Über den großen Fenstern des Neuen Berliner Kunstvereins lassen weiß auf grün (auf die Farbe der Hoffnung) gesetzte Schriftbänder keinen Zweifel daran, dass es drinnen gegenwärtig, politisch aufgeladen und emotional zugehen wird. Da liest man: „Noch ein Morgen. Noch eine Nacht. Noch eine Hoffnung. Noch eine Angst. Noch ein Jahr.“ Die Schrift hat die US-amerikanische Konzeptkünstlerin Barbara Kruger dort angebracht, schon im vergangenen Jahr, als die Welt noch von Lockdown zu Lockdown lebte und auf Öffnung hoffte, aber an Krieg in Europa noch keiner dachte.

Jetzt, wo all unsere Ängste und Hoffnungen in die von Putins Armee überfallene Ukraine wandern, bekommen die Lettern neue Wucht. Und so ist auch der Titel der Bilanzschau der elf Senatsstipendiaten vielsagend: „Thunder in Your Throat“, den Titel wählten die Kuratorinnen Layla Burger-Lichtenstein und Michaela Richter nach einem Song. Er bezieht sich auf eine Zeile aus dem Lied „Formwela 3“ der amerikanischen Jazzerin Esperanza Spalding, die auffordert, alles, was tief in der Kehle steckt, herauszuschreien.

n.b.k. / Jens Ziehe
Anne Duk Hee Jordan & Pauline Doutreluingne: Skulptur mit Video: „Diasporae“, 2021.

Viele der Arbeiten, oft raumgreifende Installationen, sind Kooperationen von Duos. Jeder der in Berlin lebenden Stipendiaten erhielt – nach strenger Juryauswahl – fürs Jahr 2021 je ein Stipendium des Kultursenats von 18.000 Euro als gesichertes Jahreseinkommen. Die elf Ausgewählten danken es mit bildstarken Kondensaten zum Zustand unserer Welt. Nah dran an den Folgen von Krieg, Flucht, Vertreibung und Klimakrise ist die türkischstämmige Ezgi Kilincaslan. Ihr Video „Vicious Cycle“ erzählt eine postapokalyptische Geschichte von einer dürftigen Behausung, einem Fluchtort: In einem Waldstück, unter einer Folie, wie man sie in Gärten als temporäres Gewächshaus nutzt, haust die Künstlerin selbst, einzige Gefährtin ist eine Schaufensterpuppe. Regen prasselt auf die Plane, Wasser tropft und fließt in die trostlose Szene.

Die Frau versucht, die Lecks zu schließen. Vergeblich. Durch jeden Riss, den der Wind der Folie zufügt, schaut der stumme, unbarmherzige Nachthimmel herein, dann klatscht wieder der Regen auf die notdürftige Unterkunft. Kilincaslans theatralische und zugleich schmerzhaft poetische Inszenierung führt vor, welche Folgen Umweltzerstörung, Gewalt und Krieg für Mensch und Natur haben. Auf dem Boden liegt eine Skulptur aus Pinienzapfen, die auch im Video als kinetisches Objekt auftaucht, gleichnishaft wie eine zweite Haut, in die die menschliche Spezies zum Überleben kriechen müsste.

n.b.k., Chausseestr. 128/129, bis 1. Mai, Di–Mi 12–18 / Do–So 12–20 Uhr. Begleitprogramm zur Schau: www.nbk.org