Anne Schönhartings Reisen in die Wohnungen der Charlottenburger Upper Class

Die Ostkreuz-Fotografin Anne Schönharting fotografierte zehn Jahre lang die Charlottenburger Upper Class in ihren Wohnungen. Eine Schau im Haus am Kleistpark.

Der Intellektuelle: Joachim Sartorius in seinem Charlottenburger Habitat.
Der Intellektuelle: Joachim Sartorius in seinem Charlottenburger Habitat.Ostkreuz/Anne Schönharting/Serie Habitat 2012-2022

Das Credo der Ostkreuz-Fotografie ist bekannt. Man könnte es bezeichnen als ungedrucktes Manifest der 1990 in Ost-Berlin nach dem genossenschaftlichen Magnum-Vorbild gegründeten Fotoagentur. Das lautet: Der Mensch, was sonst? Es gibt keine anderen. Und die Welt, wie sie ist.

Die 1973 in Meißen geborene Anne Schönharting kam vor 30 Jahren nach Berlin. Die Mauer war weg, alles schien auf einmal möglich. Sie wurde 1999 Teil der Ostkreuz-Gemeinschaft, reiste zu Nomaden in Kirgisien, nach Indien, zu den lange von IRA-Terror und Zwist geplagten Bewohnern von Belfast. Ihre Fotografie wechselt seither zwischen den Genres. Mal Porträt, mal künstlerische Dokumentarfotografie, mal Mode. Und oft sind es auch Sozialstudien; betrieben in den verschiedenen Kiezen, in denen sie wohnte und denen sie, wie sie es nennt, ihre „allgemeine Berlin-Sozialisation“ verdankt .

Der Kostümbildner als Hundefreund: „Peggy und Bernd Skodzig“
Der Kostümbildner als Hundefreund: „Peggy und Bernd Skodzig“Ostkreuz/Anne Schönharting/Serie Habitat 2012-2022

Inzwischen ist sie Pankowerin, und noch immer interessiert sie die Mentalität der Leute in den Vierteln der einst geteilten Stadt. Darum fotografierte sie zehn Jahre lang Bewohner von Berlin-Charlottenburg, das in den „Goldenen Zwanzigern“ Charlottengrad hieß, wegen der vielen Exil-Russen, zumeist Literaten, Künstler, Intellektuelle. Der kosmopolitische Spirit blieb, zumindest ein wenig. Der Impuls für die Charlottenburg-Serie kam 2012 von der Foto-Instanz C/O zur Eröffnung des Amerikahauses am Bahnhof Zoo.

Jetzt ist dieser Langzeitzyklus im Haus am Kleistpark zu sehen. Der Charlottenburger, die Charlottenburgerin an sich – das besagen Schönhartings subtil inszenierte und delikat wie in Altmeistergemälden komponierte Bilder – ist gutbürgerlich, bildungsbürgerlich, manchmal sogar großbürgerlich, angefüllt mit Großstadtbewusstsein. Weltbürgertum eben, ohne den Drang nach einer das Leben vor Lärm und Abgasen abschirmenden Villa in Zehlendorf oder im Grunewald.

Die Porträtmalerin und Schriftkünstlerin: „Josephine Hubalek“
Die Porträtmalerin und Schriftkünstlerin: „Josephine Hubalek“Ostkreuz/Anne Schönharting/Serie Habitat 2012-2022

Charlottenburger Citoyens fahren im Urlaub und an Wochenenden raus in die Natur, ansonsten bevorzugen sie das Wohnen an befahrenen Geschäftsstraßen, über Restaurants, Cafés, Bars, Galerien in geräumigen Gründerzeitetagen mit hell erleuchteten großen Fenstern, luxuriösen Entrees aus Marmor, Spiegeln, von Kokosläufern bedeckten Treppen. Am liebsten haben sie Räume mit Stuckdecken, altem knarrenden  Fischgrät- oder Sternparkett und eisernen Berliner Ziergittern am Balkon. Freilich finden sich zwischen den Häusern im mondänen Art-Deco- und Jugendstil auch profane, ärmlichere Nachkriegsquartiere. Auch das ist Charlottenburg.

