Karriere gehört tatsächlich nicht zu meinem Wortschatz. Ich habe nicht das Gefühl, dass mir in der Arbeit was vorenthalten wurde. Im Gegenteil, ich bin dankbar für die Möglichkeiten, die ich hatte und habe in zwei so unterschiedlichen deutschen Staaten. Zu dieser Bootsmannschaft gehörten im Übrigen auch andere, die weit entfernt von Hollywood geblieben sind. Hollywood ist nicht das Mekka eines jeden Schauspielers.