Es geht wieder los: Mit über 200 Projekten an 180 Orten wird Neukölln vom 24. bis zum 26. Juni für 48 Stunden zu einem lebendigen Ort der Kultur und des flirrenden Austauschs. Diesjähriger Titel ist das türkische Sprichwort „Kafayı yemek“, was wörtlich übersetzt „Ich esse meinen Kopf“ heißt. Angewandt klingt das ungefähr so: „Der Sonnenuntergang ist so schön: Ich esse meinen Kopf“ oder „Es gibt so viel Arbeit: Ich esse meinen Kopf.“ Das Thema ist also emotionale Überforderung.

Neukölln ist einer der Bezirke, der in den letzten Jahren wohl eine der größten Wendungen durchgemacht hat. Die Mieten sind hier von 2007 bis 2018 um 146 Prozent gestiegen, mehr als in jedem anderen Bezirk. Und nirgendwo sonst treffen so viele verschiedene Lebensrealitäten tagtäglich aufeinander. Früher noch als Problembezirk verschrien, heute erster Anlaufort für partyhungrige Touristen, öffnet der Bezirk für 48 Stunden Neukölln seit 1999 dank einer Gruppe engagierter Kulturarbeiter Kulturorte wie das Kindl oder die Galerie im Körnerpark, aber auch seine Hinterhöfe, Passagen, Privatwohnungen und Orte, die man sonst nicht sieht oder die man noch nicht kannte.

Eisstadion Neukölln

Die Auftaktveranstaltung findet am Donnerstag ab 17 Uhr im Eisstadion unter dem Titel „Breaking the Ice“ zusammen mit İç İçe – Festival für neue anatolische Musik statt. Bei den Temperaturen ist wohl alles mit Eis im Namen verführerisch, und eine Eisbahn im Sommer zu betreten, hat (zumindest in der Vorstellung) etwas davon, nachts allein im Museum zu sein. Bis 23 Uhr gibt es Konzerte, Performances, eine Panel-Runde und Musik unter anderem von Kara Delik und Prens Emrah.

Wenn man dann eingestimmt ist, kann es losgehen, die folgenden Tipps sind freilich nur ein Bruchteil der vielen spannenden Projekte, die es zu erleben gibt. Auf keinen Fall sollte man versäumen, sich auch einfach ein paar Stunden lang durch den dunstig aufgehitzten Tag treiben zu lassen und zu sehen, an welchem überraschenden Ort man angespült wird.

Donnerstag, 23. Juni, 17–23 Uhr, Oderstraße 182

SomoS

SomoS ist ein offener, nicht kommerzieller Kunstraum, der Kuratoren und Künstler gleichermaßen unterstützt. Durch die Sichtbarkeit, die Ausstellungen mit sich bringen, aber auch mit Künstlerresidenzen. Jetzt kann man in dem Eckhaus am Kottbusser Damm die Ausstellung „Pressure Drop“ sehen, die sich damit befasst, wie man den Druck des Alltags und des Lebens produktiv ablassen kann. Dabei werden ganz unterschiedliche Methoden von Künstlern aus unterschiedlichsten Kulturen vorgestellt, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben.

Kottbusser Damm 95, https://www.somos-arts.org/de/

Kunstbrücke am Wildenbruch

Die Kunstbrücke ist eine historische Toilettenanlage, die lange leer stand und die nun zu den kommunalen Galerien Neuköllns gehört. Der Raum, der von der Straße kaum zu sehen ist, wird über eine kleine Treppe erreicht. Traditionell arbeitet man dort mit Künstlern, die sich in ihrer Arbeit mit dem speziellen historischen Hintergrund des Ortes auseinandersetzen, der erst kürzlich vorsichtig renoviert wurde. Anlässlich von 48 Stunden Neukölln ist dort die Gruppenausstellung „Aliens are temporary“ zu sehen. Die Schau wird zu Beginn noch recht karg sein und soll im Verlauf des Festivals an andere Orte weiterwuchern, zum Beispiel ins Künstlerhaus Bethanien. Jede dieser Mutationen, die von einem potenziell besseren Leben und wie das aussehen könnte, berichtet, wird von einem literarischen Text begleitet.

Weigandufer Ecke Wildenbruchbrücke, neben der Anlegestelle, https://kunstbruecke-am-wildenbruch.de/de

Alte Tankstelle

Die alte Tankstelle an der Sonnenallee unweit des Hermannplatzes ist einer dieser besonderen Orte, die inmitten des absoluten Trubels stillzustehen scheinen. Zumindest für den Moment. Während des Festivals wird auf dem Dach der Tankstelle eine Augmented-Reality-Installation zu sehen sein: „ENNUI“. Zu Deutsch: „Langeweile“. Aber vielleicht auch Lethargie oder Sommerdepression. Schwer und unmotiviert lassen zwei Figuren die Beine vom Dach der sich langsam zersetzenden Tankstelle baumeln. Die Multimedia-Künstlerin Aygüler Funda Zeynep hat die beiden Typen entwickelt, die man über seinen Handybildschirm beim Nichtstun beobachten und sich vielleicht inspiriert oder sogar verstanden fühlen kann.

Sonnenallee 9

Vivantes Tagesklinik

Die Tagesklinik gehört zum Klinikum Neukölln und ist Teil der psychiatrischen Abteilung. Für 48 Stunden Neukölln öffnen die Patienten, aber auch die Therapeuten ihre Türen und zeigen, welche Kunst dabei herauskommt, wenn man sie nutzt, um Traumata zu verarbeiten. Kunst als Ventil für das Chaos im Kopf, bevor man seinen Kopf isst, um beim Motto des diesjährigen Festivals zu bleiben.

Emser Straße 31

Helene-Nathan-Bibliothek

Die Stadtbibliothek Neukölln hat wohl einen der spektakulärsten Ausblicke über die Stadt zu bieten. Jetzt ist dort die Videoinstallation „Self & Selfiebility“ der Künstlerin Lorina Speder zwischen den Bücherreihen zu sehen. Die Künstlerin selbst nimmt in dem Video die gleiche Pose ein wie Caravaggios Narziss, der sich voller Vorfreude auf sein eigenes Spiegelbild am Boden kniend über die Wasserlache, in der er hofft, sein Spiegelbild zu entdecken, beugt. Hier ist die Pfütze durch das Smartphone ersetzt und die Künstlerin ergeht sich nicht nur in der versunkenen Betrachtung ihrer selbst, sondern hält diesen Vorgang auch noch als Selfie fest. Man wird hier herrlicher Voyeur eines peinlich-intimen Moments, der direkt danach, wenn das Selfie mit den eigenen Followern geteilt wird, öffentlich ist.

Karl-Marx-Str. 66, in den Neukölln Arcaden, Parkdeck 4, https://www.berlin.de/stadtbibliothek-neukoelln

48 Stunden Neukölln, Kafayı yemek/Ich esse meinen Kopf, 24.–26.6.