Anne Schönharting hat sich eine unterschiedliche, sehr individuelle und privilegierte Spezies ausgesucht. Sie porträtiert Frauen und Männer aus der Kulturszene, dem Geistesleben, dem Business. Sie fotografiert Paare ohne und mit Kindern, ohne und mit Hunden. Und dies in oft geradezu cineastisch wirkenden Situationen: Wohnzimmer, Arbeitszimmer, Kinder/Jugendzimmer werden zu Alltagsbühnen, zu Orten der Selbstdarstellung und der sozialen Position. Frei nach Goethes Ausspruch „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“

Ostkreuzfotografin Anne Schönharting
Ostkreuzfotografin Anne SchönhartingAmelie Losier

In dieser Serie entsteht eine seltsam magische Atmosphäre. Welten zwischen Realität und Traum, manchmal etwas skurril wie im Motiv Hund und Herrchen Bernd Skodzig. Oder in den Porträts der Malerin Elvira Bach, deren Küche ein wenig  der legendären Paris Bar ähnelt, in der sich Berlins junge Wilde der späten Siebzigerjahre trafen. So mancher Gast, auch aus der Filmwelt, war Modell der Porträtfotografin Angelika Platen, die Schönharting in deren Ambiente traf. Man wähnt sich fast in englischen oder französischen Filmen angesichts der Protagonisten und ihres Interieurs, begegnet der Kunstvermittlerin Brigitta von Trotha-Ribbentrop, den Kunstmäzenen Loretta Würtenberger und Daniel Tümpel, Investoren des Schlossgutes Schwante und dem dazugehörigen Skulpturenpark. Sogar den ehemaligen verdienstvollen Berliner Festspiel-Chef und Poeten Joachim Sartorius hatte die Ostkreuzfrau vor der Linse.

Kunstsammler, Schlossretter, Skulpturenpark-Gründer: „Loretta Würtenberger und Daniel Tümpel mit Tochter“
Kunstsammler, Schlossretter, Skulpturenpark-Gründer: „Loretta Würtenberger und Daniel Tümpel mit Tochter“Ostkreuz/Anne Schönharting/Serie Habitat 2012-2022

Den Szenen wohnt allesamt etwas Besonderes inne Schönharting wertet nicht, sie zeigt, sie konstatiert Privates, Kultiviertes, Intimes. Man sieht die spektakulären Räume und den stilsicheren Geschmack von Leuten, die ihre Privatatmosphäre, ihren Wohlstand und ihre Kunstaffinität eher hüten, als nach draußen zu tragen. Es ist nicht die protzende Schickeria Berlins, die hier wohnt, es ist ein solides, unaufgeregtes, dezentes Kultursediment der Dreieinhalbmillionenstadt. Die Fotografin sagt, sie erlebe Berlin als einen Ort, der von seiner Diversität profitiere. Ihre ersten Charlottenburg-Fototermine, besonders der Besuch der Raumstylisten Karsten von Kuczkowski und Frank Dingel, bezeichnet sie als „Reise in unbekannte Welten in meiner eigenen Stadt“.

Theatermann Bernd Skodzig, inszeniert wie ein altmeisterliches, niederländisches Stillleben 
Theatermann Bernd Skodzig, inszeniert wie ein altmeisterliches, niederländisches Stillleben Ostkreuz/Anne Schönharting/Serie Habitat 2012-2022

Fotografisch und künstlerisch ist Anne Schönharting vom Anfang an beeinflusst von den Alten Meistern der Malerei, der Komposition von  erzählenden Gegenständen, Farben, Figuren, dem Arrangement von antiquarischen und Designer-Möbeln, Teppichen, Lampen, Büchern, Bildern, Skulpturen, Zimmerpflanzen. Das liege, erklärt sie, vor allem an ihren unzähligen Besuchen in der Dresdner Gemäldegalerie, schon seit Kindertagen. Etwas Vertrautes und gleichzeitig Neues habe sie im alten West-Berlin wiedergefunden. Genauer: In den kreativen Habitaten der sesshaften Charlottenburger Oberschicht.

Habitat. Haus am Kleistpark, Grunewaldstr. 6/7, bis 11. Dezember Di-So 11–18/Do bis 20 Uhr. Sonderöffnungszeiten: Do 3.11. bis 16.30 Uhr, Fr 4.11. und Sa 5.11. bis 20 Uhr, Eintritt frei. Zur Ausstellung erscheint das Buch „Habitat“ (Hartmann Books), 68 Euro.