Wer gilt als Mensch und wer hat politische Rechte? Das fragen Pauline Boudry und Renate Lorenz in ihrer Flughafen Tempelhof-Arbeit „The Right to Have Rights“.
Foto:  NBK/Jens Ziehe

BerlinZur Eröffnung sah man die Kunst vor lauter Leuten nicht. Die Kunstgemeinde kam mit und ohne Mundschutz und debattierte laut und dicht. In der Ausstellungshalle des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.) obsiegten Neugier und Redelust über die Corona-Angst. Als lieferte die Kunst auch dafür eine Strategie.

Elf in Berlin lebende und arbeitende Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt hatten für das Jahr 2019 nach Juryauswahl eines der begehrten Senats-Stipendien erhalten; jeweils 18.000 Euro sind das inzwischen und damit mehr, als so mancher Kunstschaffende im Jahr verdient. Jetzt ist ihre Arbeitsbilanz der finanziell sorglosen Monate 2019 zu sehen: Malerei, Fotografie, Installationen und Videoarbeiten.

Der gemeinsame Nenner

So unterschiedlich die Werke auch sind, brauchte es für die Schau einen gemeinsamen Nenner. Die Sinnstiftung der Kunst im Jetzt. Und der Titel fand sich bei Musik und Lyrik, den borgten sich die beiden Kuratoren, Arkadij Koscheew und Michaela Richter, vom Album der britischen Sängerin und Lyrikerin Kate Tempest: „These Are the Only Times You Have Known“.

Da reist im ersten Song die Protagonistin aus dem zeitlosen Dunkel des Alls zum Planeten Erde. Und stürzt direkt hinein in die heutige Zeit: In eine zutiefst gespaltene Welt: Schamloser Wohlstand auf der einen, Armut, Krisen, Kriege auf der anderen Seite, Klimawandel, Flucht und Vertreibung und als Reaktion Besitzstandswahrung und Abschottung. Die elf Stipendiaten versuchen, die globale Situation nicht bloß zu zu illustrieren und zu benennen. Es wird auch nicht moralisiert. Viele der Arbeiten verhehlen nicht, dass ihre Bestandsaufnahme von der derzeitigen Welt durchaus in künstlerische Sinnkrisen stürzen, mit der Folge von Ratlosigkeit, aber auch – produktiver – Wut.

Wer ist das Volk?

Lerato Shadi aus Südafrika verweist in ihrer rot leuchtenden Licht-Installation und der Frage „Are We the people“? darauf hin, dass gerade auf dem Schwarzen Kontinent nach wie vor Unterdrückung, Ausgrenzung, Rassismus, Machtmissbrauch und Auslöschung durch Bürgerkriege an der Tagesordnung sind. Sie nennt ihre Arbeit „Batho ba me“, das ist Setswana – ihre Muttersprache. Und es ist die Formel der Verfassungen vieler Staaten, auch in Afrika. Sie fragt danach, wie sich die Auffassung eines Volkes, des „Wir“ in vielen Politiker-Reden wiederfindet, aber meist als hohle Phrase. Was also gibt es für Möglichkeiten des eigenen Handelns, fragt Shadi so minimalistisch.

Calla Henkel und Max Pitegoff, Wahlberliner aus den USA, fassen die Situation von Theaterleuten in Schwarz-Weiß-Fotos. Ihre „Study for Paradise“ etwa erzählt sarkastisch-launig wie Schauspieler und Performer nebenbei in der Gastronomie jobben, dann Bar und Restaurant guerillahaft übernehmen und umgestalten, ganz mit der Logik und den hierarchischen Strukturen eines Theaters. Dies ist der Kommentar des Duos zur Gentrifizierung der Nachtclubs zwischen Mitte und Kreuzberg, zur Grundstücks-Preistreiberei der Investoren.

Die südafrikanische Künstlerin Shadi braucht nicht viele Worte.
Foto: NBK/Jens Ziehe

Das Freizeitverhalten der Amerikaner im Großraum Los Angeles animierte die Berlinerin Sabine Reinfeld zur Videoarbeit „Cars Land“. Das ist eine künstliche Landschaft im Disney California Adventure Park, dessen Felsformationen nach den markanten Formen derer im Death Valley Nationalpark nachgebildet sind. Die einstige Meisterschülerin von Katharina Sieverding an der UdK drehte mit ihrer Kamera nachgerade einen Krimi. Sie filmte vor und in einer leerstehenden Villa oberhalb des Sunset-Boulevards, fand ein mit löchriger Plane abgedecktes Auto, einen alten Volvo mit zerschossener Frontscheibe, entdeckte im Auto Dokumente der einstigen Besitzer – und machte sich auf die Suche.

Die Künstlerin als Detektivin

Aus der Künstlerin wurde eine Detektivin. Sie fand einen Nachfahren derer, die die gespenstische Szene hinterlassen haben – den Sohn der verstorbenen einstigen Bewohner der Villa und Besitzer des Autos: eine polnische Familie mit libanesischen Wurzeln. Deren Angehörige waren teils dem armenischen Genozid der Türken zum Opfer gefallen. Andere wurden Ölmagnaten, noch andere kämpften gegen die Nazis, kamen um im KZ Theresienstadt. Ein kleiner Teil der Familie floh in die USA, lebte im Wohnviertel Bel Air West Hollywood. Diese diverse Geschichte erzählt Reinfelds Videofilm. Und das aktuelle und brisante Gender-Thema, die Diversität spricht Doireann O’Malley aus Irland an. In der Virtual-Reality-Installation geht es um Queer-Theorien, um Emanzipation, um Psychoanalyse und Traumdeutung.

Die Notunterkünfte von Tempelhof

Ein Stockwerk über der Ausstellungshalle befindet sich das n.b.k- Video-Forum. Da läuft ein Film von Pauline Boudry und Renate Lorenz, beide waren keine Stipendiaten des Senats. Und doch passt ihre Installation aus Ketten und Video wirkmächtig dazu: Auf dem Flughafen Tempelhof steht auf der einstigen Landebahn eine Frau in Grün. Sie zitiert die Genfer Flüchtlings-Konvention von 1951. Ihre Worte gehen unter in Musik. Von den weißen Not-Unterkünften auf dem Areal ist nichts zu sehen, sie wurden ja zum Teil längst abgebaut. Nun, mit Blick auf das unsägliche Geschehen an der türkisch-griechischen Grenze, sieht es so aus, als würden die Behausungen abermals   bitter benötigt. Zum Auffangen beim Sturz ins Jetzt.

n.b. k., Chausseestr. 128/129. Bis 3. Mai, Di–So 12–18/Do bis 20 Uhr. Eintritt frei. Begleitprogramm /Podien/Lesungen: www.nbk-org