Dieser 100-tägige Kunstparcours mit dem Titel „Still Present“ wird keine geile Party. Das Leben ist schön, aber die Welt ist aus den Fugen. Die seit 1998 im Berliner KW Institut für zeitgenössische Kunst gegründete Berlin Biennale, dieses Experimentallabor der jungen, engagierten Kunst, die nicht zu förderst nach dem monetären Kunstmarkt lechzt, war thematisch noch nie so aufgeladen vom Weltgeschehen, von Krisen, Konflikten, Kriegen wie jetzt.

Was lastet nicht alles auf den Schultern, den Gedanken, Gefühlen, dem Handeln der menschlichen Spezies: extremer Klimawandel, die Corona-Pandemie, ungerechte Verteilung der Güter, turbokapitalistische Ausbeutung von Menschen, Natur und lebensnotwendigen Ressourcen. Völker und ethnische Gruppen leiden unter dem Postkapitalismus. Es gibt millionenfache Flucht und Vertreibung, Terror, Rassismus und Xenophobie. Und die oft irritierenden Fragen nach der Identität. Nun herrscht seit über 100 Tagen Krieg in Europa. Putins Aggressionskrieg gegen das Bruderland Ukraine.

Auch dieser am Freitagabend eröffnende 100-tägige Kunstparcours (11. Juni bis 18. September) wird von der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Drei Millionen Euro beträgt der Etat, den die Kulturstiftung des Bundes und weitere institutionelle und private Förderer finanzieren. Der staatliche Mäzen gewährt den Machern ein hohes Maß an Autonomie. Abermals beziehen sich viele Biennale-Beiträge auf die Geschichte Berlins und denkwürdige Orte wie auf den Pariser Platz und die einst jüdisch bewohnte Spandauer Vorstadt, wo sich das KW-Institut, Gründungsort der Berlin Biennale, befindet. Auch auf jene heutige Brache, unter der sich einst Hitlers Reichskanzlei mit Bunker befand, ein paar Schritte weiter vorn, in der Wilhelmstraße Nr. 92, hat die Türkin Nil Yalter die Fenster mit einer riesigen Fototapete überzogen, Porträts von Frauen und Kindern, darüber blutrote Schrift in Arabisch und Türkisch - gegen patriarchalische Gewalt und neokoloniale Unterdrückung. Und die Anklage: Exil ist harte Arbeit!  Ein denkwürdiger Biennale-Ort ist auch die Stasi-Zentrale in Lichtenberg. Erinnerungskultur an Diktatur und Schreibtischtäter.

Kader Attia: „Kunst kann uns helfen, in diesen obskuren Zeiten zu überleben“

In die vorbereiteten Ausstellungen der Werke von rund 85 Künstlerinnen und Künstlern kann der Ukraine-Krieg nicht mehr bildhaft eingehen, aber er ist sehr wohl Thema, konkret wie universal. Denn der Kurator Kader Attia, Jahrgang 1970, ist überzeugt, dass Kunst zwar keine Waffe, wohl aber ein Heilmittel ist. „Kunst kann uns helfen, in diesen obskuren Zeiten zu überleben“, sagte er kürzlich mit Nachdruck in einem Gespräch. Der Bildhauer ist Franzose mit algerischen Wurzeln. Seit Jahren befasst er sich mit den Themen Gewalt, Dekolonisierung, mit der Rückgabe von Raubkunst und der Heilung von gesellschaftlichen und kulturellen Verletzungen und Traumata. „Ich sehe“, erklärt er, „in der Kunst eine Möglichkeit des kulturellen Widerstands, als eine Art Handlungsmacht, die in unterschiedlichen Praktiken und Wissensformen Ausdruck findet.“

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Keine Berlin Biennale läuft ohne sie: Gabriele Horn, die Direktorin des alle zwei Jahre stattfindenden internationalen Kunstereignisses, das 1998 in den Kunstwerken Auguststraße gegründet wurde.

Er hat mit Gabriele Horn eine erfahrene Berliner Biennale-Macherin der ersten Stunde an der Seite. Und im Kuratoren-Team gibt es noch mehr Frauenpower: Ana Teixeira Pinto aus Berlin, Do Tuong Linh aus Hanoi, Marie Helene Pereira aus dem Senegal, Noam Segal aus New York und Rasha Salti aus dem Libanon. Was er dick unterstreicht: „Wir arbeiten auf Augenhöhe!“ Alle kennen den internationalen Kunstbetrieb. Sie lehren, forschen, publizieren, gründeten Projekte, verantworteten bereits wichtige Ausstellungen und Festivals. So wie Rasha Salti soeben mit der Triennale der Photographie im Hamburg. „Zusammen wollen wir Debatten entfachen“, so Attia, „wo gemeinsam nach Wegen gesucht wird, für das Jetzt und das Morgen Sorge zu tragen“.

Er hat dieses Anliegen bereits auf der Documenta 13 deutlich gemacht, damals mit Skulpturen von zerschossenen, zusammengeflickten Soldatengesichtern aus dem Ersten Weltkrieg, die an Dix-Bilder zur grausamen Materialschlacht von 1914 bis 1918 erinnern. Attia kombinierte diese entstellten Menschenbilder mit afrikanischen Masken. Metaphern des Existenziellen, der Gewalt, des Kolonialismus und Militarismus. Er nennt es einen Trugschluss, zu glauben, dass einst kolonialisierte Länder wirklich frei seien, nur weil sie die staatliche Unabhängigkeit erlangt haben. In Wahrheit hätten sich die Bedingungen nur verschoben, werde der Neokolonialismus mehr oder weniger geschickt verdeckt. Attia sagt, er habe es bei seinen vielen Aufenthalten in Algerien immer wieder erlebt: Die Menschen müssten sich als Individuen „dekolonialisieren“, das heißt, der Prozess der Bewertung, Beurteilung und der Vermessung, Kategorisierung und Kontrolle durch vermeintlich Stärkere und Besserwissende, die anderen ihre Lebensweise, Kultur, Staatsform, gar ihren vermeintlichen „Fortschritt“ aufzwingen, müsse aufhören.

Die Berlin Biennale ist ein globales Kunstlabor mit politischer Relevanz

Als Künstler denke er intensiv über den Faschismus nach, sagt Attia. Und als Denker und Aktivist kommt er zu dem Schluss: „Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass Faschismus Wahnsinn ist. Er ist eine politische Agenda!“ Jetzt macht er auf der Berlin Biennale diesen Ansatz zum Programm, das Künstlerinnen und Künstler sowie das Publikum in eine kritische Debatte hineinzieht. In einem „open space“ zur gemeinsamen Suche nach Wegen, für das Jetzt Sorge zu tragen und noch mehr Unheil abzuwenden.

„Die Welt soll ein wenig gerechter und damit lebbarer gemacht werden“. Mit dieser Botschaft startet diese 12. Berlin Biennale. Ein globales Kunstlabor mit politischer Relevanz.

Die Biennale-Orte: Institut Kunst-Werke Auguststraße, AdK Pariser Platz, AdK Hanseatenweg, Hamburger Bahnhof, Rieck-Hallen, Stasi-Zentrale, Campus für Demokratie, Ruschestraße und Orte der dekolonialen Erinnerungskultur in der Stadt