Helga Rabl-Stadler, Festspielpräsidentin
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Berlin„Ich sehe uns als Hoffnungsträger, nicht als Risikoträger“, sagt Helga Rabl-Stadler. Die Präsidentin der Salzburger Festspiele weiß, dass die Kulturwelt von diesem Samstag an nach Salzburg schaut – mehr denn je. Und dass es ein Wagnis ist, die Festspiele stattfinden zu lassen, unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen zwar und in abgespeckter Form – aber vor einem vergleichsweise großen Publikum. Geht alles gut, wäre der Bann gebrochen – und auch anderswo könnten die Säle bald wieder Zuschauer empfangen.     

Frau Präsidentin, wie ist Ihre Gefühlslage so unmittelbar vor den Festspielen, die in diesem Jahr  ihren 100. Geburtstag feiern, aber aufgrund der Pandemie nicht so sein können, wie man es sich vorgestellt hat?

Ich komme gerade aus der Generalprobe von „Così fan tutte“, und nach zwei Generalproben, die Hoffnung auf ganz besondere Opernabende geben, bin ich natürlich freudig erwartungsvoll. Aber die Angst schwingt immer mit. Wir versuchen, alles zu unternehmen, damit uns das Virus nicht dazwischenfunkt bei den Festspielen, wir tragen Masken, wir halten Abstand, wir tun alles, um das Risiko zu minimieren, und ich hoffe, dass sich auch die Menschen dessen bewusst sind, was hier auf dem Spiel steht, und entsprechend eigenverantwortlich handeln.

Bayreuth, Bregenz, all die anderen großen Sommerfestivals wurden abgeblasen. Kam das für Salzburg nie infrage?

Eine Absage der Festspiele stand nicht zur Debatte. Sehen Sie, wir sind ja von einem Extrem ins andere gekommen. Die Jubiläumsfestspiele waren vorbereitet, und der Intendant Markus Hinterhäuser und ich sind drei Monate auf drei Kontinenten unterwegs gewesen, um das Jubiläumsprogramm vorzustellen. Wir sind dabei auf großes Interesse, auf große Zuneigung gestoßen, was sich dann auch im Kartenverkauf niederschlug. Im Februar hatten wir bereits 180.000 Karten im Wert von 24,5 Millionen Euro verkauft. Und dann kam Corona. Salzburg wurde zur Geisterstadt, die Osterfestspiele mussten abgesagt werden, die Pfingstfestspiele mussten abgesagt werden. Aber dass die Sommerfestspiele ausfallen würden, war nie eine Option.

Auch im härtesten Lockdown haben Sie nie mal drüber nachgedacht?

Selbstverständlich haben wir über Alternativen nachgedacht, was also im schlimmsten Fall ginge, wenn wir wegen der Pandemie ganz klein sein müssten: Dann wollten wir den „Jedermann“ an seinem Geburtstag, dem 22. August, auf dem Domplatz aufführen, also im Freien, bei Einhaltung der Abstandsregeln ist das ungefährlich. Und zudem wollten wir ein Konzert mit den Wiener Philharmonikern, nämlich die Neunte von Beethoven, die ohnehin mit Riccardo Muti geplant war, als Open Air bringen. Denn für mich steht fest: Ohne die Wiener Philharmoniker gäbe es zwar Festspiele in Salzburg, aber es wären nicht die Salzburger Festspiele.

Aber natürlich haben Sie auf mehr gehofft.

Natürlich. Uns war klar, dass wir irgendwann entscheiden müssen, was wir machen, um nicht unnötig Geld zu verlieren und trotzdem rechtzeitig mit den Proben beginnen zu können. Deshalb beschlossen wir, bis zum 30. Mai zu warten. Tatsächlich wurde die Pandemie schwächer und am 25. Mai kam die Botschaft aus dem österreichischen Gesundheitsministerium, dass ab August wieder Veranstaltungen mit bis zu 1000 Menschen möglich seien, auch in den Häusern, wenn ein Schutzkonzept vorliegt. Also haben wir beschlossen, die Festspiele zu verkürzen und zu verkleinern – und zwar so, dass es künstlerisch sinnvoll ist und wirtschaftlich gerade noch vertretbar.

Weniger Spielorte, weniger Zuschauer also – inwieweit hat das Virus das Programm und die Stückauswahl der Festspiele beeinflusst?

Ein enormer Risikofaktor ist eine Pause. Weil da Leute unkontrolliert aufeinandertreffen können. Also wird es in diesem Sommer keine Pausen geben und keine Büffets. In der Oper etwa wird es „Elektra“ geben, den Einakter von Richard Strauss, und eine gekürzte Version von Mozarts „Così fan tutte“, die auch ohne Unterbrechung auskommt.

Können Sie – wenigstens in groben Zügen – erläutern, wie man tausend Zuschauer, ein Orchester und womöglich auch noch eine Handvoll Sängerinnen und Sänger in einen Saal bekommt, ohne dass akute Ansteckungsgefahr besteht?

