Berlin-Prenzlauer Berg: Die Schönhauser Allee in Fotografien aus der DDR-Zeit

Sibylle Bergemann, Arno Fischer, Harald Hauswald, Roger Melis machen die Straße und das Land zur Projektionsfläche für Lebenslust, Melancholie, Schönheit, Trotz.

York der Knoefel: Ira, Berlin, 1986
York der Knoefel: Ira, Berlin, 1986York der Knoefel

Die Schönhauser Allee war nie einfach irgendeine Straße. Die Hauptverkehrsstraße in Prenzlauer Berg wurde in Liedern besungen, in Filmen verehrt. „Berlin – Ecke Schönhauser“ aus dem Jahr 1957 etwa, für den Wolfgang Kohlhaase das Drehbuch geschrieben hat. Sie zieht sich von der Alten Schönhauser Straße im Süden bis zur Berliner Straße im Norden, erst Ende des 19. Jahrhunderts wurden hier die fünfstöckigen Mietskasernen mit Quergebäude und Hinterhaus erbaut, die sie bis heute prägen. Für ihre Unverwechselbarkeit aber sorgt die Anfang des 20. Jahrhunderts errichtete Hochbahn, die eigentlich eine Untergrundbahn sein sollte, aber das ging aus Kostengründen nicht.

Barbara Metselaar-Berthold: Schönhauser Allee, Berlin, 1978
Barbara Metselaar-Berthold: Schönhauser Allee, Berlin, 1978Barbara Metselaar-Berthold

Die Ausstellung in der Galerie Parterre widmet sich der Straße, so wie Fotografen sie gesehen haben, Fotografen aus Ost und West, aber vor allem aus Ost, so wie auch die meisten Fotos, die hier an den Wänden hängen, zu DDR-Zeiten entstanden sind. Es sind fast nur Schwarz-Weiß-Fotos, die hier zu sehen sind, aber die Straße und das Land, die DDR, erscheinen nicht als Reich der Grauschattierungen, sondern als Projektionsfläche und Kulisse für Lebenslust, Melancholie, Schönheit, Trotz. Unter den Ausgestellten ist etwa Helga Paris mit Bildern aus ihrer Serie des Currywurst-Imbisses Konnopke unter der Hochbahn. Ein Mann fasst die Wurst zwischen zwei Fingern, schaut dabei mit leerem Blick in die Ferne, eine schwarze Aktentasche zwischen den Beinen. Hinter ihm ein anderer mit Haaren bis auf die Schultern. Auf einem anderen stehen zwei Mitarbeiterinnen in weißen Kittelschürzen Arm in Arm neben der Bude.

Ludwig Rauch: Café Nord, 1987 – 1988
Ludwig Rauch: Café Nord, 1987 – 1988Ludwig Rauch

Die Hochbahn ist Anziehungspunkt

Die Hochbahn erweist sich als Anziehungspunkt für fast all die namhaften Fotografinnen und Fotografen aus Ost-Berlin. Sibylle Bergemann und Arno Fischer inspirierte die Umgebung zu Modeaufnahmen. Eine der wenigen Farbaufnahmen, sie ist von Arno Fischer, zeigt zwei Fotomodels vor dem Aufgang zum U-Bahnhof Dimitroffstraße (heute Eberswalder Straße). Sibylle Bergemann hat eine ganze Fotostrecke für die Modezeitschrift Sibylle oben auf dem Bahnsteig fotografiert. Roger Melis hielt 1978 den Empfang des Astronauten Siegfried Jähn fest, Robert Paris blickt 1985 auf die Gleise der Hochbahn. Von Brigitte Voigt ist das Bild des Fotografenkollegen Michael Weidt, der seiner Frau Feuer gibt, es wirkt wie ein Schnappschuss. Den Himmel über Berlin verdunkeln die Gleise der Hochbahn. Mit Uwe Steinbergs Zyklus „Schönhauser Allee“ aus den frühen Achtzigern kommt man in ein Wohnzimmer, in dem eine Hochzeit gefeiert wird, in eine Kneipe, eine Kaufhalle.

Harald Hauswald: Berlin, Prenzlauer Berg, 1985
Harald Hauswald: Berlin, Prenzlauer Berg, 1985Harald Hauswald/Ostkreuz

Der Gegenwart widmet sich ein Video von Kurt Buchwald. „Das Amt für Wahrnehmungsstörung am 31.10.21“, zeigt die Kreuzung Schönhauser Allee/Danziger Straße und verweist auf den schnellen Wandel im Prenzlauer Berg.

Schönhauser Allee, Galerie Parterre, Danziger Straße 101, bis 20. November, Mi.–So. 13–21 Uhr, Do. 10–22 Uhr. Am 17. November findet eine Lesung aus dem Buch „Erinnern stören: Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive“ (Verbrecher Verlag) mit Massimo Perinelli, Cynthia Zimmermann und Felix Axster statt. Der Ausstellungskatalog erscheint ebenfalls am 17. November.