Eine von zwei Schwestern.
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WashingtonNichts hat in den letzten Jahren so sehr gelitten wie das allgemeine Verständnis von Wahrheit, Fakten und Fälschung. Wenn man solch einen Satz hinschreibt, erscheint es nahezu zwangsläufig, beim sich anschließenden Gedanken auf Donald Trump zu kommen.

Nicht immer geht es dabei um dessen Strategien, Größe zu behaupten, Macht zu erhalten oder sie zu bekunden. Bisweilen geht es auch nur um die Kunst im Hintergrund. In Interviews, die im Trump Tower in New York aufgenommen wurden, war wiederholt das Gemälde „Les deux soeurs (Sur la terrasse)“ von Auguste Renoir zu sehen, von dem Trump versichert, das Original zu besitzen.

Tatsächlich befindet sich das Gemälde seit 1933 im Art Institute of Chicago. Da das Museum über einen lückenlosen Provenienznachweis verfügt und der Künstler laut Werkverzeichnis keine Replik des Bildes angefertigt hat, darf man mit einiger Gewissheit davon ausgehen, dass Trumps Bild eine Kopie aus fremder Hand oder eine Fälschung ist. So jedenfalls legt es der Kunstexperte Hubertus Butin in seiner gerade veröffentlichten Studie „Kunstfälschung. Das betrügliche Objekt der Begierde“ (Suhrkamp) nahe.

Das Beispiel ist nur ein weiterer Beleg für den obszönen, oft auch korrupt-verfälschenden Umgang des amerikanischen Präsidenten mit der Wahrheit. Nach vielfacher Empörung aber folgt die Resignation. Nichts schien die machtbesessene Karikatur eines demokratisch gewählten Repräsentanten des Souveräns davon abzuhalten, sich die Welt nach seinen Vorstellungen und Lügen zu formen, auch nicht die Corona-Krise. „Es gibt 15 Infizierte, und diese 15 werden in ein paar Tagen nahe null sein“, erklärte Donald Trump am 26. Februar.

Inzwischen sind in den USA mehr als 22.000 Menschen an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus gestorben. Auf die Frage, ob der Präsident viel zu spät reagiert habe, äußerte sich Anthony Fauci, der Direktor des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten am Wochenende lakonisch zurückhaltend: Wir konzentrieren uns auf Gesundheitsfragen, dann geben wir eine Empfehlung. Oft wird diese Empfehlung angenommen, manchmal nicht.

Fast scheint es, als hätte das Virus den Kampf zur Durchsetzung eines anderen Realitätssinns aufgenommen. Die Pandemie, so eine vorsichtige Zwischenbilanz, ist nicht die Zeit für Fälschungen.