Installation „Science Fiction/Hier und jetzt zufrieden sein“ von Isa Genzken und Wolfgang Tillmans.
Foto: dpa/Alina Novopashina

BerlinZwei renommierte Kunstsammler kehren samt ihren Sammlungen Berlin den Rücken. Eine dritte Sammlerin, die einen populären Ausstellungsraum betreibt, droht ebenfalls, die Stadt zu verlassen. Schuld daran, sagt man pauschal, sei „Berlin“. Was ist da los?

Zum einen ist da der in Zürich lebende, 75 Jahre alte, Unternehmer und Milliardär Friedrich Christian Flick. Dessen Gegenwartskunst-Sammlung wird als Dauerleihgabe im September 2021 aus dem Hamburger Bahnhof abgezogen und dürfte eine gewaltige Lücke im Sammlungsrundgang des staatlichen Gegenwartsmuseums hinterlassen.

Zum anderen der Essener Arzt und Wella-Erbe Thomas Olbricht, 72 Jahre alt, der zehn Jahre lang ein privates Ausstellungshaus in der Auguststraße in Mitte gleich neben den Kunstwerken (KW) betrieb. Drittens ist da die 44-jährige Julia Stoschek, Spross einer fränkischen Industriellendynastie und Deutschlands wohl glamouröseste Sammlerin. Gegenwärtig noch zeigt sie im ehemaligen Tschechoslowakischen Kulturzentrum der DDR an der Leipziger Straße, was im Jargon nicht sehr treffend „Medienkunst“ heißt.

Thomas Olbricht hatte ein kühles Verhältnis zu Berlin

Doch statt pauschal von einem „Sammler-Exodus“ zu sprechen, empfiehlt es sich, die drei Fälle einzeln zu betrachten. Olbrichts Abgang wird keine klaffendes Loch in die hauptstädtischen Kunstlandschaft reißen, dafür hat er von Anfang an viel zu sehr sein eigenes Ding gemacht, wenngleich in der dafür richtigen Form: seinem Privatmuseum in der traditionsreichen Auguststraße. Das Programm dort hatte einen Hang zum Populären, teilweise Bizarren. Doch war es auch von sozialer Verantwortung geprägt, dem Willen, mithilfe eines vorbildlichen Vermittlungsprogramms gerade Kindern und Jugendlichen einen Zugang zu Kunst und Kultur zu öffnen.

Von der Berliner Kunstwelt wurde Olbricht eher gelitten. Das kühle Verhältnis hatte wahrscheinlich auch mit dem klotzigen Neubau zu tun, den Olbricht seinerzeit ins Herz von Mitte wuchtete. Nach einer Dekade in der Hauptstadt kehrt er zurück ins heimische Essen, wo er schon lang im Verwaltungsrat des Folkwang-Museums aktiv ist. „Mission accomplished“ – „Mission beendet“ brummt der Sammler zufrieden ins Telefon, wenn man ihn dieser Tage in seiner Heimatstadt Essen anruft. Als Berlin-Kritik will Olbricht seinen Abschied nicht verstanden wissen. „Der einzige Grund, jetzt zu gehen, ist absolut privat“ erklärt er, und fügt hinzu, dass die Entscheidung schon im vergangenen Jahr gefallen sei.

Nach Mitte lotste ihn damals der einstige KW-Initiator Klaus Biesenbach, der heute nach Station in New York das Museum of Contemporary Art in Los Angeles leitet. Auch mit dem scheidenden Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann verbindet Olbricht eine lange Freundschaft. Doch wirklich heimisch wurde der Sammler in der Hauptstadt nie.

Berlins damaliger Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit empfing Olbricht einst in seinem Büro im Roten Rathaus mit den Worten „Herzlich Willkommen! Finanziell können wir nichts für Sie leisten.“ Das fand er korrekt. Nach öffentlichen Geldern zu fragen, war denn auch nie der Plan. Sein Privatmuseum betrachtete Olbricht als geschlossenen Kreislauf: Die Mieteinnahmen aus den oberen zehn Apartments im Haus sollten theoretisch den aufwändigen Ausstellungsbetrieb im Erdgeschoss mitfinanzieren. Praktisch ging die Rechnung nie richtig auf. Für sein eigenes Museum gab der Sammler immer mehr aus als über die Mieteinnahmen zu decken war. Erst recht würde das Finanzierungsmodell heute, mit dem Berliner Mietendeckel nicht funktionieren, lässt er durchblicken.

Olbricht brennt für die Kunst. Wenn es aber ums Geld geht, ist der Wella-Erbe ein kühler Rechner. Zur Jahresmitte zieht in seine alten Räume ein „Samurai Museum“. Dort soll die Privatsammlung des Berliner Investors, Bauunternehmers und Pflegeheimbetreibers Peter Jannsen zu sehen sein.

