Singende Nixe von Tony Torrilhon.
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Vor ein paar Wochen ist der seit 2003 im brandenburgischen Rheinsberg lebende französische Künstler Tony Torrilhon 89 Jahre alt geworden. Viel Zeit zum Feiern nahm er sich nicht. Wer sein Atelier in der Schlossstraße besucht, das zugleich Ausstellungsraum für seine Skulpturen und Druckgrafiken ist, trifft ihn häufig mit Schürze und Schnitzwerkzeug an. Tony Torillhon ist immer bei der Arbeit, für ihn die beste Form zu entspannen. Die Muße, Geburtstagsgeschenke anzunehmen hat ein rastloser Zeitgenosse wie er nicht. Und Geschenke, die verteilt er lieber selbst.

Tony Torrilhon, der in seinem ersten Leben u.a. als Militärarzt für Frankreich im Algerienkrieg im Einsatz war, geht überaus großzügig mit seinem künstlerischen Schaffen um. Wenn er Briefe schreibt, fügt er meist kleine Zeichnungen an, und liebevoll gefertigte Kupferstechereien kann man zu günstigen Preisen direkt über sein Rheinsberger Refugium beziehen.

In den letzten Jahren hat Torrilhon sich verstärkt der Holzbildhauerei zugewandt, und bei einem Spaziergang durch das als Musenstadt berühmte Rheinsberg stößt man immer wieder auf Arbeiten, mit denen er den Stadtraum zu bevölkern versucht. Nicht immer nur zur Freude der Stadtoberen. Torrilhons aus der Odyssee entlehnte Figuren am sogenannten Bollwerk am Rheinsberger Hafen mündeten in einen mehrjährigen Streit mit dem örtlichen Betreiber von Ausflugsschiffen, der keinen Sinn für den sich allmählich ausbreitenden Figurenpark zu entwickeln vermochte.

Das Beharrungsvermögen, mit dem Tony Torrilhon seine künstlerischen Projekte verfolgt, ist beachtlich, und seinen Kritikern fällt es schwer zu akzeptieren, dass die Durchsetzung der Kunst im öffentlichen Raum bereits Teil seiner Unternehmungen ist. Seine oft sehr verspielt erscheinenden Holzfiguren – oftmals sind in ihnen Tiere dargestellt – entstehen nicht einfach hinter verschlossenen Werkstatttüren. Tony Torrilhon betreibt eine künstlerische Praxis der offenen Tür, die er selbst dann nicht aufzugeben gewillt war, nachdem jugendliche Diebe in einem unbeaufsichtigten Moment die Kasse mitgehen ließen.

Der bald 90-Jährige ist viel in den Rheinsberger Wäldern unterwegs und hat einen genauen Blick dafür entwickelt, wann ein heruntergefallener Ast zur bildnerischen Weiterverarbeitung taugt. Und wenn dieser Ast etwas größer ist, rückt Tony Torrilhon mit schwerem Gerät und eigens engagierten Helfern an, um diesen seiner Holzbank zuzuführen. Auf diese Weise ist jene Giraffen-Skulptur entstanden, die Torrilhon seit einigen Monaten vor seiner Galerie postiert hat. Ein Streit mit den Behörden um eine Aufstellgenehmigung blieb dabei nicht aus, aber wie für das Künstlerehepaar Christo und Jeanne-Claude stellt der Konflikt mit den Behörden auch für Tony Torrilhon nur eine Verlängerung des ästhetischen Prozesses dar.

In diesem Sinne wird sich die Stadt Rheinsberg darauf gefasst machen müssen, noch eine Weile mit der jüngsten Geschenkidee Tony Torrilhons konfrontiert zu sein. Das seit Jahren im Zustand der Restauration befindliche neue Rathaus in Marktplatznähe soll bald bezugsfertig sein, aber schon lange hadert Torrilhon mit der kargen Gestaltung der Fachwerkfassade des Hauses an der König-/Ecke Seestraße. Also hat er für sie ein halbes Dutzend Rokoko-Ornamente entworfen, mit denen er das lange als Bauruine vor sich hin dümpelnde Haus verschönern will. Eine bisschen französisches Flair für die Prinzenstadt.

Aber die Gemeindeverantwortlichen zögern. Bürgermeister Schwochow (Freie Wähler), dem Torrilhon schon einmal eine Fahnenskulptur gewidmet hatte, verweist laut Märkischer Allgemeine auf den bereits fortgeschrittenen Planungsprozess, und Peter Böthig, Leiter des Tucholsky-Literatur-Museums verteidigt die Schlichtheit der Fassade als deren ästhetisches Merkmal. Auch Böthig lag schon einmal mit Torrilhon im Clinch. Nach einer Ausstellung mit Holzskulpturen zum Werk Kurt Tucholskys war Torrilhon davon ausgegangen, dass es Dauerleihgaben seien. Böthig aber wollte die eindrucksvolle Serie lediglich in einer temporären Ausstellung präsentieren und nicht für die Ewigkeit beherbergen.

Tony Torrilhon bleibt gelassen. Dass man im Umgang mit der Kunst einen längeren Atem braucht, hat er bereits gelernt, als er noch an der Sorbonne in Paris Medizin studierte. In seiner Dissertation beschäftigte er sich in den 50er-Jahren mit dem Werk „Die Krüppel“ von Pieter Brueghel, dem Älteren und wies nach, dass die skurrilen Figuren auf dem Bild keine Dämonen oder Fantasiegebilde des Künstlers waren, sondern diese vielmehr realistischen Darstellungen von Krankheitsbildern jener Zeit entsprachen. Zwar leugnete Torillhon die Einflüsse nicht, die etwa Hieronymus Bosch auf den jungen Brueghel gehabt habe. Quer zum Stand der Kunstwissenschaft formulierte Torrilhon damals die verblüffend einfache These, die zuerst in Blättern wie Le Monde, Der Spiegel und dem Time Magazine rezipiert wurden, Brueghel habe „mit den Augen eines Arztes“ gemalt.

In Rheinsberg und Umgebung geht der gelernte Arzt nun mit den Augen eines Künstlers durch die von ihm verehrte märkische Landschaft und mag dabei nicht akzeptieren, dass die Schönheit der Natur an den Grenzen nur bedingt einsichtiger Behörden enden soll.