Berlin - Mit dem zweiten Lockdown des öffentlichen Lebens kommt nicht alles zum Erliegen. Vielmehr hat ein Wettlauf um die Gunst der Aufmerksamkeit der unterschiedlichen Bedrohungslagen begonnen. Vulnerable Altersgruppen, Wirtschaftsbranchen, kulturelle Nischen – es ist eine Konkurrenz der besonderen Notlagen entstanden, deren Akteure es bislang nicht gewohnt waren, sich Gehör verschaffen zu müssen. Nun aber wird deutlich, dass das neuerliche Herunterfahren des öffentlichen Lebens mit der Angst einhergeht, marginalisiert zu werden.

Das hat auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters erkannt. Bei ihrer Forderung nach akuten Corona-Hilfen für Kulturschaffende verwies sie darauf, dass mehr als 1,5 Millionen Menschen, die als Bühnenbauer, Gesangstrainer, Maskenbildner etc. arbeiten, mehr als 100 Milliarden Euro zum Bruttoinlandsprodukt an Wertschöpfung beitragen. Die Kreativwirtschaft eben, mit der aber bislang nicht sonderlich kreativ umgegangen wurde. Es müsse über ganz andere Hilfsstrukturen gesprochen werden, forderte Grütters deshalb. Vor allem aber müsse der Lebensentwurf der Soloselbstständigen endlich ernst genommen werden. „In der Krise müssen wir gerade auf deren Probleme ganz anders reagieren als bisher.“

Die emotionalen und finanziellen Reserven sind aufgebraucht

Sieht man einmal davon ab, dass sich gerade die Kulturstaatsministerin von Amts wegen schon früher dieser Aufgabe hätte annehmen können, hat sie natürlich recht. Die Corona-Krise ist keineswegs die Ursache einer sozialpolitischen Malaise, aber in ihr laufen selbst die Leistungsfähigen und -willigen Gefahr, abgehängt zu werden. Corona entpuppt sich immer mehr als ein den sozialen Zusammenhalt zersetzendes Gift, das längst dabei ist, die finanziellen und emotionalen Reserven von Menschen aufzubrauchen, zu deren Selbstverständnis es gehörte, mit ihrer Lebensweise als Ausdruck des kulturellen Reichtums und der Vielfalt wahrgenommen zu sein. In der Redewendung vom Stillstand der Kultur artikuliert sich ein trotziges Paradox, da es diesen Stillstand nicht geben kann. Das abrupte Aussetzen künstlerischer und unterhaltender Angebote aber verändert die gesellschaftliche Kommunikation und Kultur in ihrem Kern.

Als besonders fatal hat sich dabei die Entscheidung herausgestellt, die sogenannten Soloselbständigen in der ersten Phase der Auszahlung von Corona-Hilfen an die Grundsicherung verwiesen zu haben. Die Freude darüber, dass der Staat in der Lage war, unbürokratische Hilfen für viele anbieten zu können, ist längst verflogen. Es zeigt sich nun auf dramatische Weise, dass das System staatlicher Transferleistungen immer auch Deklassierungs- und Demütigungserfahrungen mit sich bringt.

Die Formel vom „Fördern und Fordern“, die über die sogenannte Agenda 2010 einst als soziales Selbstertüchtigungsprogramm intendiert war, vermochte nie wirksam entfaltet zu werden und scheint nun auch jene zu lähmen, die man nicht eigens zu ihrem Beitrag zur Wertschöpfung hätte anregen müssen. Neben den finanziell zu beziffernden Kosten der Corona-Epidemie könnte eine der gravierendsten Folgen in einer noch kaum abzuschätzenden sozialen Lethargie bestehen, die in eine paternalistische Kultur der Bedürftigkeit umzuschlagen droht.

Corona enteignet

Die Sozial- und Steuerpolitik tut sich immer noch schwer, unregelmäßige Erwerbsarbeit, Bastelbiografien aus wechselnden Anstellungsverhältnissen und unternehmerischen Tätigkeiten mit Augenmaß zu bewerten. Auf besondere Weise wurde dies kürzlich in der lustig verpackten, aber bitter ernst gemeinten Intervention des Musikers Helge Schneider deutlich, indem dieser Finanzminister Olaf Scholz in einem mit der Schreibmaschine geschriebenen Brief darauf aufmerksam machte, dass eine lediglich auf einen Vergleichsmonat des Vorjahres berechnete Soforthilfe insbesondere eine Schieflage für unregelmäßig beschäftigte Künstler, Freiberufler und Soloselbständige birgt.

Wenn in diesen Tagen mit dringlichen Appellen dazu aufgerufen wird, die Kulturbranche nicht zu vergessen, die doch mit ihren bildnerischen und performativen Hervorbringungen einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung der Krise beitragen soll und kann, wird einmal mehr übersehen, dass „die Kultur“ aus sehr stark divergierenden Modellen gesellschaftlicher Produktivität hervorgeht und besteht.

Selbst wenn sich die Corona-Krise eines schönen Frühlingstages abschwächt, werden die strukturellen Veränderungen nicht verfliegen. So haben gerade die Akteure der Musikbranche in den letzten Jahren weitgehend wehrlos hinnehmen müssen, von den Reproduktionsbedingungen ihres Tuns abgekoppelt zu werden. Corona ist zum Synonym für das Zeitalter des Streamings geworden, und eine damit verbundene Enteignungsdynamik hat längst die künstlerische Produktivität insgesamt erfasst. Der Kultur-Lockdown führt nun auf bestürzende Weise vor Augen, dass selbst die Gewissheiten über die Präsenz und Aufführungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum erodieren.