Berlin - Laufen. Laufen. Alle laufen. Nun, etwas Kondition für die Strecken zwischen 47 Galerien mit Adressen quer durch ganz Berlin könnte man sich gut und gerne auf einem der beiden schwarzen Laufbänder verschaffen. Die hat Julius von Bismarck in die Galerie Alexander Levy (Rudi-Dutschke-Str. 26) hineingebaut. Als technische Erfindung, die sich in die Kunst einmischt. Der fein ironische Titel der Installation „Immer noch der Lauf der Dinge“ ist eine Parabel auf unser modernes Leben, dem das Laufband aber förmlich den Boden unter den Füßen wegzieht.

Bloß immer dabei sein, mithalten und nichts verpassen. Die Leistungs- und Event-Gesellschaft verlangt das. Und sei es auch nur Selbstbetrug – diese Selbstoptimierung, das Trimmen für die Fitness, die Selbstüberwindung des eigenen „inneren Schweinehundes“, der zur Bequemlichkeit neigt, das immerwährende Streben nach höher, schneller, weiter. Nach mehr und immer mehr. Und dazu die Hast, der das Laufband sogar noch einen nervtötenden Rhythmus gibt, denn dieses technische Monstrum bestimmt die Geschwindigkeit, nicht der Läufer. 

Und so synchronisiert der Einzelne sich zu den anderen Läufern – zur Masse, hin zum Gleichschritt. Aber wo bleibt die Außenwelt, wenn man auf diesem Band läuft wie der Hamster im Rad? Und dann schweben tote (präparierte) Tiere durch den Raum, per Video. Von Bismarck nennt sie „Engel mit Fell“.

Vollgestopft mit Kunst

Was für eine Parabel. Für das 14. Gallery Weekend aber sollte man sie vor allem humorvoll lesen. Julius von Bismarck nämlich meint mit seiner gleichnishaften Arbeit doch eher den Lauf der Dinge im globalen Sinne, keinesfalls kritisiert er damit unsere Lust auf Bildhaftes, auch wenn sie an diesen drei Tagen ziemliche Kondition verlangt und sich nur im Event ausleben kann.

Nach einem ersten eiligen Rundgang noch vor den eigentlichen Eröffnungen all der vielen Galerien am Freitagabend sind wir bereits vollgestopft mit Kunst. Und nachdem wir noch nicht einmal die Hälfte des Angebots in Augenschein nehmen konnten, sind der Eindruck und unsere Laune bestens. Nirgends befiel uns Langeweile, an keiner Stelle spürten wir Überdruss. Und nichts da an Dürftigkeit, die gerade von den Anhängern altmeisterlicher und klassisch moderner Kunst bei den Jungen des öfteren beklagt wird.

Respekt also, was an Qualität, auch an künstlerischen Botschaften mit Tiefgang, an Überraschendem geboten wird auf diesem Frühlings-Kunst-Parcours 2018, der sich als großes Kunst-Museum der Gegenwart – über die ganze Stadt verteilt – darbietet. Respekt auch vor der Courage der 47 Galeristen zum finanziellen Risiko – mit dem Korsett der erhöhten Mehrwertsteuer: Kunst, Produkt kreativer Arbeit, wird in Deutschland in gleicher Weise besteuert wie Autos, Zigaretten, Luxusreisen oder Teilprothesen. Soviel zur bürokratischen Hirnrissigkeit, mit der der Kunstbetrieb umgehen muss. Offenbar aber lebt er damit so stoisch wie der Rest der Welt mit der Klimakrise. 

Die Frage nach Leben und Tod

Eine – ausgesprochen parabelhafte – Überraschung bereitet Andreas Greiner mit „Hybrid Matter“ in der Galerie Dittrich & Schlechtriem (Linienstr. 23). Er führt hinein in eine Welt, die dem Laien ein Rätsel ist: Es geht um biotechnologische Geheimnisse, um „menschliche Fingerabdrücke“, um Bakterien, um Zellteilung, womit Biotechniker in kalifornischen Laboren in prometheuscher wie frankensteinscher Erschaffungsmission und gefährlicher Hybris experimentieren. Greiner baute in den Galerieraum ein sich verdunkelndes Labor der „Molekularen Ordnung“ – als originelles Hörspiel, bei dem einem allerdings das Lachen im Halse stecken bleibt. 

