„Entarteter“ Vorreiter: Die Galerie Max Hetzler zeigt Hans Hartung

Der Deutsch-Franzose Hans Hartung zählt zur stillen Nachkriegsavantgarde. Wie folgenreich seine Abstraktionen für die heutige Kunst sind, zeigt die neue Schau.

Hans Hartung malte „T1962-U8“ 1962 , Vinylic auf Leinwand
Hans Hartung malte „T1962-U8“ 1962 , Vinylic auf LeinwandVG BIldkunst Bonn 2022/Galerie Max Hetzler

Als Hans Hartung am 8. Dezember 1989 im französischen Antibes aus dieser Welt schied, hinterließ er im Atelier 16.000 Werke. Heute kann man sie dort in der Stiftung Hartung-Bergman sehen. Letzterer ist der Name seiner norwegischen Frau, die er viele Jahre nach der Scheidung 1938 wieder traf – und 1957 ein zweites Mal heiratete.

Am Ende seines Lebens sah Hartung aus dem Exil im Fernsehen, wie in seiner früheren Heimat Deutschland der Eiserne Vorhang fiel, die Grenzanlagen abgebaut wurden. Dass es in seiner Geburtsstadt Leipzig schon länger politisch heftig rumorte, die DDR-satten Leute auf den Straßen, in der Thomaskirche nach Freiheit und Demokratie riefen und sich in der Nacht vom 9. zum 10. November die Berliner Mauer wie Sesam öffnete, bewegte ihn tief. Der Künstler, der als kleiner Junge in der Leipziger Dachwohnung zuckende Blitze zeichnete, um seine Angst vor Gewittern zu bändigen, malte eine Woche nach dem Mauerfall das Bild „T1989-N10“. Ein letzter Kraftakt vor dem nahenden Tod: Ein amorphes Gebilde, denkbar als Landschaft, aus der sich die deutsche Tragödie verzieht. Wo Helles das Düstere verdrängt und gute Mächte die bösen vertreiben.

Fast eine Ikarus-Metapher: Hans Hartungs „Untitled“, 1956, India Ink auf Papier
Fast eine Ikarus-Metapher: Hans Hartungs „Untitled“, 1956, India Ink auf PapierVG BIldkunst Bonn 2022/Galerie Max Hetzler

Hartung hat Leipzig nicht mehr wiedergesehen; das Schicksal teilte er mit dem ebenfalls früh aus der sächsischen Messestadt weggegangenen, 1950 im New Yorker Exil gestorbenen Maler Max Beckmann. Erst 18 Jahre nach Hartungs Tod widmete ihm seine Geburtsstadt eine Schau.

Hartung verlor im Krieg gegen die Wehrmacht ein Bein

Und nun sehen wir in der Berliner Galerie Max Hetzler anhand von 50 Bildern einen Querschnitt seines Schaffens – von einer Handvoll figurativer Aquarelle und abstrakten Tuschen der 1920er-Jahre über die explosiven Sprühbilder der 1980er. Neben „T1989-N10“ hängt ein Bild von 1988. Es muss die Erinnerung an einen Sommerhimmel sein: ein blau gepunktetes Strahlen oben, unten von schwarzem Liniengewirr durchzogen, der Stil wie bei spätimpressionistischen Pointillisten. In Hartungs Lebenserinnerungen liest man, seine Art zu malen sei „einfach ein neues Ausdrucksmittel, eine andere menschliche Sprache – direkter als die frühere Malerei“.

Gegner der Abstraktion behaupten ja gern, sie sei beliebig und nichtssagend. Hartung indes beweist, wie direkt ein Maler seine Gefühle auch im Ungegenständlichen ausdrücken kann. „Informel“ heißt dieser dynamisch-gestische, mal harte, mal lyrische abstrakte Stil in Deutschland und sein namhaftester Vertreter war Emil Schumacher aus Hagen. Die Franzosen sagten zu dieser Malerei „Tachismus“ und dessen Protagonisten waren Hartung und seine Freunde – der aus Berlin stammende Wols, der kürzlich mit 102 Jahren gestorbene Pierre Soulages und Serge Poliakoff.

