Brett Charles Seiler und seine Liebe im geschützten Raum

Mit „Riding In Cars With Boys“ stellt der Künstler aus Kapstadt erstmals in Europa aus. Er ist eine Entdeckung der Galerie Eigen + Art. Ab heute bis 11. Februar, Di.–Sa. 11–18 Uhr

Brett Charles Seiler: „Riding In Cars With Boys“, 2022, Bitumen/Wandfarbe auf Leinwand
Brett Charles Seiler: „Riding In Cars With Boys“, 2022, Bitumen/Wandfarbe auf LeinwandGalerie Eigen + Art/Peter Oliver Wolff

Ein Romantiker ist vom Kap der guten Hoffnung nach Berlin gereist, samt seiner Bilder mit Szenen der Zärtlichkeit. Brett Charles Seiler, geboren 1994, stellt mit „Riding In Cars With Boys“(Unterwegs mit Jungs) erstmals in Europa aus. Entdeckt hat ihn Eigen+Art-Galerist Judy Lybke 2020 auf einer Ausstellung in Kapstadt.

Fünf Jahre zuvor schloss Sailer, Kind englischer Eltern in Zimbabwe, das Kunststudium an der Ruth Prowse School of Art in Kapstadt ab. Nach Südafrika war er gegangen wegen der Politik in seinem Geburtsland Zimbabwe. In der einstigen Kornkammer Afrikas herrscht nicht nur bittere Not durch Dürre. Das diktatorische System ging auch sehr rigide gegen Homosexualität vor. Der junge Maler wusste früh, dass er schwul ist, und wollte mit seinem Liebsten einfach nur legal zusammenleben. Im liberaleren Kapstadt, sagt er, sei das möglich, sogar zu heiraten. Und er konnte dort auch sein Lebensgefühl, seine Leidenschaft in Bildern ausdrücken, ohne bedroht, gar misshandelt oder eingesperrt zu werden.

Brett Charles Seiler: „Untitled (Black Background)“, 2022, Bitumen/Wandfarbe auf Leinwand
Brett Charles Seiler: „Untitled (Black Background)“, 2022, Bitumen/Wandfarbe auf LeinwandGalerie Eigen + Art/Peter Oliver Wolff

Auf den Leinwänden des rotblonden Lockenkopfes geht es um Gender und Sexualität. Alles, was er malt, seinen Mann, die Freunde, unterläuft patriarchalen und heteronormativen  Traditionen. Er zeigt fast naive Intimität und Zärtlichkeit zwischen Männern. Doch er spannt die oft collageartigen Szenen in seltsam melancholisch-monochrome Räume mit leeren Hintergründen, nur angedeuteter Linear-Perspektive – Parkett, Tische, Bett, Fenster, Zimmerpflanzen. Alles wirkt zusammenhangslos, unbestimmt und rätselhaft. Seine schablonenhaften Figuren verweigern sich Regeln und Tabus. Zugleich aber wirken die Körper verletzlich. Und es ist auch die Sprache, es sind Worte für das, was angeblich aus der (sexuellen) Norm fällt, die verletzt: Dafür hat er 26 schwarze Tafeln auf Regal-Paneele gestellt; man liest in weißen Buchstaben all die Klischees, die Begriffe, die Schimpfworte der Homophoben, ebenso Worte der Gegenwehr.


Brett Charles Seiler: eine der 26 ausgestellten Schrifttafeln
Brett Charles Seiler: eine der 26 ausgestellten SchrifttafelnGalerie Eigen + Art/Michael Hall, Cape Town

Seiler sieht sich nicht als Aktivist, seine Ausdrucksweise ist eher poetisch, nostalgisch-romantisch. Der private Raum – die Wohnung, das Atelier – stellen das Interieur, den sicheren Rückzugsort für Geborgenheit. Seine Farbpalette ist reduziert, Monochrom und Weiß, hie und da etwas Blau für Wasser, Grün für die Pflanzen, Braun für Holz, die Figuren weiß oder dunkel. Er nimmt handelsübliche Wandfarbe und für die dicht deckenden Schwarztöne Bitumen. Dessen Mineralölgehalt sorgt bei bestimmtem Lichteinfall für ein romantisches Schimmern. Mit diesem Effekt verbindet Seiler, wie er es beschreibt, das schwierige, aber befreiende Outing.

Galerie Eigen + Art Berlin, Auguststr. 26, bis 11. Februar, Di.–Sa. 11–18 Uhr