Zur Zeit rechnen die freischaffenden Künstler wieder. Sie legen – wenn es beispielsweise darstellende Künstler sind – Probentage fest, kalkulieren die Honorare aller Beteiligten, holen Kostenschätzungen von Dienstleistern ein und entscheiden, wie viel Werbung in genau welcher Form für ihr Projekt betrieben werden soll.

Natürlich schreiben sie auch Texte über ihr künstlerisches Wollen, aber eher als Absichtsbekundung. Weil die Arbeit ja erst im April oder Mai beginnen wird, wenn der Zuschlag aus der Offenen Projektförderung der Kulturstiftung des Bundes, für die sie sich bis 31. Januar beworben haben müssen, mit einigem Glück erteilt worden ist. Vorher darf das Projekt offiziell auch gar nicht beginnen, das wäre gegen die Fördergrundsätze.

Woher Eigenmittel nehmen?

Da 20 Prozent der Projektkosten bei der Kulturstiftung des Bundes selbst aufgebracht werden müssen, haben viele Berliner Künstler vorher schon Anträge beim sogenannten Kofinanzierungsfonds der Berliner Kulturverwaltung gestellt, der diese „Eigenmittel“, über die freischaffende Künstler natürlich nicht verfügen, von Landesseite beisteuert. Öffentliche Institutionen, die mit den Freischaffenden in jeder Antragsrunde konkurrieren, haben es mit den Eigenmitteln einfacher, sie haben Budgets. Mit der Recherche auch, sie haben Angestellte.

Die Freien indessen mussten die Zeit, in der sie sich Gedanken über neue Projekte machen oder Anträge schreiben, bisher vom Gesparten finanzieren. Jetzt hat der Berliner Kultursenator Klaus Lederer zum neuen Jahr einen Recherchefonds aufgelegt. Der könnte das Niveau der späteren Projektanträge zumindest von Berliner Künstlern und Künstlerinnen erhöhen. Aber bräuchte man nicht auch einen Ideenfonds, mit dessen Hilfe man sich so lange ernährt, bis einen die Inspiration erwischt?

Geld ist da!

Eine öffentliche Förderung von Kunst und Kultur ist großartig. In Polen gibt es sie kaum noch, in einem Land wie Libanon gar nicht. In Deutschland gibt es eine auskömmliche Versorgung kultureller Institutionen und eine Vielzahl von speziellen Programmen, mit denen der Staat kulturelle Aktivität in einzelnen Segmenten ankurbeln will wie aktuell das Kulturerbejahr, das Bauhausjubiläum oder das Museum Global, mit dem der Eurozentrismus in Museen hinterfragt werden soll. Dem Stab der Staatsministerin für Kultur und Medien und der angeschlossenen Programmschmiede Kulturstiftung des Bundes (KSB) fällt immer wieder sinnvolles Neues ein.

Für die Förderung von künstlerischen Vorhaben, die die Künstler von selbst ersinnen, wird auf Bundesebene allerdings der geringste Teil des Geldes ausgegeben. Bei der KSB, um mal bei dieser Quelle zu bleiben, etwa fünf bis sechs Millionen Euro jedes halbe Jahr, das ist rund ein Drittel der gesamten dort zur Verfügung stehenden Mittel.

Doktor der Antragskunde

Aber natürlich gibt es auch noch die in dieser Hinsicht offeneren, auch mehrjährige Förderungen anbietenden, insgesamt aber kleineren Landestöpfe. In jedem Fall muss man sich, um an öffentliches Geld ranzukommen, in Sachen Kameralistik und Antragskunde promovieren, längst gibt es Leute, die das hauptberuflich für andere machen. Und vor allem: Man muss so tun, als wüsste man schon im Detail, wie die Sache hinterher aussehen soll, als wäre Kunst kein Weg ins Ungefähre, keine Frage, auf die es nicht unbedingt eine Antwort gibt.

Die Kameralistik, die Richtlinie der Verwaltung öffentlicher Geldes, lässt es nicht anders zu, und keine Kulturpolitikerin, kein Kulturpolitiker hat offenbar jemals versucht, die Kunstförderung aus dieser der Kunst widersprechenden Buchungslogik zu befreien. Das Geld wird nicht nur für einen ganz bestimmten Zweck gegeben, sondern wird auch, noch bevor der erste Ton erklingt oder der erste Schritt getanzt ist, in festen Posten vorverbucht.

Zwei ketzerische Fragen

Dabei stellen sich zwei Fragen. Erstens: Welche Impulse sind von Künstlern zu erwarten, die ihr Leben nach den Antragsfristen der Fonds takten, ihre Arbeit nach den Moden der jeweiligen Förderinstitutionen ausrichten und sich in Buchhaltung zermürben, statt das zu tun, was sie möglicherweise können?

Zweitens: Verträgt sich die Tatsache, dass die Alimentierung jedes einzelnen Projektes von einer Jury bewilligt werden muss und auch bei längerer Förderung die Arbeit kontinuierlich evaluiert wird, mit dem Grundsatz der Freiheit von Kunst? Existiert eine solche also nur ausgerechnet innerhalb der pauschal subventionierten Institutionen und also letztlich nur jeweils für die jeweilige Person dort an der Spitze?

Beispiel Norwegen

In Norwegen gibt es seit mehr als fünfzig Jahren das für staatliche Kunstförderung im Wesentlichen zuständige Arts Council, das – neben anderen Förderformen – projektunabhängige Stipendien für Künstler und Künstlerinnen vergibt, die zwischen ein und zehn Jahren dauern können. Die Bedingung ist lediglich, dass man in Norwegen leben muss und seine Arbeit bereits öffentlich gezeigt haben muss. 34 Millionen Euro werden dafür im Jahr ausgegeben: 34 Millionen Euro Vertrauen in die Künstler.

Was gegen ein solches temporäres staatliches Gehalt (oder besser: bedingungsloses Grundeinkommen?) für Künstler sprechen könnte, ist natürlich die leicht auszurechnende Tatsache, dass es nicht alle bekommen können. Was für Projektanträge aber auch gilt. Zudem fällt mir auf Anhieb kein ästhetischer Impuls ein, der in den letzten Jahren aus der Szene der gießkannenbewässerten Projekte entsprungen wäre und begründen würde, diese Form der Förderung als alleinige beizubehalten.

Effizienz und Experiment

Wodurch sich „Freie Kunst“ heutzutage auszeichnet, ist Effizienz und Internationalität. Das kann die Institutionskunst von ihr lernen. Das künstlerische Experiment indessen findet innerhalb der subventionierten Häuser statt.

Kunst, schreibt der Philosoph Christoph Menke, bemesse sich nach der Unwahrscheinlichkeit ihrer Existenz. Die Jury der KSB hat auch in dieser Förderperiode sicher wieder deutlich konkretere Vorstellungen.