Abseits des sozialistischen Realismus: Ungarns Neo-Avantgarde in Berlin

Im Collegium Hungaricum ist das radikal-dynamische Schaffen inoffizieller ungarischer Bildkünstler der Nachkriegszeit zu sehen.

István Harasztÿ: „Hommage à Miklós Erdély“, 2003, montierte Holzfaserplatte.
István Harasztÿ: „Hommage à Miklós Erdély“, 2003, montierte Holzfaserplatte.Collegium Hungaricum/Mit freundlicher Genehmigung von István Harasztÿ

Zur West-Berliner Alltagserfahrung der Vorwendezeit gehörten die stillgelegten Geisterbahnhöfe des Ostens, die langsam von den Zügen der Berliner Verkehrsbetriebe durchquert wurden. Heinrich-Heine-Straße, Jannowitzbrücke usw. Noch in den späten 80er-Jahren dachte kaum jemand an eine „Wende“ – obwohl sie sich bereits abzuzeichnen begann.

Damals befand sich die Deutsche Film- und Fernsehakademie dffb im Deutschlandhaus am Theodor-Heuss-Platz, mit Blick auf die Leuchtschrift des SFB, dem Sender Freies Berlin. Ein 24-Stunden-Pförtnerdienst sorgte dafür, dass die Studierenden auch in der Nacht noch arbeiten konnten – ein Service, von dem vor allem die Nutzer des Raumes für High-Band-Videoschnitt ausgiebig Gebrauch machten, wie es sinngemäß im Archiv der dffb überliefert ist. Und auch, dass hier seit einiger Zeit Filme entstanden, die weder für das Kino noch für das Fernsehen konzipiert waren, sondern, inspiriert vom Punk, sich am Musik-Sampling und an der bildenden Kunst – den Dadaisten und Situationisten – orientierten. Die Autoren und Autorinnen dieser Arbeiten wollten die Sprache der Kinematografie dechiffrieren, um sie dann neu und nicht-linear wieder zusammenzusetzen.

In dieses Umfeld wurde auch der ungarische Filmregisseur und Medienpionier Gábor Bódy (1946–1985) eingeladen, um mit seinen Medienutopien Einfluss auf das Lehrprogramm zu nehmen. Bereits 1982 war Bódy DAAD-Stipendiat in West–Berlin und zwei Jahre zuvor Mitbegründer von „Infermental“, dem ersten Magazin für Videokunst, veröffentlicht auf Videokassetten. Er sah sich als Vermittler zwischen Ost und West zu Zeiten des Kalten Krieges.

 László Méhes: „Nabel“, 1975, Öl auf Leinwand 
László Méhes: „Nabel“, 1975, Öl auf Leinwand Collegium Hungaricum/Mit freundlicher Genehmigung der Galerie Neon

Dass Bódy auch aus dem Geist der Neo-Avantgarde in Ungarn arbeitete, zeigen zwei seiner Filme, die jetzt in der Gruppenausstellung „Magyar Neo-Avantgarde in den 1960er/1970er Jahren“ im Collegium Hungaricum zu sehen sind: in dem dreiminütigen Video „Dialog zwischen Ost und West“ von 1978 und in dem in Schwarz-Weiß gedrehten, splatterartigen Drama „Der Dämon in Berlin“ von 1982. Darin wandert der Dämon beunruhigt und desillusioniert über die Erde. Seine Unsterblichkeit und unbegrenzte Macht sind ihm eine wertlose Last. Bis er der schönen Tamara begegnet ... Die Berlinale 1986 ehrte Bódy posthum für sein Lebenswerk.

Die Filme bilden mit zwei weiteren Videoarbeiten – zum einen des als Fluxus-Künstler bekannt gewordenen abstrakten Malers und Wahlkölners Endre Tót, zum andern des Kunstautors Géza Perneczky, dessen Wirken als Bindeglied zwischen der ungarischen und internationalen Kunstszene von Bedeutung ist – den Rahmen dieser Ausstellung. Dazwischen reihen sich in Kojen Gemälde, Grafiken, Fotografien, Assemblagen von Künstlerinnen und Künstlern der inoffiziellen Kunstszene Ungarns, die mit neuen Mitteln die Tradition der klassischen Moderne fortsetzten. Viele von ihnen agierten im Untergrund und waren mit Deutschland verbunden. Die Schau ist sozusagen die Fortsetzung der parallel laufenden großen Ausstellung „Magyar Modern“ in der Berlinischen Galerie, in der die von den Nationalsozialisten zerstörte Kunstverbindung Ungarn-Berlin von 1910–1933 sichtbar wird.

Einen Meilenstein für diese Neo-Avantgarde bildeten 1968 und 1969 die Ausstellungen „Iparterv I und II“, benannt nach dem Ausstellungsort, einem damals staatlichen Industrie-Planungsbüro in Budapest. Sie dauerten nur wenige Tage, wurden jedoch prägend für viele ungarischer Künstler. Die Zensur umgehend hatten es die Mitglieder der Künstlergruppe erstmals geschafft, die strengen Strukturen der sozialistischen Kulturpolitik zu durchbrechen. Die ungarische Kunstszene hatte sich bereits in den 60er-Jahren die gestalterische Vielfalt der avantgardistischen Bewegungen der Vor- und Zwischenkriegszeit angeeignet und die Fühler in Richtung westlicher Kunstformen wie Abstraktion, Pop oder Minimal Art ausgestreckt.

István Nádler: „Essen-Werden“, 1972, Acyrl auf Leinwand
István Nádler: „Essen-Werden“, 1972, Acyrl auf LeinwandCollegium Hungaricum/Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und der Galerie Kisterem

Sie standen damit in scharfem Gegensatz zu Kunstauffassungen des sozialistischen Realismus. So wandte sich der Maler Imre Bak, 83, Mitinitiator der Iparterv-Bewegung früh ab von den tristen Braun-/Grautönen des Realismus und hin zur Farbfeldmalerei, wobei ihm eine Stuttgart-Reise, die er 1965 zusammen mit dem Malerfreund István Nádler unternahm, zum Schlüsselerlebnis wurde. In der Galerie Müller trafen sie neben Thomas Lenk und Günther Uecker auch auf Werke der Amerikaner Frank Stella und Ellsworth Kelly.

Die Werke symbolisieren einen Wendepunkt in der modernen Kunstgeschichte Ungarns: Der Autodidakt István Harasztÿ brachte die kinetische Kunst ins Land. Endre Tót wiederum experimentierte mit informeller Malerei und László Méhes stellte auf der Ipartev-Ausstellung das erste ungarische fotorealistische Gemälde aus. In einer anderen Koje spiegelt die feministisch-performative Fotoserie „Schwarzrasieren – Gedicht (Würzburg)“ von 1978 Katalin Ladiks provokante Aktionskunst: Darauf trägt sie über einem schwarzen Ganzkörpertrikot BH und Unterhose und simuliert einen Striptease.

Die Ausstellung bildet den zweiten Teil einer Art Trilogie rund um die ungarische Moderne. Auch wenn die Werke für sich sprechen, wäre es hilfreich, wenn die Veranstalter die Biografien der 25 ausgestellten Künstler in Kurzform mit auslegen würden. Denn dadurch ließe sich die künstlerisch-radikale Dynamik, die dieser Bewegung innewohnte, noch besser nachvollziehen.

Collegium Hungaricum, bis 20. Dezember und nach der Festtagspause vom 9. bis 27. Januar 2023, Mo.–Fr. 13–18 Uhr, Eintritt frei