Dessen designierter Chef-Berater heißt Carsten Kollmeier und kommt aus dem Tourismus-Marketing sowie dem Souvenirgeschäft. Am Leipziger Platz betreibt Kollmeier seit ein paar Jahren ein obskures Dalí-Museum, vor dem die um den guten Ruf des Meisters zurecht besorgte Dalí-Stiftung im katalanischen Figueres auf ihrer Webseite als „äußerst kommerzieller Ausstellung“ ausdrücklich warnt. Ob die „Samurai“-Sammlung des schillernden Kulturmanagers wie eine Original-Trabi-Safari in die Auguststraße einfällt, wird sich zeigen.

Friedrich Christian Flick politisch relevant und heftig umstritten

Von ungleich anderem, auch politisch relevanten Kaliber ist der Abgang von Friedrich Christian Flick. Beraten von Top-Galeristen wie Iwan Wirth und David Zwirner trug er seit den Neunzigern ein absolut museumswürdiges Kunst-Konvolut zusammen, mit herausragenden Werken und Werk-Komplexen, etwa von Stan Douglas, Martin Kippenberger, Bruce Nauman oder Roman Signer.

Die gute Nachricht: die Berliner Nationalgalerie darf zwei umfangreiche, 2008 und 2015 getätigte Schenkungen von insgesamt 268 Kunstwerken behalten. Vielleicht auch deshalb mag sich heute kaum jemand mehr an den Proteststurm erinnern, als die Sammlung 2004 noch in der Ära Schröder unter tatkräftiger Unterstützung von Wowereit mit großem Staatsakt-Tamtam nach Berlin geholt und in den Rieckhallen unter Obhut der Staatlichen Museen (SMB) großzügig ausgebreitet wurde.

Was die Berliner Leihgabe Flicks damals zum heftig umstrittenen Politikum machte, war erstens die lange anhaltende Weigerung des Enkel und Erben des Nazi-Industriellen Friedrich Flick, in den Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter einzuzahlen sowie zweitens seine Steuerflucht in die Schweiz Mitte der 70er-Jahre. Die Hallen musste sich der Sammler zuvor mit eigenem Geld, immerhin rund 8,25 Millionen Euro herrichten. Im Gegenzug wurde seine Sammlung museal aufgearbeitet und betreut.

Doch den Charakter einer Übergangslösung wurden die Rieckhallen nie recht los: zu viele Räume, zu lang, zu langweilig (vor allem der Rückweg). Und zu allem Überfluss unbefriedigend klimatisiert. Ein Hauptstadt-typisches Provisorium, dessen anfänglicher Charme lange verflogen ist.

Ausstellungen, die der historischen Industriearchitektur der Rieckhallen sinnvoll entsprachen, waren rar. Eine der seltenen Schauen, die rundum überzeugten, war die Retrospektive des Minimalisten Carl Andre im Frühjahr 2016. Das ist bezeichnend. Sie wurde nicht im Haus, sondern von der New Yorker DIA Foundation konzipiert. Dort scheint man es besser zu verstehen, wie Industriearchitektur mit größerer und kleinerer Kunst, Pragmatismus und Aura sinnvoll zu verknüpfen sind.

Ist es also gut so, wie es nun kommt? Kühl betrachtet ist der anstehende Abriss der Rieckhallen kein allzu herber Verlust. Doch geschieht dies leider nicht, weil es nach all den Jahren ein Einsehen und auf Basis dieser Erkenntnis eine bessere Alternative gäbe. Im Gegenteil.

Seltsam: Der bevorstehende Rieckhallen-Abriss, spätestens seit Sommer 2019 bekannt, machte bis vor kurzem keine große Welle, obwohl damit auch einer für den speziellen Ort realisierten Installation von Bruce Nauman die Zerstörung droht. Obwohl man sich an einer Hand abzählen konnte, dass mit dem ersatzlosen Verschwinden der Räume mit hoher Wahrscheinlichkeit der Abzug der Flick-Sammlung wahrscheinlicher wurde.

Bereits 2007 wurde das Grundstück aus dem Immobilienbestand der Deutschen Bahn vom Bund an den privaten Immobilieninvestor CA Immobilien Anlagen AG verkauft. Von keinem Verantwortlichen, weder im Museum selbst noch in der Generaldirektion der Staatlichen Museen oder gar in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat man in den zurückliegenden 13 Jahren einen öffentlich Alarm schlagen gehört. Selbst der sonst noch in Programmfragen so allmächtige Verein der Freunde der Nationalgalerie, dessen hauptsächlicher Daseinszweck doch die Förderung und Weiterentwicklung der Nationalgalerie ist, schwieg angesichts der Entwicklung.

Warum? Nur einmal, im Januar 2008 war die Standortsicherung des Hamburger Bahnhof Thema im Berliner Abgeordnetenhaus. Danach passierte: nichts. Die Jahre verstrichen ungenutzt, ohne Allianzen und Alternativen zu suchen, um das langsam heranrollende Museums-Desaster zu verhindern. Die im Hamburger Bahnhof jahrelang schwelende Raum- und museal-programmatische Substanzfrage wurde nicht öffentlich diskutiert. Zu erklären, was dieses Museum eigentlich soll, erscheint heute drängender denn je.

