Kunst des Südens: Wie Arles und Marseille die französische Szene aufmischen

Die 16. Art-O-Rama verspricht Ruhe und Vernetzung. Und der Süden Frankreichs wird internationaler. Hier finden einige der spannendsten Projekte Europas statt.

Installationsansicht der Art-O-Rama in Marseille, 2022
Installationsansicht der Art-O-Rama in Marseille, 2022margotmontigny

Kaum eine Stadt spaltet Frankreich so sehr wie Marseille. Eine Stadt, die von der Sehnsucht des Exils bestimmt ist, eine Stadt wohin 1940 – als die Wehrmacht sich gerade Paris näherte – Künstler und Intellektuelle wie Viktor Serge, Max Ernst und André Breton in eine verfallenen Villa am Stadtrand flüchteten; die auch das Zentrum von Anna Seghers autobiografischem Exilroman „Transit“ ausmacht. Und heute? Fans der Hafenstadt schwärmen von der leuchtenden Abendsonne, zerklüfteten Küsten und Fisch-Bouillabaisse. Doch wo die einen in Marseille die Zukunft Frankreichs sehen, meinen andere die Raffinesse und Eleganz einer Stadt wie Paris zu vermissen.

Die von Jérôme Pantalacci geleitete Art-O-Rama im Erdgeschoss des Kulturzentrums Friche La Belle de Mai hebt sich von größeren Messen wie der Art Basel, Frieze in London oder der Art Cologne in mehrerer Weise ab. Galerien erhalten hier freie Hand, eigene Ausstellungsprojekte zu präsentieren. Dieses Jahr nahmen 47 Galerien aus insgesamt 18 Ländern teil, viele davon zum ersten Mal. Die Messe konzentriert sich auf jüngere Positionen, in einem intimen, eher entspannten Ambiente. Sammlerinnen können, anstatt sich durch überquellende Empfänge zu zwängen, an den galerieartigen Ständen in Ruhe mit K��nstlerinnen und Ausstellungsmachern sprechen.

Die Berliner Galerie Klosterfelde edition ist vertreten

Die Berliner Galerie Klosterfelde edition zeigte auf der Art-O-Rama 2022 Arbeiten von Matt Mullican und Rirkrit Tiravanija. Mullican kennt man etwa für seine Gemälde geometrischer Figuren, die er auch im Frühjahr bei Capitain Petzel austellte. Tiravanija ist bekannt für Performances und minimalistischen Schriftzüge: etwa das legendäre „Morgen ist die Frage“-Banner, das, als das Berghain unter der Kuratorin Juliet Kothe für die Boros-Sammlung zwischenzeitlich zur Kunstausstellung umfunktioniert wurde, prominent die Vorderseite des berüchtigten Berliner Clubs bestückte. Hier in Marseille zeigten Mullican und Tiravanija Drucke, Fotos und eben Tiravanijas charakteristische Schwarzweißbanner.

Viele der Galeristen verweisen darauf, dass die Präsenz ausländischer Sammler in diesem Jahr deutlich gestiegen sei. Tatsächlich hört man, wenn man das Messegelände abgeht, ein Stimmengewirr aus Italienisch, Deutsch, Englisch und Spanisch. Aussteller wie die Münchner Galerie Nir Altman betonen, dass es eben nicht nur ums Verkaufen gehe, sondern darum, Netzwerke zu knüpfen, die eigene Sichtbarkeit zu erhöhen.

Die Art-O-Rama Messe spiegelt aber auch den Umbruch, in dem Marseille sich heute befindet. Durch junge Kreative, die in die Stadt ziehen, durch Kunstateliers, Projekträume und unabhängige Galerien sicherte sie sich in den letzten Jahren einen festen Platz auf Frankreichs Kunstlandkarte. In Memes wird Marseille derzeit oft als Symbolbild für europäische Gentrifizierung herangezogen. Auch wenn die Anzahl internationaler Galerien auf der Art-O-Rama noch immer verhältnismäßig klein ist, finden sich in der Region um Marseille inzwischen zahlreiche Sammlungen und Ausstellungen, die mit der steigenden Popularität der Stadt in Dialog treten. 

Die Werke Nicole Eisenmanns

So kann man in der Fondation Vincent van Gogh in der nur etwa eine Stunde entfernten Stadt Arles bis Ende Oktober eine fantastische Werkschau der amerikanischen Künstler:in Nicole Eisenmann sehen. Wenige zeitgenössische, figurative Maler vermögen, was Eisenman hier tut. Ihre Bilder wirken, als changiere sie mühelos zwischen Stilen und Epochen und lade die Betrachtenden dabei ein, in eine Bandbreite an Themen einzutauchen: fluide Geschlechtsidentität, queere Sexualität, soziale Revolte, die Vereinzelung in der Großstadt, das Leben in der Peripherie. In der Ästhetik jener Bilder spiegeln sich die ganz Großen der Kunstgeschichte und -gegenwart: Von Pieter Bruegel dem Älteren und Hieronymus Bosch bis zu Frida Kahlo, Sigmar Polke und Julian Schnabel.

Unweit der Fondation Vincent van Gogh liegt der Kulturkomplex Luma Arles, in dessen Zentrum der von dem Stararchitekten Frank Gehry entworfene 56-Meter-Eingangsturm steht. Er wurde außen mit 10.752 lichtreflektierenden Edelstahlplatten verkleidet und ist an sich eine Sensation. In Luma Arles kann man bis Ende November noch Ausstellungen zeitgenössischer Künstler und Künstlerinnen sehen. Etwa die von Arhur Jafa, der hier auf wirklich spektakuläre Weise – durch Film, Fotografie, Ready-mades und Skulpturen – die Bruchstellen und Wunden Schwarzer Identität vermisst. Es ist stimmig, das unweit von Marseille zu sehen, dieser Stadt, die – dank Einwanderung aus Korsika, Marokko, Tunesien und Algerien – von Vielsprachigkeit und Pluralität stark geprägt ist.