Da wird einem eine Fiktion vorgespielt, die wahr werden könnte und in der sich die Menschheit zu Einzellern im Ozean zurückentwickelt. Überlagert ist das Ganze mit einem Sound des Komponisten Tyler Friedman. Der sanfte, aber durchdringend elektronische Klang legt sich übers luminizierende Algen-Aquarium, auf Mikro-Makro-Fotos von sich teilenden gesunden und Tumorzellen. Man wohnt einer Zellteilung bei, die in Neusilber zur erschreckend-schönen Skulptur erstarrt. Und man hat sie dann dauernd selber auf den Lippen: die Frage nach Leben und Tod, nach richtig oder falsch – und der Zukunft der Menschheit.

Kurioser Monolog und "Bubble Machine"

Ganz in der Nachbarschaft, in der Galerie Neugerriemschneider (Linienstr. 155) geht es ebenfalls um Gleichnishaftes und Menschheitsfragen. Dafür dienen dem Mexikaner Mario Garcia Torres Mathematik und Philosophie. Unter den aus dem Hallendach herabhängenden Lichtskulpturen aus Neonröhren und Metall hält der Schauspieler Helmut Berger einen kuriosen Monolog – für eine mechanische Schildkröte namens Esmeralda. Er versucht sie – die künstlich erzeugte Natur – zu fangen. Vergebens. Laut Berechnung müsste er sie längst haben. Aber die Situation ist an Paradoxem nicht zu überbieten: Es irrt der Mensch, solang er strebt.

Das kommt möglicherweise auch dem einen oder anderen Besucher in der Galerie Esther Schipper (Potsdamer Str. 81 E) in den Sinn, angesichts der Rauminstallation „Fang mich, wenn du kannst“ der kanadischen Künstlergruppe AA Bronson+General Idea. Die hat die Halle in ein hybrides Tableau aus Bildern, Skulpturen, Spiegeln, Objekten – aus Realem und Geisterhaftem verwandelt. Der „General“ bleibt ein Phänomen. Eine silbrig glänzende „Bubble Machine“ bildet unverhohlen das Modell eines Aids-Virus ab. Wirkliches und Fiktives gehen ineinander über. Die Ordnung ist verstörend gestört.

Meta-Historiker mit politischer Botschaft 

In der Nachbargalerie Blainlin/Southern (Potsdamer Str 77–87) stehen Kindfrauen aus Havanna auf Treppen, Feuerleitern in morbiden kubanischen Industrieanlagen. Es sind vom Berliner Fotografen Frank Thiel porträtierte Teenager in überschwänglichen Prinzessinnen-Roben nach deren nichtreligiöser Initiationsfeier, mit der man 15-jährige Mädchen in Lateinamerika traditionell in den Kreis der Erwachsenen aufnimmt. Der Fotograf begleitete diese Quinceañeras und ihre Familien über Monate in der Situation des Umbruchs auf Kuba.

Als Meta-Historiker mit politischer Botschaft agiert der Peruaner Fernando Bryce in der Galerie Barbara Thumm (Markgrafenstr. 68). Packend seine Tusche-Paraphrase auf Picassos kubistisches Bild „Massaker in Korea“, 1951, das laut dem spanischen Jahrhundertkünstler neben „Guernica“ sein „politischstes“ Werk überhaupt gewesen sei. Dazu schaut man auf „Freedom First“ – eine wandfüllende Zeichnungs-Serie in kontrastreichem Schwarz-Weiß des in Berlin lebenden Peruaners, in der er die komplexen Situationen, Ereignisse und Folgen des Kalten Krieges nach 1945 aufgreift.

