Berlin - Bis Karfreitag führt der Zugang zur sonst so lichten Ausstellungskirche St. Matthäus am Berliner Kulturforum durch tiefes Schwarz. Einem Schacht-Stollen ähnlich verschluckt mich die Dunkelheit eines 18 Meter langen Gangs. Es geht allerdings nicht nach unten, es ist eher ein Tunnel. Kein Gefühl „von guten Mächten wunderbar geborgen …“, wie es der von den Nazis ermordete Pfarrer Dietrich Bonhoeffer an diesem Ort gepredigt hat.

Jetzt kommt eher das, was Goethe in einem Brief an Lavater „nur noch aus der Wahrheit der Sinne“ nannte. Mein Augensinn versagt. Dafür rieche ich versengtes Holz, Leim, die textile Wandverkleidung. Ich taste mich voran, stoße ständig an. Das Gleichgewichtssystem muss parieren, denn wo der Ausgang ist, weiß ich nicht. Gedämpftes Poltern hinter der Wand, Geräusche von zögerlichen Schritten und tastenden Händen. Da sucht also jemand, so wie ich, nach einem orientierenden Lichtstrahl. Aber es bleibt stockdunkel. Der Gang führt nach links, dann irre ich zurück; es geht nach rechts. Schließlich wieder geradeaus. Das Labyrinth entschlüsselt sich mir als Passage im Kreuzgang. An dessen Ausgang tut sich der weiße Kirchenraum auf: Erleichterung. Eine Art Erlösung: Meine Sinne haben den Test bestanden!

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