„Liegender Akt“, um 1917, Öl/Leinwand
Foto: Amedeo Modigliani/bpk/Staatsgalerie Stuttgart

Berlin Da liegen sie fast alle. Auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise ruhen im Erdboden der letzten Dinge all die Großen der Klassischen Moderne, die dereinst in den Pariser Kreisen ihre Avantgarde-Kunst betrieben. Auch der Schwanenhals-Frauen-Maler und Bildhauer Amedeo Modigliani, geboren 1884 in Livorno, an Tuberkulose gestorben am 25. Januar 1920 in Paris, ist hier bestattet. Als ich das letzte Mal vor seinem tonnenartig gewölbten Grabstein stand, zierten schlichte rote, weiße und blaue Primeln den verwitterten Granit. 

Was in Kunstbüchern steht über das  Bohème-Leben des pariserischen Italieners, dessen seinerzeit als „pornografisch“ skandalisierten Gemälde postum auf der ersten Documenta 1955 in Kassel ausgestellt waren, stützt sich auf nur karg verbürgte Überlieferungen und Dokumente. Kein Wunder also, dass es nach seinem frühen Tod zur Legendenbildung kam, was vor allem an Ken Follets Roman und an Spielfilmen über diesen Maler des extrem überlängten Idealvolumens, vor allem der Frauen mit den leicht schrägstehenden, immer lanzenförmigen Augen, liegt.

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Neues Schaffensbild

Drei Regisseure versuchten, sich dem vom frühen Vorkubismus Picassos, Matisses, Toulouse-Lautrecs, ebenso von den Fauves (Wilde), aber auch von den idealisierenden Präraffaeliten Beeinflussten zu nähern. 1958 filmte Jacques Beckers „Les Amants de Montparnasse“. Gérard Philipe verkörperte den Montparnasse-Maler, mythologisierte dessen Drogensucht und Armut. 1990 gab Gerhard Berry den „Modi“ und erzählt wird die Kriegszeit ab 1914 bis zum Tod des Malers.

Und 2004 spielte Andy García unter Regie von Mick Davis in „Modigliani“ den dauernd abstürzenden Liebeskranken und zugleich den  Konkurrenten Picassos.  Neben ungezählten Skulpturen hinterließ Modigliani über 400 Gemälde. Sie finden sich heute in Privatsammlungen und großen Museen in Europa und Amerika. Gerade bereitet die Albertina Wien für Mitte September eine Retrospektive des Gesamtwerkes vor. Mit dem Abstand von 100 Jahren und nach dem Studium neuerer Forschungen könnte ein weniger legendenbeladenes und vom Klischee befreites Lebens-und Schaffensbild entstehen.  

Kostbarer Beitrag zur westeuropäischen Moderne

Modigliani hätte es verdient. Seine „gefühlte“ Proportion und die zeichnerische, fast plastische Gestaltung des Volumens aus der kontrastierenden Farbe heraus, dieses wie atmende Fleisch unter der Pfirsichhaut, sind ein kostbarer Beitrag zur frühen westeuropäischen Moderne. Ihm gelangen klar geordnete konkave und konvexe Flächen, kühne Proportionen und durch den Einsatz der Linie immer mehr die Trennung der stilisierten, fast archaisch anmutenden Figuren vom Hintergrund.  

Dem Museum of Modern Art New York gehört  ein Hauptwerk – das fast kubistische „Brautpaar“ 1915. Deutlich werden da die geometrische Aufteilung des Bildes und die Abschattung der Flächen. Äußerlich wie innerlich wurden die Dargestellten scharf erfasst. Gerade dieses Werk wird von Modigliani-Verehrern natürlich für die Wiener Schau erwartet. Ebenso jene Porträts – nackt oder angezogen – seiner madonnenhaften Muse Jeanne Hébuterne.