Berlin - Gallery Weekend Berlin – das ist, jedes Jahr im Frühling, fast wie eine kleine Documenta: Massenhaft Kunstorte, die dem Spektakel um den Kern von 45 veranstaltenden, das Ganze auch finanzierenden Galerien frönen, berühmte oder noch kaum bekannte internationale Künstlernamen. Dazu weite Wege.

Es wäre also ein vergeblicher und zudem auch unlauterer Versuch, Ihnen, den Lesern, vorzugaukeln, ich hätte in der Kürze der Zeit alles gesehen, könnte gar Sämtliches beurteilen. Also wage ich es lediglich, meinen ersten Eindruck zu vermitteln. Und zwar vor allem davon, dass die überreiche Galerienszene der Stadt ihr Profil gefunden, ergo geschärft hat, Qualität aufbietet. Und das trotz aller Unstetigkeit durch vielfache Umzüge, die meist der Immobiliensituation in der Stadt geschuldet sind oder aber dem Anspruch nach mehr Raumgröße.

Sichtbar wird damit die langwierige Arbeit der Galerien, die ihre Künstler schon in jungen Jahren geduldig aufbauen, sie auf dem globalen Kampfplatz Kunstmarkt begleiten und fördern, auf Messen, Biennalen vertreten, schließlich – das ist das hohe C – in Sammlungen und Museen vermitteln. Sympathisch ist dabei die offensichtliche Resistenz der wichtigsten hiesigen Kunsthändler gegenüber den doktrinären Rufen, die Malerei sei tot. Gerade junge Künstlerinnen malen nämlich unbeirrt und mit großer Intensität.

Was es auf dem Berliner Gallery Weekend wo zu sehen gibt 

Bei Capitain Petzel, Karl-Marx-Allee 45, bedient die 31-jährige Berlinerin Stefanie Heinze den neuerlichen Hunger auf Bilder. Ihre umwerfend humorvollen Zeichnungen sind Vorlagen für große, spielerische, sinnliche, auch böswitzige Gemälde mit feministischen Verweisen.

Die Venezolanerin Sol Calero widmet sich in ihrer neuen malerischen Installation bei Chert Lüdde, Ritterstraße 2A, den Frauen ihrer Familie. Da wird erzählt von lateinamerikanischer Lebenslust, prekärer ökonomischer Lebenslage, Dauerimprovisation, Kultur, Folklore – und vom Exotismus durch die Brille der Fremden. In die westliche Kunstgeschichte freilich fand all das keinen Eingang.

„Dystopia“ nennt Martin Eder seine Schau bei Eigen+Art, Auguststraße 26. Zwischen Natur und moderner Architektur malt der in Dresden ausgebildete Augsburger junge Mädchen in einem düsteren Szenario. Die Teenager haben sichtlich alles, was sie sich nur wünschen können. Aber sie schauen verloren drein, leeren Blicks, gelangweilt, ziellos. Ausgestellt in dieser kostbaren Lasurmalerei mit violetten Himmeln ist weit mehr als die natürliche Adoleszenz. Ein fatales gesellschaftlichen Manko an Utopie wird deutlich: Diese Malerei erzählt vielschichtig von Blumen des Bösen.

Optimistischer geht es zu auf den großen Leinwänden des Briten Nigel Cooke, Buchmann Galerie, Charlottenstraße 13. Seine modernen arkadischen Landschaften – Italien lässt grüßen – werden aufgestört von schemenhaften Gestalten, Frauen um Strandfeuer sitzend, als Gruppe – und doch einzeln einsam.

Der Leipziger Matthias Weischer füllt die obere Halle von St. Agnes, König Galerie, Alexandrinenstraße 118–121 mit seriellen Interieurs: Bildräume wie Wohnmodule – identisch konstruiert, aber mit irritierenden Abweichungen durch Details, vor allem auch – witzigen – Verweisen auf die Kunstgeschichte. Liegt in dem einen Raum ein Nackter auf dem Bett, über ihm zwei altmeisterliche Altarheilige, so ragt im nächsten Motiv Brancusis Säule auf, das von der Moderne kanonisierte gute Stück ist bemalt in den knalligen Farben Mondrians: rot, gelb, blau.

Großartig, dass bei Sprüth Magers, Oranienburger Straße 18, vom Schweizer Starduo Fischli Weiss deren berühmtes „Haus“ von 1987, genauer, das Gussmodell aus Holz, zu sehen ist. Das Werk repräsentiert neuere Kunstgeschichte: den letzten Moment der (Bauhaus)Moderne, in dem das Utopische, Positivistische ins Pragmatische kippt und das Gewöhnliche zurückbleibt.

Mit einer ganz anderen Utopie konfrontiert uns der Engländer Ryan Gander in der Galerie Schipper, Potsdamer Straße 81 E, durch seine Installationen, die er Zeitfragmente nennt und die unsere individuelle Vergänglichkeit meinen. Eine der Arbeiten besteht aus zwei nicht ganz ausgerollten weißen Teppichen, darauf Spuren, von Füßen und von Rädern, versehen mit nummerierten Würfeln. Das ist so mysteriös wie poetisch. Und es besagt, wie metaphorisch, assoziationsreich und sinnlich Konzeptkunst sein kann.