Der junge Hartung, einst Student an den Akademien in Dresden, Leipzig und schließlich München, malte schon vor der NS-Zeit und dem Krieg abstrakt. Das war in München genauso gefährlich wie in Berlin. Der „Entartetete“ emigrierte 1936 nach Paris, war „staatenlos“, kämpfte bei der Fremdenlegion gegen die Wehrmacht, verlor 1944 bei einem Angriff sein rechtes Bein. Aber er bekämpfte auch das Trauma, forcierte nach 1945, französischer Staatsbürger geworden, den dynamisch-gestischen Stil, gründete mit den Gefährten das Informel, die europäische Erwiderung auf das amerikanische Action Painting.

Hans Hartung: „T1937-8“, 1937, Öl auf Leinwand
Hans Hartung: „T1937-8“, 1937, Öl auf LeinwandVG Bildkunst Bonn 2022/Galerie Max Hetzler

Einige von Hartungs Gemälden gehören heute der Neuen Nationalgalerie Berlin. Das Markanteste ist „Schwarz auf Rostbraun“ von 1957, eine energetische Pathos-Geste. In meiner Fantasie zeigt es ein zerreißendes Vogelgefieder oder eine Ikarus-Metapher. Berlins Kupferstichkabinett bekam 2010 von der Witwe des Malers 213 grafische Blätter geschenkt, zwischen 1921 und 1984 entstandene Lithografien und Radierungen, Heliogravüren, Linol- und Holzschnitte. Ein Teil der Gabe war damals zu sehen – eine der raren Hartung-Ausstellungen in Deutschland.

Drei Documentas, ein Goldener Löwe

Was die Galerie Hetzler in der einstigen Druckereihalle an der Potsdamer Straße ausbreitet, ist ein Œuvre, das sich durch spontane, emblematische Kompositionen auszeichnet und das Zusammenspiel von Farbfeld und Linie erkundete. Mit diesen Arbeiten kam Hartung, der sich auch der Münchner „Zen 49“-Gruppe angeschlossen hatte, auf die ersten drei Documentas nach Kassel, 1960 bekam er auf der Biennale in Venedig den Goldenen Löwen.

Wir stehen vor den atmosphärischen Bildern der 1960er-Jahre, staunen über die gewaltigen Bildlinien der 1970er-Jahre, über die Energie der riesigen Pinselstriche der 1980er-Jahre. In frühen wie späten Papierarbeiten reizt das grafische Spiel schwarzer Linien auf hellem Grund unsere Fantasie, lässt an chinesische Tuschezeichnungen denken. Die Farbflächen der Acrylbilder auf Baryt-Karton glänzen und kontrastieren, als hätte ein Pop-Art-Maler den Pinsel geschwungen. Und da ist dieses ungewöhnliche Doppel-Bild von 1938/1945, Titel „T1945-1“, ein zweiseitiges Gemälde, das seit damals nur ein einziges Mal gezeigt wurde. Es gibt die Melancholie des Emigranten und die Verzweiflung des Kriegskrüppels wieder.

Der Maler Hans Hartung im Jahr 1971
Der Maler Hans Hartung im Jahr 1971Anna-Eva Bergman

Hartung war mit seinem systematischen Erproben und Ausloten gestischer Bewegungen und technischer Ausdrucksmöglichkeiten ein wegweisender Vorläufer der gegenstandslosen Malerei nach dem Krieg – ein ganz anderer als Pollock, der wie in Trance maskuline Metaphern auf die Leinwand schleuderte oder tröpfelte.  Hartung sprach vom „spontanen Kalkül“. Manche Bilder strahlen Ruhe aus, andere Schwermut, Dynamik, Schmerz und Wut. „Meine Malerei“, schrieb er, „wird von der Wirklichkeit geformt, sie reagiert auf Erschütterungen, die von außen und von innen kommen.“

Galerie Max Hetzler, Potsdamer Str. 77–87, bis 14. Januar, Di–Sa 11–18 Uhr