Aus Jorinde Voigts Serie „Immersive Integral“, 2019
Foto: König-Galerie/VG Bildkunst 2019

Berlin - Auf dem braunen Wandputz im oberen Teil der einstigen katholischen  Hallenkirche von St. Agnes in Kreuzberg, inzwischen eine von Berlins gefragtesten Galerien der Gegenwartskunst, stehe ich vor einer Art Versuchsanordnung über Alltag und Universum.

Es sind Jorinde Voigts mit India ink (Zeichentusche), Blattgold, Pastell, Ölfarbe und Graphit vorgenommene Vermessungen des Raumes. „The real Extent“ (Das ganze Ausmaß, wie der Brite sagt) nennt sie ihre Bildversammlung, ergänzt mit kleineren ungegenständlichen, aber keineswegs abstrakten Motiven und acht auf dem Beton-Boden liegenden goldenen Spindeln sowie sieben   güldenen, von der Decke hängenden filigranen, sich sachte bewegenden Mobiles.

 Kunst zum „Eintauchen“

Die Arbeiten sind alle recht neu, zugleich wird deutlich, wie intensiv die Künstlerin, die gleich nach ihrem UdK-Studium mit außergewöhnlichen, riesigen Zeichnungen von philosophischen, topographischen wie wissenschaftsgerichteten Ausmaßen für Furore sorgte, ihre Erkundungen zum Prozess der menschlichen Wahrnehmung fortsetzt. Und ja, diese schönheitsversessene Kunst erreicht unser Denken und Fühlen. Jeweils acht große Tafeln hängen vis-à-vis, ihr Titel: „Immersive Integral“.

Allein schon die Formate übersteigen die Körpergröße der jungen Frau. Doch der Kraftakt, den sie zu vollbringen hatte, tritt in den Hintergrund. Hier erzielt die Choreografie ihrer Hände Universelles. Sie schafft „Immersion“ (Eintauchen). Der Begriff beschreibt den durch eine Umgebung der virtuellen Realität hervorgerufenen Effekt, der das Bewusstsein des Nutzers, illusorischen Stimuli ausgesetzt zu sein, so weit in den Hintergrund treten lässt, dass die virtuelle Umgebung als real empfunden wird.

Jeppe Heins „Solar Plexus Chakra“, 2015 
Foto: König-Galerie

Wie ein großes blaues Universum

Zu sehen ist ein seriell fortlaufendes, eigenwilliges System von Formen. Ein Lexikon fast, bestehend aus einem großen blauen Universum, darin rasch geschwungenen Linien, Tuschespuren, die von fern wie eine Inselkette im Meer aussehen, und ringsum, fast strahlenförmig, breite glatte oder auch gezackte Goldstraßen, Schwaden von Gold. Formenfetzen wie aus dem Hard-Edge-Vokabular. Oder aber aus dem für uns Menschen unfassbaren Kosmos der Sonnensysteme. Solcher Konzeptualismus bezieht sich auf Zeichensysteme von Spuren und Gesten, sanft verweisend auf eine Weltordnung, die hinter allem steht. Oder sind es Brücken? Ins Meer, ins All?

Ein Bildrätsel wie ein Donut

Immer wieder fällt bei allen 16 seriellen Tafeln   die Form des Torus auf, ein mathematisches Objekt, das einem Donut ähnelt. Es gibt keine Grenze zwischen Innen und Außen. Jorinde Voigt meint, dass wir Menschen immer im Kontext und Kontakt mit der uns umgebenden Welt sind. Das also alles mit allem zusammenhängt. Und ständig ist da diese Suche der Malerin nach Balance.

Hinein und darüber gezeichnet über diese universelle Metapher hat sie mit Pastell, Ölkreiden und Graphit. Wellige Kreise und aufsteigende, zittrige Linien sind auszumachen. Das packt einen fast körperlich an, wie etwas Unendliches. Aber nur Symbolik ist das nicht. Hier reagiert ein künstlerisches Medium auf die Erschütterungen der Wirklichkeit. Hinter, unter, neben den nachtblauen Formungen gibt es mit feierlichem Blattgold belegte Flächen. Voigts Bilder durchzieht ein wie durch eine Strömung, einen Luftsog erzeugtes Geschehen, schwankend zwischen poetischer Stille und elementarem Rhythmus, zwischen Impuls und Akribie, Chaos und Ordnung.

Unübersehbare Wahlverwandtschaft

Und an dieser Stelle findet sich die Verbindung zu Jeppe Hein, dem dänischen Bildhauer, dessen Objekte aus Glas und Stahl in der unteren Halle ausgebreitet sind. Es ist eine Wahlverwandtschaft zu spüren, die Obsession fürs Material sowieso, fürs das goldene Schimmern der Illusion.

Heins „Solar Plexus Chakra“ aus poliertem Stahl, Alu und Acryl-Glas versetzt einen augenblicklich in einen meditativen Zustand. Er nennt sein Aufgebot an stählernen wie gläsernen Kugel-Objekten und prismatischen Spiegeln „Nothing is as it Appears“. Das ist der Titel eines Yoga-Buches. Mit   feinem Humor lädt der Bildhauer uns ein, die subtile Verbindung zwischen dem in unseren Breiten immer obsessiver gefragten Yoga und seinen Objekten zu entdecken. Seine Gebilde stellen nämlich all jene Körperpositionen dar, die in der Praxis nur echten Yogis leichtfallen.

Kunstwerk der Woche

Jorinde Voigt, geboren 1977 in Frankfurt am Main, absolvierte die Meisterklasse von Katharina Sieverding an der UdK Berlin, zählte gleich danach zu den Aufsteigern im Kunstbetrieb. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Jeppe Hein, 1974 geboren in Kopenhagen, lebt in Berlin und arbeitet bildhauerisch als Vertreter des White Cube und der kinetischen Kunst.

König-Galerie, St. Agnes, Alexandrinenstr. 118-121, bis 5. April, Di–Sa 10–18 Uhr. Tel.: 2610 3080

www.koeniggalerie.com