Monica Bonvicinis zärtlich-brutaler Tempelsturm in der Neuen Nationalgalerie

Die Künstlerin Monica Bonvicini wagt es, mit der Ansage „I do You“ in die ikonische Mies-Architektur der Neuen Nationalgalerie einzudringen.

Macht, Sex, Spiel und bizarre Partyszene: Bonvicinis Kampfansage an eine noch immer männlich dominierte Kunstwelt.
Macht, Sex, Spiel und bizarre Partyszene: Bonvicinis Kampfansage an eine noch immer männlich dominierte Kunstwelt.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

Es ist tatsächlich möglich: Der unerbittliche Berliner Denkmalschutz lässt einer wenig geschmeidigen Kunst alle Freiheit. Die Stirnfassade des gläsernen Mies-van-der-Rohe-Tempels ist verbarrikadiert mit einer riesigen Spiegelfläche. Darauf steht in schwarzen Folienbuchstaben, wie eine feministische Kampfansage an diese maskuline Architekturikone der Moderne: „I do You“. Wer links und rechts durch die Drehtür die Neue Nationalgalerie betreten will, steht zuvor sich selbst gegenüber: Ich Dich? Du mir?

Dabei werden die Potsdamer Straße, der Verkehr, die Gebäude gegenüber, der Himmel, die laublosen Bäume gleich mitgespiegelt. Das Museum und die Stadt verbinden sich durch diesen materiellen Effekt. Und ich kleiner Mensch gerate dazwischen. Spüre, erst erschrocken, dann staunend, dass ich doch ein, wenn auch gealterter, Teil dieser urbanen Konstellation „Berlin“ bin. Ein Glied in der Kette der Sozialisation, im unentrinnbaren Dauerrhythmus dieser (samt Touristen) fast Vier-Millionen-Stadt.

Monica Bonvicini vor ihrer spiegelnden Schriftbarrikade am Eingang zur Neuen Nationalgalerie
Monica Bonvicini vor ihrer spiegelnden Schriftbarrikade am Eingang zur Neuen NationalgalerieBenjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

Das ist ja immer so mit den ausgesprochen körperlichen und trotz ihrer Sperrigkeit emotionalen Skulpturen der seit dreißig Jahren in Berlin lebenden Venezianerin Monica Bonvicini. Die 57-Jährige ist seit 2017 Professorin an der UdK. Bereits 1999 erhielt sie den Goldenden Löwen auf der Venedig Biennale – und 2005 den Preis der Nationalgalerie. Nun, 17 Jahre später, darf sie in einem großen, von Joachim Jäger und Irina Hiebert Grun kuratierten Ausstellungsspektakel das Mies-Heiligtum aufmischen. Sie setzt dabei dem Respekt gebietenden Architekturgestus des Bauhausmeisters ihre zärtlich-brutale Gotteslästerung aus kruden Baugerüsten vor den Nimbus. Den strengen rechten Winkeln und der kargen Bauhausgeometrie dieser Pilgerstätte der Moderne baut sie eine irritierende, alles Geschehen reflektierende Spiegelwand ein.

Bonvicini hat die Kühnheit, darüber noch eine metallene Empore als zweite Ebene zu setzen. Mit einem Bilderteppich von wie nach einer wüsten Party oder einer Razzia auf dem Fußboden verstreuten Klamotten. Darüber hängen an SM-Interieurs erinnernde Kettenschaukeln mit Lederlappen und grelle Neonröhrenleuchten, von der Hallendecke baumeln Handschellen. Da kennt sich offenbar jemand aus in der Welt aus Macht, Sex, Spiel und bizarrer Partyszene. Dreht sich Mies jetzt wohl im Grabe um bei diesen anzüglichen Implantaten?

Brachial implantiert ins Mies-Heiligtum: „Scale of Things (to come)“, Bonvicinis Treppenskulptur aus Stahlrohren und Metallketten von 2010. Sie führt hoch zum „Upper Floor“.
Brachial implantiert ins Mies-Heiligtum: „Scale of Things (to come)“, Bonvicinis Treppenskulptur aus Stahlrohren und Metallketten von 2010. Sie führt hoch zum „Upper Floor“.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

Wo Bonvicini draufsteht, ist auch Bonvicini drin: Dieses kontroverse und ambivalente Zusammenspiel von Gewalt und Geschlechterrollen, ebenso die Metaphorik männlicher Architektur, auch die Gewalt von Sprache. Und dazu gibt es unsanfte Geräusche. Diese spröde Künstlerin setzt sich unsanft mit dem Erbe der Moderne auseinander. Und das als Feministin.

