Merkwürdig entwurzelt stehen zwei Kiefernbäume auf dem offenen Vorplatz zwischen deutschem, britischem und dem französischen Pavillon in den Giardini. Als hätte man vergessen, sie rechtzeitig zur Biennale-Eröffnung einzupflanzen. Doch auf einmal schweben die lehmschweren Wurzelballen samt Nadelbaum wie in Zeitlupe über den Kies hinweg, Richtung Frankreich-Pavillon. Ein Hexenwerk im Dreiländereck?

Etwas verwirrt steht das Publikum, im Rücken den Pavillon der Briten, wo knallgelb und frivol eine Skulptur von Sarah Lucas auf dem Treppenabsatz phallisch aufragt und in seinen ebenso gelben Innenraum locken will. Der Blick aber muss sich losreißen und nach oben, zum Dach des deutschen Pavillons wandern: Dort steht ein Mann an der Kante, wirft einen Bumerang in die Luft, und: verschwindet. Ein Testwurf war das. Auf dem Dach hat der Berliner Olaf Nicolai eine Werkstatt für den Bau von Bumerangs eingerichtet.

Dort oben wird also eine Schattenökonomie betrieben, und der deutsche Pavillon für die 56. Ausgabe der Großschau erstmals vertikal vom Dach bis in seine Tiefen bespielt. Die nationale, auch NS-lastige Geschichte des Pavillons scheint abgearbeitet, die Künstler – noch mit dabei die Medienartistin Hito Steyerl, der Fotograf Tobias Zielony sowie Jasmina Metwaly und Philip Rizk aus Kairo – setzen sich mit globaleren Themen auseinander. Unter dem Begriff „Fabrik“ hat Pavillon-Kurator Florian Ebner Arbeit, Revolte und Migration erfasst. Sichtbar werden sollen die Verwerfungen.

Die sind gar sperrig geraten. Schon der Einstieg ist harte Arbeit. Er führt über eine enge, steile Seitentreppe auf die neu eingebaute, obere Etage. Auf kartonhellen Wänden zeigt Zielony „The Citizen“, Flüchtlinge auf Großfotos, die es bis nach Deutschland geschafft haben. Ihre Geschichte ist in einer Zeitung aufgeschrieben, die stapelweise ausliegt. Man kann sie mitnehmen und hinaustragen in die Welt – welch eine Hommage an das gedruckte Medium, jenseits aller bunt bewegten online-Bilder.

Steil geht es dann nach unten in den dunklen Bauch des Pavillons. Dort taucht man in die gerasterte Videowelt von Hito Steyerls „Motion Capture Studio“ ein. Mit dem Licht als Informationträger spielt sie in ihrer „Factory of the Sun“ auf Kommunikationssysteme an. Das Licht wird totalitär, es durchleuchtet alles. Steyerl paraphrasiert Vernetzung und Verflechtungen.

Ein Thema, das viele Künstler umtreibt, indes nicht nur in virtuellen Welten, wie im japanischen Pavillon an der spektakulär schönen Installation der Japanerin Chiharu Shiota deutlich wird. Aus roten Fäden hat sie einen höhlenartigen Kokon um eine verwitterte venezianischen Barke gesponnen. An losen Enden baumeln 180.000 Schlüssel aus der ganzen Welt, die sie über Monate und über ihr Freunde-Netzwerk gesammelt hat. Nun hängen sie alle buchstäblich zusammen und bilden eine metaphorische Skulptur über das Aufschließen, Öffnen – und Verschließen – Rückzug ins Private.

Es wird viel mit Klängen gearbeitet auf dieser Biennale, so auch in der „Arena“, dem eigens eingerichteten Theaterraum im Herzen des zentralen Pavillons. Dort und in den Arsenale hat Okwui Enwezor, Chef des Münchner Hauses der Kunst, zuvor Leiter der Dokumenta 11, „All the World's Futures“arrangiert.

Mit 136 Künstlern aus 53 Ländern richtet er einen universellen Blick auf die Welt und deren Zukunft. Eine, in der das Wiederherstellen des in der Vergangenheit Zerstörten unmöglich scheint. Zu gewaltig ist der Fortschritt. Für ihn ist die Kunst ein Filter, durch den man weit hinter die nüchterne Erscheinung der Dinge schauen und auf die „Rückstände der Geschichte“ zurückblicken kann. Schon die Gründung der Biennale vor 120 Jahren fällt in eine Zeit, die geprägt war von Gewalt, Chaos, Krisen, Migration, humanitären Katastrophen.

Der Macht der Bilder stellt Enwezor jene des Wortes – geschrieben, gesprochen, gesungen – entgegen. Auf der Bühne findet die tägliche Lesung aus dem „Kapital“ als Oratorium statt, 182 Tage lang. Ein Counter-Tenor singt: „Kein Zuhause … Kirche, Luft … Kristalle“ aus Karl Marx’s Werk. Und Olaf Nicolai hat Luigi Nonos „Non consumiamo Marx“ mit einer Textcollage aus dem Kapital versehen – Biennale-Uraufführung.

Auffallend viele Künstler machen sich Umwelt und Natur zum Anliegen – die Welt, in der wir leben, denn wir haben nur die eine. Hoffnungsfroh nimmt sich da noch das farbexpressive Großgemälde „Die Erschaffung der Welt“ der australischen Aborigine Emily Kame Kngwarreye aus, die mit 78 Jahren anfing zu malen.

Fast ein apokalyptisches Schlüsselwerk ist die Videoinstallation des aus Ghana stammenden John Akomfrah: „Vertigo Sea“. Darin baut sich die Schönheit der Erde, der Tiere und Unterwasserwelt auf, deren Zerstörung mit Eroberungszügen und Kolonialisierung einhergeht. Der Mensch macht sich die Erde untertan, beutet sie aus, verbrennt, bis die Pole schmelzen.

Wie folglich etwa das Inselvolk der Tuvalu vom Anstieg der Meeresspiegel in ihrer Existenz bedroht ist, zeigt deren Pavillon im Arsenale. Dort schwappt eine türkisfarbene Wasserfläche über, sobald man zu fest auf den Steg tritt. Die Inseln werden wohl bald verschluckt. Ein Hilferuf also – auch dafür ist die Biennale Resonanzraum. Wie Künstler mit der Zertrümmerung des Daseins zurechtkommen, weil seit Jahren Krieg herrscht, zeigt der irakische Pavillon in der Stadt, Titel „Invisible Beauty“.

So sieht der junge Maler Jabbar Haider nach den IS-Terrormassakern seine Generation als endgültig verloren an. Seine kleinen Zeichnungen von abgeschnittenen Köpfen verstören. Er selbst lebt als Flüchtling in der Türkei, eine Reise nach Venedig haben ihm die Behörden verweigert.

Am Ende dieses alle Sinne fordernden Erkenntnismarathons und zurück in den Giardini sinke ich auf die weichen Stufensofas im französischen Pavillon, fast hypnotisiert von einer wandernden Kiefer im Kuppelraum. Céleste Boursier-Mougenot hat die Baum-Metapher erfunden. Man hört einen rhythmisch scharrenden Klang. Er kommt aus dem Baum selbst, als wäre es sein Herzschlag.