Kunst-Roadtrip von L.A. nach New York: Jetzt zu sehen in Kreuzberg

„In Order of Appearance“: Die New Yorkerin Anna K. E. zeigt in der Galerie Thumm gemalte Avatare.

Avatare aus dem Ringbuch von Anna K. E. 
Avatare aus dem Ringbuch von Anna K. E. Galerie Barbara Thumm/Jens Ziehe

Die junge New Yorker Künstlerin Anna K. E. hat einen Blick auf Leute und in deren Gesichter, den man in der Kunst den „fotografischen“ nennt. Aber sie malt und zeichnet mit bunten Ölfarben keine abbildgetreuen Porträts. Es sind expressive, abstrahierte, stilisierte Typen, die sie auf einem Tableau von 33 Papierformaten an die Stirnwand der Kreuzberger Galerie Thumm gebracht hat. Die Blätter einer Reiseerzählung sind aus einem Ringbuch gerissen, schlicht gerahmt, aber auf übergroßem lackiertem Passepartout präsentiert, als handele es sich um Ikonen. Und die Nummer elf mittendrin, das ist Anna K. E. selbst, in einer Reihe mit allen andren „Mitwirkenden“ dieses kunterbunten Auftritts. „In Order of Appearance“ ist das Ergebnis und das Sinnbild eines Roadtrips von Los Angeles nach Hause, nach New York, durch viele US-Bundesstaaten, absolviert auch gerade während der Pandemiezeit.

Sie selbst stellt sich mit einer expressionistischen Maske dar, in einer fragenden, wach und neugierig in die Welt blickenden Haltung wie auf dem bekannten Bildnis der von Picasso gemalten Sammlerin Gertrude Stein, das im MoMA hängt. Ein anderer Kopf gleicht dem von Micky Maus, ein nächster wirkt wie eine aztekische Maske. Und ein weiterer hat die Form der hypertrophen Blüten der Malerin Georgia O’Keeffe. Weiblich oder männlich, Kind oder alter Mensch, schwarz oder weiß, das ist bei der Farbintensität nicht auszumachen. Es sind einfach nur Menschen, ihr Gesichtsausdruck – abstrahiert, konstruktivistisch, geometrisch oder als Ornament.

 Anna K. E. beim Aufbau ihrer Ausstellung  „In Order of Appearance“
Anna K. E. beim Aufbau ihrer Ausstellung „In Order of Appearance“Galerie Barbara Thumm/Jens Ziehe

Intime Haltepunkte in der digitalen Welt

Die Malerin nennt diese Typen „Avatare“: „Sie haben keine Ähnlichkeit mehr mit der Person, der ich begegnete. Es sind meine Erinnerungen an sie, an ihr charakteristisches Aussehen, ihre Mienen, ihren Habitus.“ Anna K. E., die von vorangegangenen Berliner Ausstellungen und der Brandenburgischen Sommerschau „Rohkunstbau“ im Spreewald als Konzeptkünstlerin in Erinnerung ist, betont auch hier wieder ihr konzeptuelles Herangehen. Ihre 33 Porträt-Abstraktionen, aufgereiht wie die Darsteller eines Bühnenstückes im Finale, reizen unsere Fantasie, inspirieren Assoziationen.

Unser alltäglicher Gebrauch von Computerbildern, Smartphones, Internet und Social Media lässt unsere Augen eher alles in Rastern sehen. Das stumpft oft ab. Anna K. E.s handgemachte analoge Ölfarbeporträts sind wie kleine (intime) Haltepunkte in der digitalen Bilderflut. Und sie gibt vor den Bildern in einer mobilen gläsernen Dusche, aus der es wispert und flüstert, die stimmlosen Sprachlaute dieser anonymen Vertreter der menschlichen Gemeinschaft wieder. Witzig und denkwürdig.

Galerie Barbara Thumm, Markgrafenstr 68, bis 17. Dez., Di.–Sa. 11–18 Uhr