DNA der Berliner Kunstszene

Unweit der Mercator-Höfe an der Potsdamer Straße ließ sich die junge Galerie Gillmeier Rech (Körnerstr. 17) nieder. 2013 gegründet, gehört sie mit ihren noch nicht so etablierten Künstlern aber bereits zur DNA der Berliner Kunstszene. Mit Malerei, Skulptur, Fotografie setzen Verena Gillmeier und Claudia Rech auf die klassischen Genres.

Sie zeigen Bilder des Schweden Jim Thorell. Auf seinen Gemälden tauchen seltsam mysteriöse, nebelbleiche Kreaturen auf. In Pastellkreide und Ölfarbe gezeichnet, starren mit hohlen Augen rötliche Karnevalszombies aus dem „Nachtschiff“. Die unheimliche Menagerie mit schwarzen Flügeln und offenen Eingeweiden sowie dem bleichen Bub mit knallroten Ohren erinnert an Ensors Maskenfratzen. Wie in dieser absurd geisterhaften, wie im Drogendelirium wirkenden Familie, flirtet Thorell mit den Neurosen unserer Zeit. Nicht umsonst heißt die Werkgruppe „Illegale Elektrizität“.

Zwischen Realität und Fiktion

Auf andere Art elektrisiert bei Max Hetzler (Goethestraße 2/3) der Franzose Loris Gréaud. Er hüllt den Ausstellungsraum in eine violett-blau-weiß changierende Lichtorgie. Düfte, Dunst und Töne entweichen und überblenden die weißen Raumsequenzen sinnlich-physisch, fast filmisch. Er nennt es „a still life“. Wie Lavabrocken hängen sterbende Sterne lose im Raum und stoßen ihr Ächzen in die synthetisch bizarre wie jenseitige Landschaft. Eine Baum-Maschine aus Ästen, Eisen, Leuchtröhren und Plastikschläuchen vollführt spastische Bewegungen. 

Es ist ein multiples Schauspiel zwischen Realität und Fiktion – Vanitas-Motive in eine zeitgenössische Immersion. Wie Stillleben als Trompe-l'oeil-Gemälde wirken dagegen die Fotos Thomas Struths in Max Hetzlers neuem feudalen Standort (Kurfürstendamm 213). Ein Zebra, ein Känguru, ein Fuchs: Tote Wildtiere, lebensgroß, liegen auf dem Seziertisch im Labor, ästhetisch, fast würdevoll: Memento mori im Zeitalter des Anthropozäns, der vom Menschen veränderten Umwelt und ihrer Auswirkungen auf die Tierwelt. Denn die Aufnahmen machte Struth unmittelbar nach Eintreffen des jeweiligen Tieres im Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung Berlin. Den Moment des Todes macht er so zum Moment der Hingabe – als Warnruf.

Das Beziehungsgeflecht menschlicher Neigungen

Die Kunst lebt von Kontrasten. So hat Galerist Mehdi Chouakri (Fasanenstr. 61) dem Düsseldorfer Hans-Peter Feldmann einen Großauftritt zum Topos „Weiblichkeit“ verschafft. Feldmann taucht mit seiner neuen Werkgruppe aus lebensgroßen „Sex Dolls“ in das Beziehungsgeflecht menschlicher Neigungen ein.

Der durch seine Sammelobsession berühmt gewordene Konzeptkünstler hat die fleischrosa Gummidamen im Internet gekauft und holt sie durch eine minimalistische Inszenierung in die Banalität des Alltags: Eine Sexpuppe liegt auf dem Sofa, trägt Brille und liest interessiert, eine andere sitzt am Tisch und hämmert einen Romantext in die Schreibmaschine. Das will sagen: Die Menschen werden künstlicher, die Puppen menschlicher.

Hans-Peter Feldmann ist 77 und noch immer neugierig auf die Spannung zwischen Artefakt und Lebendem. Die samtnackte Plastikhaut, Busen, Schamhaar, ob ästhetisch oder anstößig – unter dem Publikum sorgen die Dolls für heftige Diskussionen. Kein Wunder, in Zeiten von MeToo.