Der Druck aus dieser Richtung brachte sie allerdings unlängst in die verzwickte Lage, sich aufgrund (bislang unbewiesener) MeToo-Anschuldigungen gegen ihren langjährigen Berliner Galeristen Johann König von diesem zu distanzieren. Die endgültige Trennung schließlich geschah auf Social Media-Druck einer feministischen Gruppe. Die heikle Angelegenheit durchwabert die internationale Kunstszene und überschattet denn auch Bonvicinis Ausstellungsbeginn.

Die Kettenhängematte malträtiert Rücken, Po und Waden

Die künstlerische Methode der Italienerin ist die verstörende Intervention in Räume, nicht in gestörte menschliche Beziehungen. Aber ihre irritierenden skulpturalen Aufbauten funktionieren nur durch das aktive Mitwirken des Publikums: Sehen, Hören und Mitmachen. Das heißt hier in der Oberhalle des Mies-Baus konkret: Ich stoße unweigerlich gegen die (zum Glück weiche) Kunststoffspiegelwand und das eigene Abbild. Ich steige auf einer verzinkten Stahlrohrtreppe hoch auf die vergitterte Empore, laufe über den Teppichboden mit dem Kleidermuster und schaukle in einer der klingelnden, Rücken, Po und Waden arg malträtierenden Kettenhängematten. Vor den Handschellen habe ich mich gedrückt. 30 Minuten lang, so die Einladung, kann man sie zuschnappen lassen. Dann wird man von der Museumsaufsicht befreit. Eine auf Vertrauen bauende Performance.

Handschellen  zur Publikumsbenutzung baumeln von der Museumsdecke.
Handschellen zur Publikumsbenutzung baumeln von der Museumsdecke.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

„Spiel mit! Mach mit!“, so lautet die Aufforderung. Denn vollenden wird das Kunstwerk sowieso erst der Betrachter. So sahen schon die Dadaisten, dachten sich John Cage und Marcel Duchamp ihre Kunst. Ohnehin gibt es in Bonvicinis Skulpturen und Installationen mannigfache Bezüge zur Konzeptkunst, zum Minimalismus, zu Dada und auch Surrealismus. Und ebenso findet man Institutions-, Politik- und Sozialkritik und Querverbindungen zu feministischen und queeren Subkulturen. Und wie Beuys stellt sie sich durch Teilhabe die „soziale Plastik“ vor. Darum dient während der Laufzeit ihrer Schau der rechte Teil der Oberhalle mit Sofas und Tischchen auch außerhalb der Öffnungszeiten als winterliche Wärme- und Teestube: Immer dann, wenn abends oder nachts das Licht an ist. Auch das gehört für Bonvicini zur „sozialen Plastik“.

Die Überhöhungen und Mythisierungen von Berliner Bauten

So gesehen geht sie durchaus „klassisch“ vor. Sie behauptet zumindest nicht, das Kunstrad total neu erfunden zu haben. Umso mehr erinnert sie daran, was massive städtebauliche Prozesse sind: Mit „2 Tonnen Alte Nationalgalerie“, einem Ziegelsteinhaufen auf dem Travertinboden des Mies-Baus, setzt sie Gedanken in Gang, die sich um die ständigen Sanierungen, Reparaturen und auch politischen Paradigmenwechsel Berlins drehen. Sie sagt, wie vielsagend für sie „die verborgenen Mechanismen solcher historischen wie politischen Aufladungen, die Überhöhungen und Mythisierungen“ sind.

Kuschelig ist auch Bonvicinis eher intime Rauminstallation oben auf der Empore nicht: „Light Me Black“ leuchtet grell herab.
Kuschelig ist auch Bonvicinis eher intime Rauminstallation oben auf der Empore nicht: „Light Me Black“ leuchtet grell herab.dpa

Und eben darum macht sie, toleriert vom Denkmalschutz, das kanonisierte Gebäude und damit den öffentlichen Raum jetzt zur Verhandlungsebene des Privaten, Intimen, des Intro- wie Extrovertierten: Wie gehen wir im Raum miteinander um? Welche Strukturen und Machtverhältnisse sind in den Boden, die Wände oder die transparente Glasfassade eingeschrieben? Aus den Lautsprechern dröhnt Poltern, Krach und Scheppern. Es ist Baulärm, neben dem Autoverkehr das Grundrauschen Berlins, wo der Alltag seit ewigen Zeiten – und umso mehr nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung – eine Dauerbaustelle ist.

Monica Bonvicini: I do You. Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50. Di–So 10–18 Uhr. Bis 30. April 2023