Auf keinen Fall will er Mäzen genannt werden. Viel zu prätentiös. Was er mache, sagt Bernd Schultz, sollte eher mit Ermöglicher beschrieben werden. Als solcher ist er seit Monaten im Gespräch. Tue Gutes und rede darüber. Das ist Zeitgeist. Nur wird der Apostel Paulus auch gegenteilig zitiert, mit den Worten: „… und sprich nicht darüber.“

Der Nestor des Berliner Auktionshauses Grisebach, der auch lange nach seiner Pensionierung rastlos im Berliner Kulturleben mitmischt, lässt seine Kunstsammlung versteigern.

Schultz’ private Kollektionen Klassischer Moderne, der Nachkriegsmoderne, aber auch altmeisterlicher Kunst sind angesehen und waren in der Vergangenheit oft begehrte Ausstellungsobjekte. Und doch wird er das alles in seinem Stammhaus in der Fasanenstraße auf den Markt werfen und damit der Zerstreuung in alle Welt dreingeben. Mit aller Konsequenz und ohne Sentiment. Auch wenn sein Wohnhaus dann viele leere Wände aufweist. So überschreibt er die spektakuläre Auktion pathetisch mit den Worten: „Abschied und Neuanfang“.

Die ganze Welt bietet mit

Seit dem Wochenende und noch bis zum 24. Oktober sind die Arbeiten in der Villa Grisebach zu sehen und tags darauf zu ersteigern. Die Privatauktion wurde in 39 Ländern angekündigt, für Mitbieter aus der ganzen Welt. Der Akt dieser überraschenden Trennung von dem Kunstschatz aus 60 Jahren Sammlerpassion hat in der Tat einen hochherzigen Grund, denn Schultz ist nicht etwa pleite. Nein, er stiftet, was bei der Auktion herauskommt – mindestens fünf Millionen Euro sollen erzielt werden – als Grundstock für ein privates Berliner Exilmuseum, eines, in dem die Geschichte des Jahrhunderts des Exils erzählt werden soll und wo die Objekte „... den Inhalt des Wortes Exil begreifbar machen“, wie es die Schirmherrin des Projektes, Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, beschreibt.

Der frühere Berliner Kultursenator Christoph Stölz, einer der Mitgründer des Museums, legt noch Pathos drauf: Es solle „ein Museum der Seelengeschichten(n)“ entstehen.

Schultz sieht das Projekt als Lebensaufgabe, als einen Beitrag zur Zivilgesellschaft für kommende Generationen. Etwas, das bleibt, das aufklärt, mahnt, das in die Zukunft weist, damit nie wieder geschehen kann, was in der Zeit des Nationalsozialismus nach 1933 passierte. Der Sammlungsstifter spricht, gerade angesichts der aktuellen Fluchtströme durch Krieg, Gewalt und Katastrophen, von einem Ort des Nachdenkens, der Empathie. Von einem Zeichen gegen Totalitarismus und Inhumanität.

Noch keine Baugenehmigung

Doch für den Inhalt und das Funktionieren eines solchen Museums benötigen die Initiatoren ein eigenes Gebäude. Mit Kosten von 30, gar 40 Millionen Euro wird gerechnet. Spendengelder sind nötig. Schultz ist überzeugt, dass viele andere Begüterte genauso denken wie er: Er brauche keine Segeljacht. Und der linke Fuß eines Starfußballers koste versicherungstechnisch mehr als das, was so ein Museum an finanziellem Aufwand verlange. Das Projekt soll auf einem schmalen Stück des Areals an der Denkmalsruine des Anhalter Bahnhofs, nahe der Gedenkstätte Topgraphie des Terrors, Realität werden. Wenn sich das Museum etabliert hat, soll es einmal der Stadt Berlin geschenkt werden, die dann den Betrieb des Hauses übernimmt.

Noch wurde keine Baugenehmigung vom Stadtbezirk erteilt. Alles ist noch ein behördlicher Akt und wohl auch ein langer Weg. Schultz sagt, sein Initiatorenteam sei hochmotiviert, aus dem Senat gäbe es zustimmende Signale. Nun müsse alles seinen parlamentarischen Gang gehen.

Mit seiner attraktiven Lage und der geplanten Größe ist das Projekt am Anhalter Bahnhof für Bernd Schultz sozusagen die Taube auf dem Dach. Klappt das nicht, bliebe ihm als Spatz in der Hand seine Villa Fasanenstraße 24 als Quartier für das Exilmuseum. Das Kollwitz-Museum räumt dort demnächst sein Domizil und zieht in ein vom Senat zur Verfügung gestelltes Haus nahe dem Schloss Charlottenburg. Dürfte am Anhalter Bahnhof allerdings das Exilmuseum gebaut werden, wäre die Kündigung des Kollwitz-Teams völlig unnötig gewesen.