Über die Genregrenzen hinaus

In der Galerie BQ (Weydingerstr. 10) kleben Leda Bourgognes plattgetretene Kaugummis auf dem Boden und an den Wänden. Wie kleine Sprechblasen – weil darauf Sprüche und Gedichte geschrieben sind. An Kleiderbügeln hängen schwarze Lederjacken, und daran baumeln Boxhandschuhe in langen roten, ausgestopften Latexstrümpfen an einem Glühbirnenkabel.

Bourgogne aus Wien ist Crossmedia-Künstlerin. Genregrenzen kennt sie nicht. CD-Ständer transformiert sie zu totemartigen Figuren, deren Rückgrat deformiert wirken. Bourgogne malt, schreibt und hält Lecture-Performances. So sind an einer Wand auch Malereien in klassisch-abstrakter Anmutung ausgestellt, aber auf dunklen Samt geätzt, perforiert und mit Lüftungsgittern versehen, die eine Funktion vortäuschen, doch eigentlich einen Blick hinter das Bild gewähren: Luftzirkulation, Hygiene, Verletzung. „Skinless“ heißt ihre erste Berliner Ausstellung, sie verbindet Einflüsse aus feministischer Theorie, Psychoanalyse, Experimentalfilm und Literatur.

Discokugel mit Schokoladenüberzug

Die „Chewing-Gum-Poems“, erweisen sich als Geste der Berührung ihres Mundes mit dem Galerieraum, das Kauen als Kraftakt und das Spucken als Markierung. Kaugummi bildet den Klebstoff zu einem poetischen Terrain aus Skulptur, Video und Malerei – aus dem Hardcore der Lederjacken, der samtweichen Haut der Gemälde und der wie schmerzhaft verrenkten Körperarchitekturen der „Backbone-CD-Sculptures“.

Bei Capitain Petzel (Karl-Marx-Allee 45) dreht sich an der Decke eine große Discokugel. Aber sie erstrahlt nicht im Licht, sie ist braunfleckig von Schokolade überzogen, das süß duftende Genussmittel tilgt die Disco-Party-Illusion.

Dazu korrespondieren die großen Siebdrucke des New Yorkers Kelley Walker. Für die Motive verwendete er eine Werbeanzeige der Siebzigerjahre des legendären Plattenspielermodells PL-518 von Pioneer, damals wirkte Andy Warhol mit. Noch heute benutzen namhafte DJs mit Vorliebe dieses Gerät. Walker untersucht also, wie populäre Ikonographie durch die Zeit gefiltert, neu erfunden und dauernd recycelt wird, egal ob im öffentlichen oder privaten Leben.

Ein seltsam schöner Wald

Ein abgeholzter Fichtenwald erstreckt sich bis zur einstigen Kirchendecke der König Galerie in der vormaligen St. Agnes (Alexandrinenstr. 118-121, so, als ob er schwebte. Die Schweizerin Claudia Comte brannte die entrindeten Sämme mit dem Gasbrenner ab, so dass die Maserung und Ast-Strukturen zum Vorschein kommen wie eine Geheimschrift.

In die Stämme sind Öffnungen eingeschnitten und ausgehöhlt, als schreinartige Behältnisse für Skulpturen aus Marmor, Bronze, Glas und Holz. Es sind merkwürdige Gebilde, die bald an Brancusis avantgardistische „Säule“, bald an Muscheln, Kakteen, Hundeknochen, deformierte Plastikflaschen oder zerdrückte Cola-Dosen erinnern. Der seltsam schöne Wald mit dem so metaphorischen wie ironischen Titel „Als die Dinosaurier die Erde beherrschten“ erscheint als Ansammlung sakraler Relikte einer längst vergangenen Kultur. Auf einmal schauen wir heutigen Erdenbürger mit den Augen von Dinos auf die Sünden der modernen Zivilisation: den menschlichen Makel.

Alle Infos: www.gallery-weekend-berlin.de. Die meisten Ausstellungen sind noch bis Juni zu den jeweiligen Öffnungszeiten zu sehen.