Berlin - Geraubtes Gut, das im Wissen um den Raub von Dritten erworben wurde, muss zurückgegeben werden. Und zwar ohne Entschädigung. Genau dieser uralte Rechtsgrundsatz soll jetzt endlich in Deutschland für jene Benin-Bronzen gelten, die britische Truppen 1897 in der heute zu Nigeria gehörenden Hauptstadt des Königreichs Benin plünderten. Via Versteigerung in London gelangten sie seit 1898 in die Museen etwa von Berlin, Hamburg, Leipzig, Stuttgart oder München, in britische Städte, nach Paris, Wien und in die USA sowie auf den internationalen Kunstmarkt.

Die Repatriierung der etwa 1000 Exponate in deutschen Museen wurde am Donnerstagabend nach einer Online-Tagung der 2008 begründeten Benin Dialogue Group aus Museumsdirektionen, Länderministern und Verwaltungen beschlossen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters kündigte „erste substanzielle Rückgaben“ sogar schon im Verlauf des Jahres 2022 an.

Das ist nun offenkundig neben „größtmöglicher Transparenz“ das zentrale Ziel der Bundes-Museumspolitik. Um beides, Rückgabe wie Transparenz, zu organisieren, solle das seit Jahrzehnten von Forschern verlangte Register aller in deutschen Museen befindlichen Kulturgüter, die möglicherweise aus Benin stammen, erstellt sowie die Umstände ihres Erwerbs geklärt werden. Es gehe darum, so Grütters, sich „Deutschlands kolonialer Vergangenheit“ zu stellen. Dazu gehöre auch das sekundäre Profitieren etwa durch Ankäufe von Raubgut auf dem Kunstmarkt. Der Beschluss sei „eine historische Wegmarke im Umgang mit der kolonialen Vergangenheit“.

Das Verfahren kann auf alle kolonialzeitlich erworbenen Bestände angewandt werden

Das ist eine Untertreibung der absehbaren kultur- und museumspolitischen Folgen dieser Entscheidung. Zwar handelt es sich vorerst „nur“ um die legendären, aus unterschiedlichen Metalllegierungen gegossenen Büsten und Reliefplatten, Tierskulpturen oder Prachtgeräte, die seit dem 16. Jahrhundert im Königreich Benin entstanden. Aber das beschlossene Verfahren – Katalogisierung der Bestände, das Signal grundsätzlicher Rückgabebereitschaft, gemeinsame Forschung und Verhandlungen über Leihgaben – kann ohne Weiteres auf alle kolonialzeitlich erworbenen Bestände angewandt werden, deren Herkunft nicht eindeutig als aus wenigstens halbwegs gleichberechtigten Handelsgeschäften zu klären ist.

Schon in den 1930er-Jahren forderte der Königliche Hof Benins von Großbritannien die Herausgabe nicht nur der Bronzen, sondern auch der anderen geplünderten Kulturgüter, vor allem Elfenbein- und Holzschnitzarbeiten. Diese waren nämlich nicht, wie in Europa und Nordamerika behauptet wurde, frei verhandelbare „Kunst“ oder gar „Dekorationen“ des 1897 niedergebrannten königlichen Palasts, sondern eine Art Staatsarchiv. Sie dokumentierten wichtige Ereignisse, zeigten die Macht der Herrscher, auch ihren Wohlstand, der seit dem 16. Jahrhundert wesentlich durch den Handel mit Sklaven erwirtschaftet wurde: Etwa 30 schwere Messingringe, gefertigt auch aus Metall, das in Südamerika geschürft worden war, erhielten die Oba der Benin von den Portugiesen für jeden der Menschen, die dann weiter per Schiff in die Kolonien Südamerikas verschleppt wurden. Diese herrlichen Kunstwerke stehen also auch für Gewalterfahrungen, für die engen kulturellen, wirtschaftlichen und emotionalen Verbindungen zwischen Europa, Afrika und den Amerikas, für den „Schwarzen Atlantik“.

Die deutschen Museen vergaben eine einzigartige Chance

Nachdem die DDR 1985 schon im Pergamonmuseum ihre antikoloniale Solidarität mit Nigeria durch eine Benin-Ausstellung gezeigt hatte, wurde 2007/08 eine neue epochale Benin-Ausstellung um die Welt gesandt, nun nach Wien, Paris, Berlin-Dahlem und Chicago. Sie beleuchtete grandios die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Hintergründe der „Hofkunst“ Benins. Bei der Eröffnungspressekonferenz forderte der Oba von Benin wieder von Großbritannien die Rückgabe aller dort befindlichen Beutestücke. Für die Objekte in deutschen Museen hingegen plädierte er, weil die Käufe aus damaliger Sicht legal gewesen seien, auf eine gegenseitige Leihpolitik und die Rückgabe nur von rituell und kulturhistorisch besonders wichtigen Objekten. Doch die deutschen Museen vergaben diese einzigartige Chance, agierten zögerlich, hatten auch oft zu wenig Geld, um anständige Herkunftsforschung zu betreiben. Vor allem zeigten sie sich – ganz ähnlich wie in den vielen Fällen von Kulturgutraub in der Nazizeit – nicht offensiv verhandlungsbereit. Das verhärtete die Positionen bis hin zu der kulturell unsinnigen Forderung, alle Sammlungen zurückzugeben.

Inzwischen ist in den Museen eine neue Generation in die Direktionsebenen vorgedrungen. Sie betrachtet sich als Teil einer weltweiten Forschergemeinschaft, die Eigentum weit weniger wichtig findet als die Erhaltung der Objekte und die Möglichkeit der historischen Erkenntnis. Für diese Kuratoren-Generation sind Bücher wie Moritz Holfelders „Unser Raubgut“ (Ch.-Links-Verlag 2019) oder das die jahrzehntelange Hinhaltepolitik der Museen aufdeckende Werk Bénédicte Savoys „Afrikas Kampf um seine Kunst“ (C. H. Beck 2021), aber auch das angekündigte Buch von Götz Aly über das Kriegsschiff von der Südseeinsel Luf (S.-Fischer-Verlag 2021) kein Angriff auf das Selbstbewusstsein mehr.

Auch die Politik hat neue Perspektiven gewonnen. Afrika ist wieder wichtig. Es ist kein Zufall, dass Nigeria, Kenia, Kongo oder Tansania im Zentrum der Rückgabedebatten stehen. Dies sind die wirtschaftlich stärksten Staaten Afrikas, aber auch diejenigen, in denen der Einfluss Chinas ununterbrochen steigt. Die europäischen und amerikanischen Museen haben hier die Aufgabe, die Vorteile des westlichen Gesellschafts- und Demokratiemodells und seiner Aushandlungstechniken zu vertreten. Auch deswegen muss die Bestandserforschung finanziert werden, braucht es neue Lehrstühle, viel mehr Personal in den Museen, Aufträge für Forschende aus den einstigen Kolonialgebieten, sehr viel Geld, um dortige Museen zu unterstützen. Die Frage ist letztlich, wie viel Erkenntnis sich die einstigen Kolonialgesellschaften wirklich wünschen. Bisher sind die strahlenden Benin-Bronzen nur ein Symbol, sie könnten aber ein Vehikel für eine neue Zusammenarbeit sein.