Wer wissen will, wie dominant auch heute noch in vielen Museen eine auf männliche Künstler ausgerichtete Perspektive ist, der sehe sich den Neubau des Wallraff-Richartz-Museums in Köln an. Eine Institution, die seit ihrer Gründung vor 194 Jahren nur von Männern geleitet wurde. An den drei Hauptfassaden sind Inschriften mit den Namen bedeutender Künstler angebracht. Es ist keine Frau darunter.

Andererseits: Zugang zu den Kunstakademien wurde Frauen in Preußen auch erst 1919 gewährt – sie seien, hieß es davor, durch das Zeichnen nackter männlicher Modelle moralisch gefährdet. Es sind solche oft widersprüchlichen Perspektiven, die über alle aktuellen Missbrauchsvorwürfe hinaus die schon länger anhaltende Debatte um Frauen und Männer, ihre Rollenzuschreibungen, ihre Macht und Machtausübung in Museen, aber auch Bibliotheken, Theater-, Opern- und Konzerthäusern befeuern.

Ins Depot verbannt

Die Art Gallery von Manchester, eines der bedeutendsten Museen Großbritanniens, hat das 1897 von John William Waterhouse gemalte „Hylas und die Nymphen“ ins Depot verbannt, ein Hauptwerk der viktorianischen Kunst. Seine Stelle, teilte das Museum mit, bliebe nun leer; das Publikum solle hier mit Klebezetteln kommentieren, wie in solchen Werken Frauen angeblich nur als „passives“ dekoratives Element oder als männerverschlingende „Femme fatale“ gezeigt würden. Parole der Kuratorin Clare Gannaway: „Lasst uns dieser viktorianischen Fantasie entgegentreten!“

Nun gibt es genug Gründe, die Rolle, die Frauen in Museen zugebilligt wird, zu hinterfragen. Kein deutsches Museum hat es etwa bisher in seiner Dauerausstellung gewagt, wie vor einigen Jahren das Pariser Centre Pompidou, die Kunstgeschichte wenigstens der Moderne einmal ganz aus weiblicher Sicht zu betrachten. Zwar kamen die Kuratorinnen auch nicht um Picasso oder Matisse herum. Aber es kamen eben auch Namen und Ideen ins Spiel, die vollkommen unbekannt waren.

Die Anstößigkeit der Kunst

Das Panorama der Moderne wurde reicher, üppiger. Wie auch durch die Ausstellungen des Brooklyn Museums oder Projekte wie „Black Atlantic“ 2004 im Haus der Kulturen der Welt der Blick auf die schwarze Welt seitlich des großen Ozeans geöffnet wurde, Führungen in der Londoner National Gallery die Bedeutung der Sklaverei für die Begründung dieser großartigen Sammlung zeigten.

In Berlins Museen hingegen wird nicht einmal angedeutet, dass die schwarze Frau im Hintergrund dieses oder jenes Adelsgemäldes eine Sklavin war. Doch sollte man deswegen dieses Bild weghängen? Oder Caravaggios „Siegreichen Amor“, weil darauf ein Junge in eindeutig sexuell aufreizender Pose gezeigt wird? Keineswegs. So wie auch als anstößig erscheinende Bücher nicht verändert werden dürfen, nur um aktuellen Bedürfnissen zu genügen. Die gesamte Weltliteratur ist schließlich eine einzige Attacke auf vernunftgeleitete Ess- und Bewegungsregeln, eine Gewaltorgie, ein erotisches Gewusel.

Männerblick

Der Direktor des Frankfurter Städel-Museums, Philipp Demand, hat darauf hingewiesen, dass die Kunstgeschichte der Welt und die Museen ohne solche Themen leer gefegt würden. Genau deswegen war übrigens der lüsterne Blick der Männer auf die Frauen auch bisher schon ein Thema in dem Saal in Manchester, von der Auswahl der Werke bis hin zu deren Beschriftung.

Das Weghängen des Werks von Woodhouse war nicht notwendig, um das Publikum auf eine Fehlstelle in der Botschaft des Museums aufmerksam zu machen. Stattdessen soll hier das Publikum auf den einen Blick auf Kunst und Geschichte eingeschworen werden, auf das schwarz und weiß, Frau und Mann, schwach oder mächtig, gut oder böse, Güte oder Missbrauch, moralisch akzeptabel oder inakzeptabel.

Reduzierte Diskussion

Diesem antihistorischen Rigorismus geht es nicht um Erkenntnis, etwa in die Wandelbarkeit der Werte, Interessen und Perspektiven. Es geht nur um die Behauptung, dass einzig die heutige Sicht auf die Welt die angemessene sei.

Aber wie kam es denn dazu, dass Woodhouse eine antike homoerotische Geschichte in seinem Werk heterosexuell umdeutet, dass der junge Mann den Frauen geradezu verfällt, die Machtfrage also mindestens ungeklärt ist, dass seine Schulter so aufreizend gemalt wurde wie die Brüste der Nixen? Und wieso werden weiße Frauen gezeigt, wo doch die Antike im „brauen“ Mittelmeergebiet spielte? Nichts davon soll mehr debattiert werden, nur noch die Frage Mann – Frau.

Sichtbare Sitten

Anhand der Kunst, der Musik, der Literatur, des Theaters, der Rituale, die den Alltag gliedern, befragen Menschen sich nach dem Sinn ihres jetzigen Lebens. Kulturelle Äußerungen müssen dafür aber sichtbar bleiben, und seien sie aus heutiger Sicht noch so unverständlich – Pädophilie war für die griechische Antike gesellschaftserhaltend, die Frage, ob man katholisch oder muslimisch ist, war lange viel wichtiger als die, ob man mit Männern oder Frauen ins Bett geht.

Dies Schillern, dies Uneindeutige zu zeigen, ist die Aufgabe von Kulturinstitutionen, nicht das Zeigen einer „Wahrheit“. Genau deswegen haben totalitäre Herrscher immer wieder versucht, Sammlungen und Literaturen zu bereinigen, in ihrem Sinn zu säubern. Und genau deswegen ist das Manipulieren von historisch gewordenen Werken oder gar ihr Nicht-Zeigen derart antiaufklärerisch, dass es einem den Atem nimmt.