Nicht nur die göttlichen Wege sind unergründlich. Auch die Schicksale vieler in Kriegen und Krisen verloren gegangener Kunstwerke. Doch soeben kehrte, welch spätes Wunder, ein seit 1945 verschollenes Gemälde des um 1850 sehr angesagten Berlin-Veduten-Malers Eduard Gaertner zurück ins Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen.

Das Museum hatte das mit seiner lichten gelben Farbe und den üppig belaubten, offensichtlich noch unter keiner Klimakrise leidenden Bäumen am Leipziger Platz fast schon impressionistische Blatt des Biedermeier-Künstlers (berühmt für das Gemälde  „Schlossfreiheit“) als verloren abgeschrieben. Doch plötzlich tauchte die beschauliche Flaniermeilen-Szene „Der Leipziger Platz in Berlin“, gemalt 1862, im Kunsthandel auf. Es sollte im September 2021 beim Auktionshaus Mellors & Kirk im englischen Nottingham versteigert werden. Nachdem es, nach einem Hinweis von Münchner Kollegen, von einer Kuratorin des Kupferstichkabinetts als Kriegsverlust zweifelsfrei identifiziert wurde, entschloss sich der private Einlieferer, dank Vermittlung von Nigel Kirk, dem Direktor des Auktionshauses, zur Rückgabe. Der ungenannte Besitzer schenkte das Bild umstandslos den Staatlichen Museen. Das schon wegen seiner stadtgeschichtlichen Bedeutung kostbare Motiv war kurz vor der Jahrhundertwende 1900 von einem Mäzen, dem Geheimen Kommissionsrath F. C. Glaser, großmütig an die „Sammlung der Zeichnungen“ der Nationalgalerie verschenkt worden. Diese Kollektion gehört heute dem Kupferstichkabinett.

1933 hatte Hitler sich das idyllische Stadt-Bild als Leihgabe in seine Reichskanzlei geholt, 1945 verlor sich jede Spur. Wie es nach England gelangte, bleibt Spekulation. „In den Sammlungen unserer Bibliotheken, Museen und Archive klaffen immer noch Lücken, die im und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind“, sagte SPK-Präsident Hermann Parzinger zu der anonymen Schenkung. Zahlreiche Werke wurden zerstört, andere nach Russland verbracht, wieder andere  wurden von Soldaten und Privatpersonen gestohlen.

Die Kunsthistoriker des Kupferstichkabinetts können ihrer Sammlung von Berlin-Motiven nun ein sehr spezielles - nämlich von einem Platz, der sich seit 160 Jahren durch Bebauung und Verkehr extrem verändert hat- eingliedern, es dem Publikum bald zeigen. Dieser Tage sahen sie es das erste Mal in natura. Selbst Gaertner-Kenner kannten das Motiv bislang lediglich von Reproduktionen und aus den Akten. Das Bild hat den Krieg und den Kunstraub  unbeschadet  überstanden. Das ist Grund zur Freude in diesen bedrückenden Zeiten, in denen Museumsleute in den ukrainischen Städten ihre Kunstwerke vor Putins Bomben verstecken müssen.