Es gibt in jedem der acht Häuser einen Covid-19-Beauftragten. Das Publikum wird aufgefordert, auf ganz bestimmten Wegen zu seinem Platz zu gehen, und zwar so, dass sich die Wege der Menschen nicht kreuzen, und mit Maske. Am Platz darf man die Maske abnehmen – wir empfehlen aber in der Ansage vor der Vorstellung, die Maske auch am Platz zu tragen. Ich habe jetzt gerade bei „Così fan tutte“ zweieinhalb Stunden lang die Maske getragen, und es hat mich nicht behindert. Und bei den Künstlern ist es so: Sie sind alle getestet, die Wiener Philharmoniker etwa sind heute früh wieder getestet worden – Gott sei Dank alle negativ, sodass sie ohne Abstand zu wahren und ohne Maske im Orchestergraben sitzen. Für die Sänger gilt das Gleiche, sie werden ständig getestet, und sie verkehren nur untereinander.

Klagt keiner über diese Beschwernisse?

Das habe ich auch befürchtet, aber die Künstler sind so glücklich, dass sie spielen können, und sie finden es so wichtig – dass dieses Zeichen gesetzt wird in Salzburg für die Kraft der Kunst. Da tun alle mit. Es wird keine Premierenfeiern geben, weil das auch wieder ein Risikofall wäre, wenn Leute von außen kämen, die Familie, die Agenten. Christof Loy, der Regisseur von „Così fan tutte“, hat gesagt: Wir brauchen keine Feier, die schönste Feier ist, dass wir hier arbeiten können.

Der Salzburger Bürgermeister Harald Preuner sprach im Zusammenhang mit den Festspielen von einem Zeichen, „das die Stadt braucht, wie einen Bissen Brot“. Meinte er damit die emotionale Leere, in die man während des Shutdowns ohne das gemeinsame Kunst-Erleben gefallen war? Oder die wirtschaftliche Bedeutung der Festspiele?

Er meinte selbstverständlich auch die wirtschaftliche Bedeutung der Spiele. Wissen Sie, die Festspiele wurden von Max Reinhardt, Hugo von Hoffmannsthal und Richard Strauss mitten im Ersten Weltkrieg ersonnen, mit drei Zielen: erstens ein Friedensprojekt zu schaffen nach dem Krieg, dies zweitens auf höchstem künstlerischem Niveau – die kühne Formulierung lautete: „eine Weltkunstzentrale auf österreichischem Boden“. Und drittens: um Wohlstand in die darniederliegende Region zu bringen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Kunst darf ihre Rechtfertigung nie aus ihrer Rentabilität ziehen. Aber wenn sie sich wie in Salzburg trägt und als Leitbetrieb wirkt, dann darf man das auch sagen. Ich sage jetzt mal, es ist für eine Region kein Nachteil, wenn nicht rauchende Schlote, sondern ein Festspiel der Leitbetrieb ist.

Wie wichtig war überhaupt das Finanzielle bei der Entscheidung, die Festspiele stattfinden zu lassen?

Es wäre für uns organisatorisch und finanziell einfacher gewesen, die Festspiele abzusagen. Ich hätte mich aber ob dieses Kleinmuts vor unseren Gründervätern geschämt. Sie müssen sich vorstellen, wir waren guter Hoffnung, um 30 Millionen Euro einzunehmen und 240.000 Karten zu verkaufen, jetzt werden wir für 8 Millionen Euro 80.000 Karten verkaufen. Gerade bei den Opernkarten, und das sind die teuren Karten, fallen uns sehr viele Einnahmen weg, und so viel Kosten kann man gar nicht einsparen, wie bei den Einnahmen weggebrochen sind.

Niemand weiß, wie lange die Krise noch währt. Könnten die Festspiele ein weiteres Mal in dieser Form stattfinden?

Wir können es uns in dieser Form vielleicht noch einmal leisten. Aber meine Sorge gilt generell der Zukunft der Kulturbetriebe: Wie das geht, wenn wir alle mit ganz geringer Auslastung unser Programm stemmen müssen?

Es wird wohl nur über Preiserhöhungen gehen.

Preiserhöhung wäre das falsche Signal. Man kann nicht bei reduziertem Programm in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die Preise erhöhen.

Außerdem drohte die Kunst zum elitären Vergnügen zu werden, während der große Teil der Leute keinen direkten Kontakt mehr dazu hat.

Das wollen wir nicht! Die Salzburger Festspiele sind Sinngeber, sie sind Arbeitgeber, sie sind systemrelevant, um das kalte Wort einmal zu verwenden. Deswegen machen wir das jetzt – trotz aller Einbußen und trotz allem Risiko. Aber natürlich wollen wir uns eigentlich sehr bald auf „normale Festspiele“ einstimmen, wie wir sie vor Corona geplant hatten, mit fünf Opern, vier Schauspielen, mit 200 Vorstellungen und nicht mit 100.

Haben Sie auch deshalb dem Drängen des Kuratoriums nachgegeben, den Salzburger Festspielen ein weiteres Jahr als Präsidentin vorzustehen? Ihr Vertrag als Präsidentin wäre in diesem Jahr nach 25 Jahren ausgelaufen.

Ich hätte das Gefühl gehabt, die Festspiele in einer ganz schwierigen Situation zu verlassen. Und wir wollen ja das 100. Jubiläum ausdehnen auf 2021. Das heißt, es macht auch einen Sinn, wenn ich bleibe, um zusammen mit Markus Hinterhäuser das Jubiläum zu einem guten Ende zu führen.

Das Gespräch führte Christian Seidl.