Julia Stoscheks Ausstellungen sind eigen, aktuell, sehr gut gemacht 

Bleibt noch Julia Stoschek. Die milliardenschwere Sammlerin und Unternehmerin mit ihrem Haupthaus in Düsseldorf hat ihren drohenden Abschied aus Berlin mit reichlich Effekt inszeniert. Zu Recht, ist die 44-jährige Sammlerin mit der Stadt und ihrer Kunstszene doch schon lange verbunden. Wiederum ist Klaus Biesenbach im Spiel. 2004 schon wurde Stoschek Mitglied im KW-Kuratorium, 2015 rückte sie in den KW-Vorstand auf, wo sie seit 2017 stellvertretende Vorsitzende ist. Biesenbach, so erzählt man es sich, half einst, das Sammlungskonzept aus der Taufe zu heben. Seit 2007 zeigt Stoschek ihre Sammlung in Düsseldorf, seit Sommer 2016 betreibt sie eine Berliner Zweigstelle an der Leipziger Straße, ganz in der Nähe des Alexanderplatzes.

Stoscheks Ausstellungen sind eigen, aktuell, sehr gut gemacht. Namen wie Ed Atkins, Arthur Jafa, Hito Steyerl garantieren die Aufmerksamkeit von Kunst-Crowd und Hipster-Publikum gleichermaßen. Warum sie Berlin nun den Rücken kehren will? Gegenüber der Zeitung Die Welt erklärte Stoschek zunächst, sie sei unzufrieden mit der hiesigen Kulturpolitik, dem Desinteresse an ihrem Programm, das sie als „systemrelevant“ einschätzt.

Später ruderte sie zurück und erklärte, es gäbe lediglich „Überlegungen in dieser Richtung“. Mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) hat Stoschek einen bis Dezember 2020 laufenden Staffelmietvertrag für ihr privat betriebenes Ausstellungshaus mit eigenem Programm geschlossen, das sie auf eigene Kosten renoviert hat. Auf Anfrage der Berliner Zeitung teilt ein Sprecher der Bundesanstalt mit, dass sich die für die 2690 Quadratmeter große Gewerbefläche derzeit gezahlte Miete auf 4,46 Euro pro Quadratmeter belaufe. Zieht man die darin enthaltene Betriebskostenpauschale von 2,80 Euro pro Quadratmeter ab, ergibt das eine Nettokaltmiete von 1,66 Euro pro Quadratmeter.

Das klingt nach Konditionen, von denen mittlerweile viele Künstler und Projekträume nur träumen können – selbst mit öffentlicher Subventionierung. Berliner Institutionen wie etwa C/O Berlin im Amerika-Haus müssen deutlich mehr Mittel aufbringen. So erklärt der Mitbegründer und C/O -Vorstandsvorsitzende Stephan Erfurt, man zahle „locker das Doppelte an Miete pro Quadratmeter“ und hätte selbst 1,6 Millionen Euro in die Renovierung des Hauses investiert.

Oft fehlt eine differenzierte Betrachtung

Wenn also von Sammlern und ihrer Kunst die Rede ist, nicht aber von Geld, Mietpreisen, Steuerschlauheiten, Aufwertung, Mietendeckel und Immobilien, fehlt ein wesentlicher Teil der Geschichte – gerade in Berlin. Oft fehlt eine differenzierte Betrachtung, wer bei diesen Geschichten so alles mitmischt, aus welchem Grund, mit welchen Interessen.

Vor allem fehlt eine Grundsatzdebatte darüber, wie staatliche und kommunale Museen, die im Auftrag der Öffentlichkeit die Geschichte der Kunst und ihre aktuelle Gegenwart mit ihren Sammlungen und Ausstellungen bewahren, pflegen und vermitteln sollen, ihrer Rolle gerecht werden sollen, wenn sie von Sammler- und Sponsoreninteressen nicht weniger abhängig sind als von der Kultur- und Stadtplanungspolitik. Beides spielt sich bekanntlich auf vielen Ebenen ab.

Es ist chic geworden, sich über den Untergang der Kunststadt Berlin zu empören – mit Berlin als Hauptschuldigem. Das betrifft besonders oft Debatten, wo öffentliche Interessen ins Feld geführt werden, während der eigentliche Antrieb im privaten Eigennutz zu suchen ist. Streit und Kritik sind wichtig.

Die gegenwärtigen Debatte würde es jedoch versachlichen, wenn mit auf die Rechnung käme, dass es vor allem Kulturschaffende, Künstler und Kreative waren, die zuerst und wesentlich dazu beitrugen, aus den Trümmern der Teilung eine attraktive Stadt zu zimmern – auf eigenes Risiko, versteht sich. Durch sie ist Berlin die lebendige Kulturmetropole geworden, in die es immer noch viele zieht – auch Sammler. Kein Wunder. Noch heute mischt es sich als Milliardär mit vergleichsweise kleinem Einsatz für hohe symbolische Rendite mit. Noch immer leichter als anderswo.