Eine in den vergangenen Tagen häufig im Fernsehen ausgestrahlte Szene zeigt den argentinischen Fußballstar Diego Armando Maradona als Trainer seines letzten Clubs La Plata. Das Gehen fällt ihm sichtlich schwer, gestützt von seinen Spielern bewegt er sich auf die Kamera zu. Ein letztes Mal zeigt er sich in der Pose des Anführers, umringt von zahlreichen Fans.

Je weniger ihm das Leben gelang – so lauteten unisono die Kommentare zum Tod des Fußballers –, desto mehr wurde er geliebt. Drogenexzesse, Alkoholabstürze und der Einfluss der neapolitanischen Camorra – nichts schien seinen Ruhm schmälern zu können. Maradona flog die Zuneigung der Menschen noch zu, als die Götter sich längst von ihm abgewendet hatten. Die hymnischen Abschiede von Maradona konnten auch als große Feiern des unsteten Lebens verstanden werden.

Auch hierzulande gibt es Unmut

Mit den Helden des Pop-Olymps ist man in diesen Tagen etwas weniger gnädig. Zwei Veteranen des weißen Blues, Eric Clapton und Van Morrison (beide 75), sahen sich zuletzt harscher Kritik ausgesetzt, obwohl sie sich doch nur solidarisch gegenüber darbenden Musikern zeigen wollten, die durch die Corona-Pandemie seit mehr als einem halben Jahr nicht mehr auftreten durften. An diesem Freitag soll das von Van Morrison geschriebene und von Eric Clapton gespielte Stück „Stand and Deliver“ auf den Streaming-Markt kommen, dessen Ertrag dann dem von Morrison gegründeten ‚Lockdown Financial Hardship Fund‘ zu Gute kommen möge.

Das Schema ist erprobt, Prominenz wird hier als Transmissionsriemen für ein gesellschaftspolitisches Ziel eingesetzt. Die komplette Schließung des Konzertbetriebs könnte Musiker und Veranstalter weltweit um ihre künstlerische Existenz bringen. Auch hierzulande haben Kollegen wie Peter Maffay, Till Brönner, Nena oder auch der Schlagersänger Michael Wendler ihren Unmut über das aus ihrer Sicht unzureichende Problembewusstsein von Politikern artikuliert und sich öffentlich echauffiert.

Van Morrison: „No more lockdown!“

„Stand and Deliver“ ist nicht der erste Anti-Lockdown-Song des 1945 im nordirischen Belfast geborenen Van Morrison. Bereits im Herbst hatte er gleich drei neue Stücke veröffentlicht, in denen er seinen Zorn über die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie ventilierte. In lyrisch robuster Diktion tat Morrison eine Haltung kund, die ihn unweigerlich in die Nähe von Vertretern einer Anti-Politik brachte, die sich bei uns zuletzt als Querdenker bezeichnet haben. „No more lockdown / Nor more government overeach“, heißt es in dem im Oktober veröffentlichten Stück „No more lockdown“, das den Autor kaum als Anhänger des Gesundheitsschutzes ausweist: „No more fascist bullies / Disturbing our peace / No more taking our freedom / And our God-given rights / Pretending it‘s for our safety / When it‘s really to enslave.”

Der alte Grantler Van Morrison, der seit jeher ein künstlerischer Einzelgänger war und sich wohl gerade deswegen eine stabile Anhängerschaft aufgebaut hat, sieht sich seiner Freiheit beraubt und wittert hinter dem Schutzgedanken gar eine bevorstehende Versklavung. Das ist starker Tobak und verheißt in Bezug auf den kommenden Titel „Stand and Deliver“, dass hier ein Widerstandsgeist gegen die corona-bedingten Einschränkungen mobilisiert werden solle.

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Musikkritiker rümpften ob solch emotionaler Aufwallungen die Nase, und der irische Gesundheitsminister bezeichnete die Zeilen seines Landsmannes als gefährlich. Und nachdem bekannt geworden war, dass Morrison für seine Mission auch noch seinen alten Freund Eric Clapton ins Boot geholt hatte, wurde dieser einmal mehr mit bald 40 Jahre alten Äußerungen konfrontiert, mit denen er dafür votiert hatte, Großbritannien weiß zu halten. Clapton hatte später wiederholt beteuert, kein Rassist zu sein und seine Sätze auf eine schlimme Phase seines Drogenkonsums zurückgeführt.

Wenn man sich als treuer Hörer der beiden Popgrößen nicht gleich kulturkämpferisch in Stellung bringen will, dann kann man Morrisons Anti-Lockdown-Songs als trotzigen Ausdruck einer Pose ewiger Unangepasstheit verstehen, die man zum Ende einer an Exzessen reichen Karriere nicht einfach aufgeben will.

Im Begleittext zu seiner Initiative klingt der Morrison-Sound auf dessen Homepage beinahe zugewandt und versöhnlich: Da kein Ende der Maßnahmen in Sicht sei, rufe er die Regierungen zur Zusammenarbeit mit den Vertretern des Live-Musik-Sektors auf. Eric Clapton wiederum lobte in dem Branchenblatt Variety die Initiative seines Freundes Van The Man: „Wir müssen uns wehren und unsere Stimme erheben, um aus dieser misslichen Lage herauszukommen.“ Von der Erinnerung allein könne die Live-Musik nicht überleben. 

Und das unangenehm quer Gedachte und Gedichtete? It‘s Only Rock ‘n Roll.